ThemaFinanzkrise ab 2007RSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
22.02.2009
 

Weltfinanzgipfel

EU-Wirtschaftsmächte fordern flächendeckende Kontrolle der Märkte

Die großen EU-Staaten arbeiten an einer neuen Weltfinanzarchitektur - und fordern eine flächendeckende Kontrolle der Märkte. Bei einem Vorbereitungstreffen im Kanzleramt einigten sich die Finanzminister auf einen Entwurf, der eine umfassende staatliche Aufsicht vorsieht.

Berlin - Die größten Wirtschaftsmächte der EU gehen mit der Forderung nach einer flächendeckenden Regulierung der internationalen Finanzmärkte in die Verhandlungen über eine neue Weltfinanzarchitektur am 2. April in London. Darauf verständigten sich die Finanzminister am Sonntag bei ihrem Vorbereitungstreffen in Berlin, wie aus deutschen Regierungskreisen verlautete.

EU-Treffen im Kanzleramt: Vorbereitung des Weltfinanzgipfels
Zur Großansicht
Getty Images

EU-Treffen im Kanzleramt: Vorbereitung des Weltfinanzgipfels

Die bisherige Abstimmung eines gemeinsamen Textentwurfes, den Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) vorbereitet hatte, hat den Angaben zufolge gezeigt, dass sich alle beteiligten Staaten ohne Einschränkung der Forderung anschließen, dass kein Finanzmarkt, kein Finanzmarktprodukt und kein Finanzmarktakteur ohne Regulierung oder Aufsicht bleiben dürfe. Auch die Forderung nach einer direkten Regulierung von Hedgefonds wurde von keinem Teilnehmer mehr in Frage gestellt, hieß es den Kreisen zufolge.

Geprüft werden sollen Sanktionen gegen Staaten, die sich bei Steuerflucht-Delikten einer Aufklärung verweigern. Außerdem werden verbindliche Richtlinien für Bonuszahlungen von Managern angepeilt. Erforderlich seien neue und transparente Anreizsysteme, die sich an langfristigen Geschäftsergebnissen orientierten. Von zentraler Bedeutung sei, den Druck zur Umsetzung der Maßnahmen aufrechtzuerhalten, heißt es in dem siebenseitigen Entwurf.

Pläne zum Austrocknen von Steueroasen

Die Finanzminister wollten im Anschluss an das Treffen kein gemeinsames Papier veröffentlichen. Darauf werde verzichtet, um auch den übrigen EU-Staaten eine Möglichkeit einzuräumen, sich in eine gemeinsame europäische Position für den Weltfinanzgipfel in London einzubringen, hieß es aus Regierungskreisen.

Mehr zum Thema

Im neuen SPIEGEL 9/2009:

Darf der Staat Opel retten?
Titelbild: DPA
Zu den Teilnehmern des Treffens im Kanzleramt gehören neben Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Finanzminister Steinbrück auch die Staats- und Regierungschefs von Frankreich, Großbritannien, Italien, Spanien und Luxemburg sowie die tschechische EU-Ratspräsidentschaft. Zur Sprache kommen sollte auch die bedrohliche Haushaltslage von einzelnen EU-Staaten wie Irland, die Bankenkrise in Osteuropa sowie Pläne zum Austrocknen von Steueroasen.

Merkel dringt auf lückenlose Regeln für die Finanzmärkte. Künftig dürfe es hier weltweit keine "weißen Flecken" mehr geben, sagte sie am Samstag in ihrer wöchentlichen Videobotschaft. Steinbrück pocht bei der Neuordnung der globalen Finanzmärkte auf umfassende Transparenz. In dem Textentwurf des Ministers für die Gespräche heißt es: "Europa sollte nun konkrete Lösungsvorschläge zur Umsetzung des Aktionsplanes machen."

In dem Papier wird insbesondere der Aufbau von Kapitalpuffern für Krisenzeiten gefordert. Dazu sollen die strengen Eigenkapitalregeln "Basel II" für Banken überarbeitet und erweitert werden. Dabei geht es darum, dass Banken in wirtschaftlich guten Zeiten einen zusätzlichen Eigenkapitalpuffer für schlechte Zeiten aufbauen müssen. Dem bisher nur von Industriestaaten getragenen Forum für Finanzstabilität (FSF) soll eine Schlüsselstellung bei der Überwachung der Finanzmärkte zukommen. Das FSF soll noch rechtzeitig vor dem nächsten Treffen der G-20-Finanzminister Mitte März und damit noch vor dem zweiten Weltfinanzgipfel um wichtige Schwellenländer erweitert werden. Zugleich sollen die Ressourcen des Internationalen Währungsfonds (IWF) erhöht werden.

Wichtige Volkswirtschaften und Länder mit einem starken Finanzsektor sollen sich ebenfalls regelmäßigen IWF-Überprüfungen unterziehen, wie dies bei anderen Staaten - etwa in Deutschland - seit langem der Fall ist. Dies sollte für alle FSF-Mitglieder gelten. Internationale Gremien, die die Überwachung grenzüberschreitender systemrelevanter Finanzinstitute koordinieren, sollten dem Papier zufolge gestärkt werden. Zuletzt war die Rede davon, die Zahl solcher "Colleges" (Aufsichtsgruppen) deutlich zu erhöhen.

Als wichtiger Ansatzpunkt für mehr Markttransparenz und vorausschauende Finanzstabilität gilt dem Papier zufolge zudem die Schaffung einer "zentralen Gegenpartei" für Kreditderivate. Der Hintergrund: Dieser stark gewachsene Markt wird von nur wenigen großen Teilnehmern dominiert. Fällt einer von ihnen aus, droht eine Kettenreaktion. Das soll verhindert werden.

Auch Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy erwartet von der Berliner Konferenz weitreichende Absprachen im Kampf gegen die Wirtschaftskrise. Faule Kompromisse werde es mit ihm nicht geben, sagte er in Paris. Sarkozy verteidigte die Staatshilfen für die französische Autoindustrie. Europa sei zu einem gemeinsamen Vorgehen nicht fähig gewesen. Deshalb habe sein Land national handeln müssen.

kaz/ler/dpa/AFP/Reuters

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 774 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
25.08.2009 von rabenkrähe:

...... In der Tat ist die Abzockmentalität der Unternehmen vorführenswert. Und die ist von Jahr zu Jahr schlimmer geworden. Ein Aberwitz, daß Unternehmen sich herausnehmen, sich staatliche Mittel in jeder Form zu [...] mehr...

25.08.2009 von stirnrunzler:

Heute abend Frontal21 u.a. zum Thema "Kurzarbeitstricks" - mal sehen, wie erhellend das werden wird. http://www.zdf.de/ZDFmediathek/content/699486?inPopup=true mehr...

24.08.2009 von rabenkrähe:

Na, dann kann der Staat doch künftig gleich komplett die Auto-Neuanschaffungen übernehmen, unter dem Strich käme dabei bestimmt ein Super-Gewinn heraus, jedenfalls wenn gleichzeitig die Steuern erheblich angehoben werden... mehr...

24.08.2009 von ginivonOnyx: Konjunkturprogramm Geldverschwendung

Aber nein, ein Riesengeschäft des Staates. Er zahlt den Autokäufern eine Abwrackprämie, um Arbeitsplätze in der Autoindustrie zu sichern, und bekommt für jedes gekaufte Neufahrzeug die Mehrwertsteuer von 19% Kostet ein Neuwagen [...] mehr...

16.03.2009 von rabenkrähe:

..... Na, da Koch einst in Sachen Parteispendenaffäre/Steuerskandal auf der Fahndungsliste stand, ist das doch kein Wunder... rabenkrähe mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Deutschland
alles zum Thema Finanzkrise ab 2007

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP