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13.02.2009
 

Rede in Hamburg

Steinmeier startet sanft in den Wahlkampf

Von Björn Hengst

Der Außenminister rückt in die Rolle des Kanzlerkandidaten: Die SPD und Frank-Walter Steinmeier haben offiziell mit dem Wahlkampf begonnen - bei einem Auftritt in Hamburg verzichtete er auf markige Sprüche, zeigte aber klar seinen Machtanspruch.

Hamburg - Er ist also Steinbock. Die Gäste in der Hamburger Handelskammer sollen an diesem Freitagabend nicht nur den Politiker Frank-Walter Steinmeier kennenlernen, sondern auch den Menschen. So kündigt es Uwe-Karsten Heye im Börsensaal jedenfalls an - und deshalb liest der frühere Regierungssprecher und Parteifreund Steinmeiers ein paar Daten des SPD-Kanzlerkandidaten vom Zettel ab und wedelt dabei kräftig mit seiner Brille: Geburtsdatum, Geburtsort, Beruf der Eltern und eben Steinmeiers Sternzeichen.

"Liest Du eigentlich Horoskope?"

"Nee", sagt Steinmeier.

SPD-Kanzlerkandidat Steinmeier: "Ich weiß, worauf es ankommt"
DPA

SPD-Kanzlerkandidat Steinmeier: "Ich weiß, worauf es ankommt"

Mehr muss Steinmeier zu diesem Thema zum Glück nicht sagen und spricht stattdessen über seine Herkunft. Detmold, Ostwestfalen-Lippe. Die Menschen dort stünden im Ruf, sehr stur zu sein, sagt Heye. "Da ist was dran", entgegnet Steinmeier. Aber vor allem besäßen sie Demut, weil sie aus einem vergleichsweise armen Teil des Bundeslandes kommen würden. So wird aus dem vermeintlichen Makel des Sturkopfes ein Bonus - denn wer würde Demut an einem Spitzenpolitiker nicht schätzen?

"Das neue Jahrzehnt" hat die SPD ihre Regionalkampagne betitelt, in 35 Städten will Steinmeier zusammen mit weiteren Spitzengenossen auftreten, es ist eine Vorwahlkampagne für die Bundestagswahl im September - und Hamburg der Auftakttermin. Bereits am 19. April will Steinmeier in Berlin den Entwurf für ein Regierungsprogramm vorstellen.

Einige hundert Gäste sind in die Handelskammer gekommen, viele davon Genossen. Und sie erleben an diesem Abend einen Kanzlerkandidaten, der seinen Machtwillen demonstriert, ohne dafür harte Töne anschlagen zu müssen.

Wenn Steinmeier redet, dann ruht seine linke Hand oft betont lässig in der Hosentasche seines dunklen Anzugs. Es ist an diesem Abend die einzige Geste, die an sarkozyberlusconischröderhaften Polit-Machismo erinnert. Angriffe gegen Kanzlerin Angela Merkel? Keinen einzigen, überhaupt ist dem 53-Jährigen die politische Konkurrenz nicht viele Worte wert. Nur einmal, da stichelt er gegen die CSU, ohne sie direkt zu erwähnen: Es sei "Gaukelei", wenn man den Wählern in Zeiten der Finanzkrise Steuererleichterungen in Milliardenhöhe verspreche - die Christsozialen hatten sich bei den Verhandlungen zum zweiten Konjunkturpaket für Steuersenkungen eingesetzt.

"Das wird kein Jahr der Mätzchen"

Bräuchte man einen Oberbegriff für Steinmeiers Rede, dann wäre es die Ernsthaftigkeit. "Flotte Sprüche" würden sich nicht auszahlen, sagt er und fügt dann hinzu: "Das wird kein Jahr der Mätzchen". Ernstgenommen werde nur derjenige, der Verantwortung übernehme. Dass er dazu bereit ist, daran lässt Steinmeier keine Zweifel: Sozialdemokraten würden sich nicht "in die Büsche schlagen, und ich kann Ihnen versichern, ich erst recht nicht. Ich weiß, worauf es ankommt."

Im SPIEGEL-Gespräch hat der Außenminister zuletzt angekündigt, dass der politische Schlagabtausch mit dem politischen Gegner schon noch folgen werde, "Bierzelt kommt im Sommer, das macht mir sogar Spaß", sagte Steinmeier, aber in Hamburg zeigt er, dass er seine Anhänger überzeugen kann, ohne die Verbalkeule zu schwingen. Viel Applaus gibt es, als er fordert, sich für eine "Zeit der ausgestreckten Hand" einzusetzen statt für den "ausgefahrenen Ellenbogen". Auch dann, als er davor warnt, den Bürger angesichts der finanziell schwierigen Lage zu viele soziale Wohltaten zu versprechen und damit der Demokratie zu schaden.

Vielleicht spricht in solchen Augenblicken auch weiter eher der diplomatisch erfahrene Außenminister als der Kanzlerkandidat. Pflöcke schlägt Steinmeier dennoch ein: Seine Partei werde sich für eine strengere Regelung von Managergehältern stark machen und für eine Verschärfung der Bankenaufsicht einsetzen, sagt Steinmeier.

Er lässt am Freitagabend fast kein Thema aus: Energie ("weg von Öl"), Familienpolitik ("mehr Hilfe für Alleinerziehende"), Globalisierung ("kann man nicht aufhalten, sie findet statt"), Arbeitslosigkeit ("ich sehe die Chance, dass wir sie beseitigen"), das Engagement von Ehrenamtlichen ("ihr Dienst für die Gesellschaft wird immer noch unterschätzt") und hat auch noch einen Appell an seine Zuhörer, der auf das Zusammengehörigkeitsgefühl der Gesellschaft zielt: "Ob wir den Weg aus der Krise finden in eine bessere Zukunft, das hängt davon ab, ob Sie bereit sind, daran mitzuwirken."

Nach rund 60 Minuten beendet Steinmeier seine Rede, der Applaus hält lange an. Der Kanzlerkandidat nimmt einen Schluck aus seinem Wasserglas, ordnet die Zettel, auf die er während des Vortrags kaum geblickt hat, wiegt seinen Kopf hin und her, und lächelt. Sein Gesichtsausdruck sagt: ein guter Auftakt der Regionalkampagne.

Das hätte er auch schon dem Tageshoroskop entnehmen können, das am Freitag in der "Bild"-Zeitung für Steinböcke so lautete: "Das beständigste Glücksgefühl stellt sich dadurch ein, dass Sie immer wieder neue Herausforderungen meistern."

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