Von Matthias Micus
Dahrendorf ragte heraus, er war ein Intellektueller, außergewöhnlich begabt und erfolgsverwöhnt. Eine solche Ausnahmeerscheinung braucht keinen Mentor, so einer ordnet sich nicht unter, macht sich erst recht nicht von der Gunst anderer abhängig. Tatsächlich reüssierte Dahrendorf aus eigener Kraft. Zum Hoffnungsträger hatte er sich selbst emporgeredet.
Bei der Bundestagswahl 1969 errang er in seinem Wahlkreis doppelt so viele Erststimmen wie seine Partei Zweitstimmen, wodurch er den "größten persönlichen Erfolg eines Wahlkreisbewerbers" verbuchte. Und mit seiner Kritik an der Großen Koalition und plakativen Reformthesen hatte er es zwischenzeitlich gar zur Galionsfigur einer runderneuerten, "fortschrittlichen" FDP gebracht. Als Günstling seines Parteivorsitzenden Scheel konnte er folglich nicht gelten. Im Gegenteil: Zahlreichen Redakteuren erschien Scheel zu Beginn seiner Amtszeit bisweilen eher wie ein Vorsitzender von Dahrendorfs Gnaden.
Würde Politik in Deutschland so funktionieren, wie es in den Redaktionsstuben gelegentlich gefordert, über die Fernsehbilder transportiert und an den Stammtischen geglaubt wird, könnte ein Bundeskanzler also mit weitreichenden Weisungsrechten aus eigener Machtvollkommenheit nach Belieben gestalten, sofern er nur eine Vorstellung von Weg, Richtung und Zielen besäße, dann hätten Dahrendorfs intellektuelle Fähigkeiten und analytische Qualitäten ihn seinem unbescheidenen Ziel womöglich nähergebracht. Dann wäre er, einmal im Amt, wahrscheinlich sogar ein guter Bundeskanzler geworden.
Doch weil Politik genau so eben nicht funktioniert, kollidierten Dahrendorfs Eigenschaften mit den alltagspolitischen Erfordernissen. Dahrendorfs Ungeduld ließ sich nicht mit der Dauer korporatistischer Entscheidungsfindungen, sein Öffentlichkeitsdrang sich nicht mit dem Verschwiegenheitsgebot politischer Verhandlungen vereinbaren. Der egozentrische Individualismus des Professors ignorierte die Bedeutung von Hausmächten und Netzwerken, seine kühle intellektuelle Brillanz das Empathiegebot der Politik.
Wo biografische Kontinuität gefragt war, verkörperte Dahrendorf die Mobilität des Weltmannes; statt basisnah und bodenständig zeigte er sich elitär, seiner exzeptionellen Qualitäten stets bewusst; und wider das politische Erfordernis von Geschlossenheit und Disziplin preschte er wiederholt mit unabgesprochenen, öffentlich stets breit rezitierten Soloeinlagen vor.
Beinahe tragikomisch mutet vor diesem Hintergrund an, dass das Schicksal Dahrendorf ausgerechnet zunächst als Parlamentarischen Staatssekretär in das Auswärtige Amt und später als Kommissar nach Brüssel verschlug. Denn stärker als in jedem anderen Ministerium wurden und werden von den Außenministerialen die Tugenden Diskretion, Disziplin und vor allem - wie der langjährige Amtschef Genscher zu sagen pflegte - "Dienen" gefordert. Und die europäische Politik war früher nicht anders als heute geprägt durch routinierte Bürokraten, ihre Arbeitsabläufe charakterisierten verwaltungstechnische Details.
Eine Öffentlichkeit, ein Publikum, an das sich Dahrendorf hätte wenden können, das sich mobilisieren und als Verbündeter für Reformvorstöße gewinnen ließ, gab es in Brüssel dagegen nicht. Mit anderen Worten: Wie in einem Brennglas bündelte sich im Außenministerium und am Hof der Europäischen Kommission die Inkompatibilität von Dahrendorfs Eigenschaften und den Alltagserfordernissen der Politik.
Letztlich scheiterte Dahrendorf in der Politik gerade aufgrund seiner außerordentlichen Talente und herausragenden Begabungen. Dahrendorf besaß Starqualitäten, doch in der Politik setzte sich seit der Gründung der Bundesrepublik noch stets die Mitte durch. Die CDU bestimmte in den ersten Nachkriegsjahrzehnten das bundespolitische Geschehen, eben weil sie als Repräsentantin der wertkonservativen, ruhebedürftigen Mitte galt und den Sozialdemokraten lange der Hautgout anhaftete, systemverändernde Radikale zu sein. Und auch heute ist jedem politisch halbwegs Kundigen klar, dass Wahlen von derjenigen Partei gewonnen werden, die bei den Mittelschichten am besten abschneidet, weshalb CDU/CSU und SPD immer wieder mit großem Aufwand diesen Begriff für sich zu reklamieren versuchen.
Die konsequente Orientierung auf Mittepositionen ist freilich nicht unproblematisch, sie trägt zur Konturenschwäche und Profillosigkeit der Parteien bei. Im Wettkampf um die gleichen Wählergruppen einer diffusen Mitte verloren die großen Volksparteien viel von ihrer Kontrastschärfe und die Wähler zunehmend den Glauben daran, dass sie mit ihrer Stimme bei Wahlen Einfluss nehmen könnten. Der Mittefetisch der deutschen Politik trägt insofern eine Mitschuld am schlechten Ruf von Parteien und Politikern sowie der gegenwärtigen Vertrauenskrise der Politik.
Doch basiert andererseits in komplexen Verhandlungsdemokratien das Funktionieren des politischen Betriebes auf der Fähigkeit zu Moderation, Kompromiss, Interessenabgleich, kurz: der Verständigung auf eine Position der Mitte. Wie auch dieselbe Mitte in den vergangenen 60 Jahren die Stabilität der bundesdeutschen Gesellschaft verbürgte, indem sie Kontinuität selbst im Falle von Regierungswechseln garantierte. Eine Kontinuität und Berechenbarkeit, die dem hochbegabten Springinsfeld Dahrendorf wesensfremd gewesen wäre.
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