Aus Wiesbaden berichtet Severin Weiland
Diesmal muss er Themen gar nicht aufbauschen, diesmal sind sie da und sind passgerecht. Da ist der "Wortbruch" Ypsilantis, die vor der jüngsten Wahl geschworen hatte, sich nicht auf die Linkspartei einzulassen. "Dieser Wahltag ist auch ein Tag, an dem über Verlässlichkeit von Parteien und Politik gesprochen wird", sagt er.
Das Thema Bildung, das zu seiner Niederlage ebenfalls beigetragen hatte, spielt kaum noch eine Rolle. In Kassel wird der Saal leise, als er auf das verkürzte Abitur zu sprechen kommt, das so viele Eltern aufbrachte. "Ich verhehle gar nicht, vielleicht waren wir manchmal nicht behutsam genug", sagt er.
Koch, der Einsichtige.
Vor allem aber gibt es die drohende Wirtschaftskrise. Koch, der kleinste Daten und Fakten im Kopf hat, der mühelos in einem bäuerlichen Betrieb über EU-Subventionen und wenige Stunden später vor Opel-Arbeitern in Rüsselsheim über die Absatzkrise der Automobilindustrie sprechen kann, hat hier sein Thema gefunden. Oder ist das Thema zu ihm gekommen? Was, wenn es diese Krise nicht gäbe?
Als Ministerpräsident kann Koch in der Krise gleich noch zwei Rollen mitspielen, die ihm auf Bundesebene ohnehin nachgesagt werden: Finanz- und Wirtschaftsminister. In der Stadthalle Rüsselsheim spricht er vor Opel-Arbeitern, danach geht der hessische Wirtschaftsminister Alois Riehl ans Pult. "Was soll ich eigentlich noch sagen?", verblüfft der CDU-Mann die rund 300 Zuhörer. Mit Koch hätten sie einen Ministerpräsidenten, der so viel Kompetenz besitze, "dass er eigentlich keinen Wirtschaftsminister mehr braucht".
Passend zum Bild des zupackenden Krisen-Koch hat die CDU sich einen eingängigen Slogan ausgesucht: "In Zeiten wie diesen". Altmodisch, fast literarisch und vielleicht gerade deshalb so vertraut klingt die Botschaft. Hier Stabilität, dort Unberechenbarkeit. Das ist die Gleichung, und sie scheint aufzugehen. Thorsten Schäfer-Gümbel, der SPD-Spitzenkandidat, taucht in Kochs Reden allenfalls am Rande auf. Der sei "die Kühlerfigur, aber am Steuer des Autos sitzt Andrea Ypsilanti".
Koch ist vorsichtiger geworden
Es ist ein vergleichsweise milder Scherz. Koch ist auch da vorsichtiger geworden. Immerhin schafft es der SPD-Mann aus dem Nichts heraus bei den Sympathiewerten im direkten Vergleich auf 36 Prozentpunkte zu kommen - Koch auf 48. Für einen Amtsinhaber, der zehn Jahre regiert, sind das keine überragenden Werte. Koch, der gerne auch einmal die Kante zeigt, spaltet; er ist kein Christian Wulff, kein sanfter Niedersachse.
Und doch versucht er diesmal, auch die anderen zu gewinnen. Die, die sich überwinden müssen, um das Kreuz bei der CDU zu machen. In Nordhessen, seit jeher eine strukturschwache Region und Hochburg der SPD, setzt er auch auf die Enttäuschung der gegnerischen Klientel. In der Autobahnraststätte Werra-Meißner haben sich rund 50 ältere Bürger versammelt, er spricht vom Ausbau der A44 und A49, vom Flughafen in Kassel-Calden, den Rot-Grün in ihrem Koalitionsvertrag verhindern wollten. Die SPD sei zu schwach gewesen, um den grünen Forderungen zu widerstehen. Rot-Grün dürfe es nicht geben, im Interesse Nordhessens. "Sprechen Sie mit Ihren Nachbarn, auch ihren sozialdemokratischen", schwört er die Zuhörer ein.
Koch wird, wie es aussieht, mit den Liberalen regieren können. Damit wird fortgesetzt, was vor sechs Jahren endete. Die vergangenen zwölf Monate aber, in denen sich Andrea Ypsilanti heillos in der SPD verhedderte, hat er genutzt, um sich selbst politischen Bewegungsraum zu verschaffen. Er sprach mit den Grünen, allein das schon ein Zeichen in Hessen, wo es seit jeher härter zugeht als anderswo in der Republik. Eine schwarz-grüne Erwärmung ist bei solchen Gesprächen zwar nicht herausgekommen, aber die Öffentlichkeit erlebte auch da einen anderen, zumindest einen vielschichtigeren Koch.
Das irritiert sogar manchen Anhänger. In der Stube eines Bauernhofs im verschneiten Wehrheim im Taunus wird Koch von einem Schafzüchter auf die Blauzungenseuche angesprochen. Der Mann ist nicht nur wegen der fehlenden Impfungen in Sorge. Am Ende sagt er erregt: "Sie werden gewinnen, aber nicht so hoch, dass Sie keinen Partner brauchen." Ob Koch ihm garantieren könne, dass die Bauern keinen Grünen als Landwirtschaftsminister bekämen?
Koch, ein Glas Milch in der Hand, antwortet, was er auch sonst in diesen Wochen sagt: Eine bürgerliche Koalition wolle er, "dazwischen gibt es nichts". Dann macht er eine kunstvolle Pause: "Ob das auf Dauer sich ändern wird, weiß ich nicht. Geschichte ist fließend."
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Deutschland | RSS |
| alles zum Thema Landtagswahl in Hessen 2009 | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH