Von John Goetz, Marcel Rosenbach und Holger Stark
Ein zweiter Komplex, bei dem die Kriegsherren bei Centcom offenbar die deutschen Details zu schätzen wussten, handelt von der irakischen Luftabwehr. Reiner Mahner und Volker Heinster, die beiden Deutschen in Bagdad, klärten mehrere irakische Flughäfen in Bagdad und Umgebung und Abwehrstellungen der irakischen Armee auf. Am 16. Februar passierten sie den kleineren Muthanna-Airport, der rund 15 Kilometer Luftlinie vom Hauptflughafen Bagdads liegt, und schossen das Foto von einem Roland-Flugabwehrsystem. Die Männer vom BND ergänzten die Beobachtung mit einer grundsätzlichen Einschätzung der Luftabwehr: "Typisch für die IRQ-Luftabwehr ist die Positionierung auf einem künstlich aufgeschütteten Hügel", heißt es in dem Bericht.
Der Irak schien zur Luftabwehr mehrere Roland-Batterien installiert zu haben, jedenfalls war das der Eindruck, den die deutschen Aufklärer gewannen, nicht nur am Muthanna-Airport, sondern auch bei Ramadi, gut hundert Kilometer im Westen Bagdads. Dort hätten sie einen zusätzlichen "Hügel für das Roland-System" ausgemacht, berichteten sie.
Zu jener Zeit hatte der BND noch keinen Beamten nach Katar zu Centcom entsandt. Der Informationsaustausch verlief nach Angaben von Marks und einem seiner engsten Mitarbeiter über mehrere amerikanische Verbindungsbeamte der US-Armee in Deutschland, die engen Kontakt zum BND unterhielten. Auf diesem Weg seien mehrfach vertrauliche Informationen ausgetauscht worden.
USA bliesen Luftangriff auf Bagdader Flughafen ab
Ende Februar meldeten die Kundschafter vom BND Aktivitäten vom größten Flughafen des Irak, dem Saddam International Airport der Hauptstadt. "Seit dem 23.2.2003 abends haben IRQ-Streitkräfte begonnen, in der Nähe der Raffinerie von Dora und in der Nähe von Saddam International Airport Rauchschleier zu legen", schickten sie der BND-Zentrale. "Die IRQ-Seite hofft anscheinend, damit die USA-Satellitenaufklärung zu behindern."
Zwischen der Raffinerie und einer Ringautobahn um Bagdad hätten die irakischen Streitkräfte eine "Scheinstellung aufgelegt. Sie haben dazu Anhänger im typischen Roland-Anstrich lackiert und auf Anhänger einer Blechwanne angebracht. Aus der Ferne ist eine Verwechselung mit einer Roland-Flugabwehrstellung durchaus möglich." Als Anlage übermittelten die Agenten zwei Fotos. Der Rapport erreichte Katar am 25. Februar um 2.41 Uhr nachmittags, es war einer der ersten Berichte, die an Franks Centcom über den dort installierten BND-Verbindungsbeamten gingen.
In jenen Tagen spielten die Amerikaner mehrere Optionen durch, unter anderem einen Angriff auf den Bagdader Flughafen aus der Luft. Doch nach längeren Diskussionen bliesen sie die Kommandoaktion ab - laut Marks und mehrerer Centcom-Mitarbeiter gestützt unter anderem auf die Meldungen der Deutschen. Das Risiko erschien ihnen zu groß.
SPD klagt über "bodenlose Nullnummer"
Die SPD nennt diese Entscheidung eine "bodenlose Nullnummer", doch Marks bekräftigt sie auf Nachfrage des SPIEGEL. Die Informationen der Deutschen von den Flughäfen hätten "entscheidenden Anteil" an der Entscheidung gehabt, keine Fallschirmspringer abzusetzen, sondern stattdessen mit Bodentruppen vorzurücken.
"Wir nennen das militärisch 'Templating'", erklärt der Ex-General, er meint damit das Herausarbeiten eines grundsätzlichen Verhaltensmusters des Feindes. Wenn bekannt sei, dass es mehrere Roland-Stellungen gebe, "gehen wir bis zum Beweis des Gegenteils davon aus, dass alle Flughäfen ähnlich verteidigt werden". Zudem handle es sich bei dem Roland-Luftabwehrsystem um ein "mobiles, besonders gegen Helikopter sehr effektives Waffensystem, bei dem wir davon ausgehen mussten, dass die Iraker es zum Internationalen Flughafen verlegen würden" - die rund 15 Kilometer Luftlinie wären dafür kein großes Hindernis gewesen.
Die entscheidende Erkenntnis sei "die Tatsache gewesen, dass die Iraker offensichtlich Roland-Flugabwehrsysteme besaßen" und sie in der Nähe von Bagdad stationiert hätten, erinnert sich einer von Marks' früheren Mitarbeitern, der noch heute in der US-Armee als Offzier arbeitet. "Ein Roland-System hat seine eigene Zielerfassung und ist besonders gefährlich für langsamere Transportflugzeuge und Hubschrauber."
Marks ist einer der wichtigsten Zeitzeugen des Irak-Kriegs
Opposition wie SPD sind nun parteiübergreifend einig, die Amerikaner zu all diesen Punkten anzuhören. Es geht um die zweite Seite eines historischen Bildes, das bislang ausschließlich mit deutschem Material gezeichnet wurde und deshalb zwangsläufig einseitig war. Für ein vollständiges Bild braucht der Ausschuss auch die amerikanische Perspektive, die von früheren Verantwortlichen wie Tommy Franks, James Marks, Carol Stewart oder Marc Garlasco beschrieben wird. Sie alle werden wohl als Zeugen geladen.
Der Ausschuss wird dann auch klären müssen, welche Details tatsächlich die US-Auswerter erreichten und auf welchem Weg. Deutsche Geheimdienstler haben mittlerweile eingestanden, dass es auch mündliche Unterrichtungen gab, nicht nur schriftliche. Ex-General Marks, mehrere seiner früheren Mitarbeiter, aber auch der ehemalige Pentagon-Beamte Marc Garlasco wollen sich an diverse Details erinnern können, von denen die SPD annimmt, sie seien vom BND zurückgehalten worden. Die Bundesregierung könnte zur Wahrheitsfindung beitragen und bisher zurückgehaltenes Geheimmaterial freigeben.
Der Versuch, James Marks als "angeblichen Kronzeugen der abgehalfterten Bush-Regierung" zu diffamieren, dem es nur darum gehe, die rot-grüne Bundesregierung mit in die Verantwortung für das Irak-Desaster zu nehmen, ist ohnehin ziemlich zweifelhaft. Der Ex-General gilt in den USA als einer der wichtigsten Zeitzeugen für die Geschehnisse des Irak-Kriegs. Der Watergate-Enthüller Bob Woodward stützt sich in seiner Abrechnung mit der Bush-Administration ("State of Denial") in weiten Passagen auf Marks' Schilderungen.
Marc Garlasco, der Marks' Einschätzung in weiten Teilen bestätigt, taugt für solche Etiketten ebenso wenig. Der ehemalige Pentagon-Mann arbeitet heute für die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch.
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