Von Florian Gathmann
Berlin/Wiesbaden - Was ist schon ein goldener Lorbeerkranz gegen ein Ministeramt, erst recht gegen das eines stellvertretenden Regierungschefs? Die Antwort ist recht leicht, Tarek Al-Wazir kennt sie in jedem Fall. Und deshalb wird er die Ehrung zwar souverän ertragen haben, die ihm seine Leute zu Beginn der ersten Grünen-Fraktionssitzung im Wiesbadener Landtag zuteil werden ließen. Immerhin, er hat als Spitzenkandidat mit 13,7 Prozent das beste Ergebnis der hessischen Geschichte erreicht. Aber worauf Al-Wazir auch diesmal hinarbeitete, ist wieder nicht gelungen: die Grünen in die Landesregierung zu führen.
Al-Wazir (M.) mit Roth und Özdemir: Verstärkung für die Bundes-Grünen?
Der Offenbacher Tarek Al-Wazir, laut Umfragen der beliebteste hessische Politiker, ist ein bisschen wie ein König ohne Land.
Und deshalb erscheint nach beinahe zehn Jahren, die der Grünen-Politiker an der Spitze der hessischen Landtagsfraktion stand, ein Wechsel nach Berlin immer wahrscheinlicher. Auch wenn sich Al-Wazir selbst in der Öffentlichkeit immer noch unentschlossen gibt - und "nichts ausschließen will". Im hessischen Fernsehen sagte Al-Wazir nach der Wahl folgenden Satz: "Ich brauche jetzt ein bisschen Urlaub, um nachzudenken und durchzuschnaufen." Außerdem müsse er sich mit seiner Familie besprechen. "Erschöpfte Menschen treffen keine guten Entscheidungen." So lautet die Interpretationshilfe seiner Sprecherin.
Allerdings ist es wohl so: Selbst ein erschöpfter Tarek Al-Wazir könnte den Grünen im Bundestag noch eine gewisse Erfrischung bringen.
Dass der 38-Jährige im Herbst ausgeruht nach Berlin geht, hoffen viele in der Partei. Denn selbst ihm weniger Wohlgesinnte räumen ein, dass Al-Wazir eines der wenigen politischen Grünen-Schwergewichte ist. Allerdings mit einem, nicht unwesentlichen, Unterschied zu Leuten wie Fritz Kuhn, Renate Künast, Claudia Roth oder Jürgen Trittin: Der Hesse ist mindestens 15 Jahre jünger als jeder aus dem grünen Macht-Quartett der Ü-Fünfziger.
Für Al-Wazir spricht: Er kann eigentlich alles. Öffentlich sprechen, scharf analysieren, führen und zusammenführen. Ein Realo, der auch mit den Parteilinken kann. Ein geborener Fraktionschef eben.
Die Jüngeren unterstützen Al-Wazir offen
"Seit ich Tarek Al-Wazir im Jahr 2000 in einem Tübinger Keller erlebt habe, weiß ich, dass er ein ganz Großer wird", sagt Boris Palmer, 36. Der Tübinger Oberbürgermeister, dem Al-Wazir damals im Wahlkampf für den baden-württembergischen Landtag half, gehört wie der Hesse zur Generation der jüngeren aufstrebenden Grünen aus dem Realo-Lager. Palmer spricht sich für dessen Wechsel nach Berlin aus - genauso wie Parteichef Cem Özdemir. Der hatte sich schon am Tag nach der Hessenwahl entsprechend geäußert. Özdemir wünscht sich, Al-Wazir möge "sehr bald" in die Bundespolitik wechseln. Auch der Vorsitzende gehört mit 44 zu den jüngeren Führungs-Grünen.
Weil die Partei öffentlich daran festhält, dass sie nach der Wahl am 27. September wieder im Bund mitregieren wird, führt an Al-Wazir eigentlich kein Weg vorbei. Denn dann würden die mächtigen Ü-Fünfziger die Ministerposten unter sich ausmachen - und der Neuling aus Hessen könnte die Fraktion übernehmen. So wie 1994 Joschka Fischer, der nach Jahren in der hessischen Landespolitik sofort wieder Grünen-Chef im Bundestag wurde. Das Problem: Für realistisch hält die Rückkehr in die Regierung zurzeit kaum einer aus der Parteispitze, eher Schwarz-Gelb oder die Fortsetzung der Großen Koalition.
Am gelassensten kann diese Gedankenspiele der Parteilinke Jürgen Trittin beobachten. Der Vize-Fraktionschef gilt als starker Mann der Nach-Joschka-Zeit, auch wenn er für den Bundestagswahlkampf Künast als Co-Spitzenkandidatin akzeptieren musste. Sollten die Grünen wieder in der Opposition landen, wäre ihm der Fraktionsvorsitz wohl sicher.
Anders der derzeitige Fraktionschef Fritz Kuhn, der auf dem jüngsten Parteitag in Erfurt bei der Wahl in das Grünen-Führungsgremium durchfiel. Aber es war interessanterweise nicht Chef-Realo Kuhn, der das öffentliche Werben von Özdemir um den hessischen Parteistar rügte, sondern Co-Fraktionschefin Künast, ebenfalls Realo. "Ein jegliches hat seine Zeit", so wurde sie von einer Nachrichtenagentur zitiert. Künasts Argument: Zunächst müsse sich die hessische Grünen-Fraktion konstituieren. "Ein Missverständnis" sei es deshalb, so ist aus der Fraktionskreisen zu hören, dass Künast etwas gegen den Wechsel Al-Wazirs nach Berlin habe oder diesen sogar blockiere.
Aber um die kommende Machtfrage unter den Realos geht es wohl schon.
Al-Wazir kann Zuspruch aus Berlin gebrauchen
Jedenfalls sehen freundliche Signale in Richtung Wiesbaden anders aus. Und genau die könnte Al-Wazir nun gebrauchen: Sein zweiter Sohn ist nicht einmal ein Jahr alt, die Familie hat gerade ein Haus in Offenbach gebaut, eigentlich wollte Al-Wazirs Gattin demnächst wieder in ihren Beruf zurückkehren. Private Gründe, die den Grünen schon vor einigen Monaten davon abhielten, nach Berlin zu gehen und den Parteivorsitz von Reinhard Bütikofer zu übernehmen.
Werden sie ihn auch diesmal in Wiesbaden halten?
In Hessen wären sie natürlich traurig, falls ihr Lorbeerkranz-Träger in die Hauptstadt entschwände. Natürlich würde Al-Wazir eine große Lücke reißen.
Aber selbst jene, die durch seinen Wechsel nach Berlin persönliche Nachteile erlitten, geben ihm volle Rückendeckung. So wie der Bundestagsabgeordnete Wolfgang Strengmann-Kuhn. "Es gibt Argumente für und gegen den Wechsel", sagt er. "Aber ich würde es natürlich unterstützen, wenn er für den Bundestag anträte." Strengmann-Kuhns Chancen, erneut ins Parlament zu kommen, würden dadurch drastisch sinken. Denn kandidiert Al-Wazir, bleibt für die hessischen Grünen nur ein weiterer realistischer Männer-Platz auf der Bundestagsliste - Strengmann-Kuhn müsste dann gegen den bestens vernetzten Abgeordneten Omid Nouripour und den Veteranen Tom Koenigs antreten.
Was soll's, sagt Strengmann-Kuhn. "Konkurrenz belebt das Geschäft." Das allerdings scheint nicht jeder bei den Grünen so zu sehen.
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