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13.02.2009
 

Fremder Blick auf Deutschland

Zauber der sicheren Zone

Von Merle Schmalenbach

Zahnputzbecher und Bettlaken, Punks und Penner: Das ist Sicherheit in Deutschland. Zumindest für Fotografen aus Afghanistan, Südafrika oder Kolumbien, die in Berlin mit Kameras losgeschickt wurden - und deren erstaunliche Bilder jetzt eine Ausstellung versammelt.

Berlin - Alis Muskeln spannen sich, seine Faust wird gleich zuschlagen, finster blickt er die junge Frau an, genau in dem Moment zuckt ein Blitz. "Super", sagt sie. Der 15-Jährige lächelt verlegen, seine Fäuste sinken herab. "Und jetzt stell dir mal vor, dass du grad einen Kampf verloren hast." Der Palästinenser streift die Boxhandschuhe ab, setzt sich auf den Boden, vergräbt das Gesicht in den Händen. Elena Koktanek drückt erneut auf den Auslöser.

Koktanek ist eine blonde, zierliche Frau. Zuerst war ihr mulmig zumute, als sie den Boxclub betrat, im Wedding, einem der rausten Kieze in Berlin. Die Fotografin rechnete mit Aggression, Härte, Angriff. Doch die jungen Männer lächelten die 25-Jährige an, posierten für die Fotos. "Es geht ihnen beim Boxen nicht um Gewalt, sondern um Sicherheit, genauer gesagt: um Selbstsicherheit", sagt die Berlinerin.

Elena Koktanek ist eine von sieben Fotografen, die im Dezember eine Woche lang in der Hauptstadt zusammentrafen. Sie stammen aus Südafrika, Afghanistan, Äthiopien, Kolumbien und Deutschland. Zum Workshop eingeladen hatte die Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ), ein Unternehmen des Bundes, dessen Geschäft die internationale Zusammenarbeit für nachhaltige Entwicklung ist. Die Fotografen sollten das Jahresthema der Gesellschaft visualisieren: "Sicherheit entwickeln - Entwicklung sichern." Ihre Bilder sind jetzt in einer Ausstellung in Berlin zu sehen.

Am Anfang steht die Skepsis

Dabei sahen die Fotografen das Projekt zunächst skeptisch. Besonders die Südafrikanerin Jodi Bieber hatte große Zweifel: Deutschland sei doch ein "schieres Sicherheitsparadies", gab sie zu bedenken: Fahrräder, die an Bäumen abgeschlossen seien, abgesenkte Bordsteine für Kinderwagen. "Wie soll ich denn hier 'Sicherheit' bildlich darstellen?", fragte sie.

Diese Diskussion war von der GTZ gewünscht: "Uns kam es vor allem darauf an, den Dialog zu fördern", sagt Randa Kourieh von der GTZ. "Wie erlebt ein Fotograf aus Kabul das Thema Sicherheit in Berlin? Und wie gelingt es einer Kölner Fotografin, zusammen mit einem Kolumbianer, ein solch kulturell geprägtes Thema abzubilden?"

Die Fotografen sollten die Aufgabe gemeinsam lösen: Im Dezember suchten sie sich Orte aus, liefen in Zweierteams durch Berlin, sprachen Menschen auf der Straße an, besuchten Gefängnisse, Notunterkünfte, einen Boxclub, eine Moschee.

Bitte nicht anstarren

Elena Koktanek zog mit dem jungen Fotografen Nasim Fekrat aus Kabul los. Noch heute erinnert sie sich, wie sie im U-Bahn-Schacht warteten: Nasim Fekrat schaute zu Boden, entdeckte einen Sicherheitsstreifen. "Soll ich den fotografieren?", fragte er. Elena Koktanek war überrascht, denn der Streifen war für sie nichts Ungewöhnliches. Doch für den Afghanen symbolisierte er Sicherheit im Alltag. Sicherheit, die es in seiner Heimat nicht gibt.

Koktanek erzählt, dass der Afghane neugierig die Menschen neben sich angeschaut habe. Eine Frau sei irritiert weggegangen. "Was hat sie denn?", fragte er Koktanek. "Du starrst die Leute an, das geht nicht", antwortete sie. In Deutschland bedeutet Sicherheit, sich Blicken zu entziehen. Für Nasim Fekrat war das eine neue Erfahrung.

Ihre nächste Station: Die Justizvollzugsanstalt in Berlin-Charlottenburg. Elena Koktanek fotografierte eine offen stehende Tür, lief mit Nasim Fekrat durch das Gebäude. In einem Flur baten sie einen Gefangenen, das Fenster zu öffnen. "Ich habe leider keinen Schlüssel dafür", sagte der. Elena erinnert sich, dass sie ihn unbedrohlich, fast nett fand. Als sie weiterging, flüsterte ihr ein Wärter zu: "Der hat übrigens eine Frau umgebracht."

"Sicherheit bedeutet, eine Tür zu haben"

Auch am nächsten Ort, den sie aufsuchten, fanden sie Menschen am Rande der Gesellschaft: Eine Essensausgabe in Neukölln. Hier fotografierte Nasim Fekrat die wartenden Männer. Auf den Bildern sehen sie abgekämpft aus, ihre Haare hängen zottelig herunter, tiefe Falten graben sich in die Gesichter. Elena Koktanek sprach die Männer an, da Nasim Fekrat kein Deutsch kann. "Ich fand die Männer freundlich und offen", erzählt sie. Einer habe erzählt, dass er bald für zwei Monate in den Knast gehe. Auch von ihm gibt es ein Bild: Er ist Anfang vierzig, sieht zehn Jahre älter aus. Seine Augen blicken müde in die Kamera, die Schultern zieht er nach oben.

Elena Koktanek hat diese Begegnung nachdenklich gemacht. Es erstaunte sie, dass der Mann dem Gefängnis so gelassen entgegensah, sagt sie. Sie suchte nach einer Antwort: "Sicherheit bedeutet, eine Tür zu haben, die man schließen kann", glaubt sie. "Wenn die im Leben fehlt, ist ein Gefängnis vielleicht nicht so schlimm."

Zahnputzbecher statt Stacheldrahtzaun

Es sind solche Fragen, die das ungewöhnliche Projekt aufgeworfen hat, mit denen sich die Fotografen auseinandersetzten. So erging es auch Leonel Vásquez.

Der Kolumbianer besuchte eine Notunterkunft für Obdachlose. Ein Bett war leer, er schlug das Laken zurück, zückte die Kamera. Da sprang ein Obdachloser auf, rief: "Das darfst du nicht anfassen, das gehört dir nicht!" Vásquez war zunächst irritiert, solche Grenzen kannte er aus Kolumbien nicht. Dann verstand er, dass Sicherheit in der Unterkunft bedeutet: Ein Bett zu haben, das niemand berührt.

In der Gruppe diskutierten die Fotografen ihre Erlebnisse. Sie stellten fest, dass es bei dem Thema "Sicherheit" nicht nur um Straßenschilder und Stacheldrahtzäune geht, sondern auch um Geborgenheit und Entwicklung: Ein Dach über dem Kopf, das eigene Bettlaken, ein Platz für den Zahnputzbecher. "Ich hätte nie gedacht, dass ich eines Tages nach Berlin kommen würde, um das herauszufinden", sagt Nasim Fekrat. "Ich denke nun ganz anders über das Thema Sicherheit."


Die Bilder sind im GTZ-Haus in Berlin zu sehen, im Laufe des Jahres sollen sie auch in Eschborn und Bonn gezeigt werden. Anmeldung unter: jahresthema-berlin@gtz.de

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22.02.2009 von het: Aufmerksamkeit

Gratuliere zu Ihrer Erkenntnis. Was in Berlin passiert, bekommt nationale wie internationale Aufmerksamkeit. Das ist es. Wer kuemmert sich darum, was sich in Dortmund oder Frankfurt/M bewegt? Sie wahrscheinlich auch nicht. mehr...

13.02.2009 von piiter: Komisch ?

Was ist daran komisch ? Komisch ist doch, wenn liebevolle, nette Menschen sich nichts Schlimmes dabei denkend andere Menschen vollqualmen ? Würden Raucher mit Vollgas durch Pfützen fahren, ohne daran zu denken, daß sie dabei [...] mehr...

13.02.2009 von Satiro: Sicherheit für Nichtraucher!

Ich rauche nur ab und zu aber wenn ich in "raucherfreien" deutschen Bahnhöfen auf zugigen unbedachten Bahnsteigen dann die mit gelber Linie markierte Raucherzone - 4 m im Quadrat in der Mitte ein Aschenbecher ! - [...] mehr...

13.02.2009 von Delden: ?

Ich versteh nicht ganz was Punks in einer Kneipe mit Sicherheit in Berlin zu tun haben. mehr...

13.02.2009 von berlinaut: Sei krank, sei einsam, sei Berlin

Obwohl die Idee nicht neu ist, haben mich als Berliner die Bilder schon überrascht. Passen sie doch so überhaupt nicht zur verlogenen und scheinheiligen Selbstbeweihräucherungskampagne "be berlin" und dem Bild, wie die [...] mehr...

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