SPIEGEL ONLINE: Ihre Eltern stammten zudem beide aus dem Westen Deutschlands.
Steinbach: Mein Vater ist 1939 nicht nach Polen einmarschiert. Er ist später als Luftwaffensoldat herübergekommen. Meine väterliche Linie stammt übrigens aus Schlesien und mehrere Großonkel und Tanten von mir sind 1946 von dort vertrieben worden. Aber das interessiert die Polen natürlich nicht. Letztlich ist diese Art der Debatte ein sehr banales Ablenkungsmanöver.
SPIEGEL ONLINE: Sie sind nicht im ehemaligen Deutschen Reich, sondern im besetzten Polen zur Welt gekommen. Wäre es nicht sinnvoller gewesen, Sie hätten ihre Familiengeschichte selbst offengelegt, als das polnischen Zeitungen zu überlassen? So wurde in Warschau plötzlich behauptet: Die Steinbach ist gar keine echte Vertriebene.
Steinbach: Meine Herkunft steht doch im Handbuch des Deutschen Bundestages. Aber ich soll mich rechtfertigen, wo ich als Säugling geboren bin? Das ist irrational und ein Vorwand. Man fürchtet in Polen nicht etwa die Umdeutung, sondern das Aufblättern der Geschichte. Zudem sind große Teile der Vertriebenen nicht aus dem früheren Ostdeutschland vertrieben worden, sondern aus Ländern wie z.B. Ungarn, Tschechien oder Jugoslawien. Von dort mischt sich niemand ein – erfreulicherweise.
SPIEGEL ONLINE: Alles, was Sie sagen, wird in Polen genauestens beäugt. Warum provozieren Sie dann immer wieder? In einem Interview haben sie erklärt, dass die Polen ihre Wünsche, die Deutschen zu vertreiben, ohne Hitler nie in die Tat hätten umsetzen können. Der Führer als williger Vollstrecker des polnischen Volksempfindens? Meinen Sie das ernst?
Steinbach: Wir sind weit gekommen, wenn Wahrheit schon zur Provokation umgedeutet wird. Es ist nun mal eine Tatsache, dass schon vor Beginn des Zweiten Weltkriegs in Polen Postkarten verschickt wurden, wo die Grenzen des Landes bei Berlin lagen. Und polnische Politiker wollten die "fremden Elemente" – damit waren neben den Deutschen auch Ukrainer und Weißrussen gemeint – auf unter 1 Prozent drücken. Das sind Aussagen, die belegt sind. Dass dies nicht rechtfertigt, was Hitler getan hat, ist selbstverständlich. Die Polen sind nach den Russen das geschundenste Volk Europas. Da existieren tiefe Traumata, auch wegen der dreimaligen Teilung Polens.
SPIEGEL ONLINE: An der die Deutschen nicht unbeteiligt waren.
Steinbach: Ja, wir waren immer dabei.
SPIEGEL ONLINE: Und es war nach 1945 auch nicht die Idee der Lemberger im damaligen Ostpolen, auf Stalins Wunsch nach Breslau umgesiedelt zu werden.
Steinbach: Natürlich nicht. Ich kenne das Los der vertriebenen Ostpolen und die Geschichte von Zamosc. Wir haben das in einer Ausstellung dargestellt. Der BdV hat auch eine Veranstaltung über den Warschauer Aufstand gemacht, eine Premiere in Deutschland. Aber die Reaktion in Polen war: Eine Unverschämtheit, der BdV nimmt uns unser Heiligtum weg. Ich kann mich auf den Kopf stellen und mit den Füßen Fliegen fangen, es nützt nichts. Daher gebe ich es auf. Die Polen müssen sich selbst beruhigen, ich kann dazu nichts mehr beitragen. In Polen werde ich verzerrt, deformiert, beleidigt. Mein guter Wille ist immer noch da. Aber wenn wir die Hände zur Versöhnung ausstrecken, wird mit Dreschflegeln auf uns eingeschlagen. In Polen hat man die Botschaft der eigenen Bischöfe, "Wir vergeben und bitten um Vergebung" von 1965 aus dem Gedächtnis gestrichen. Das ist tragisch.
SPIEGEL ONLINE: Sie fordern eine Anerkennung des Leids der Vertriebenen. Manchmal klingt das so, als hätte Ihnen in 60 Jahren Bundesrepublik eigentlich nie jemand zugehört. Doch in den fünfziger, sechziger Jahren war die Vertreibung aus den ehemaligen Ostgebieten das zentrale deutsche innenpolitische Thema – lange, bevor offen über den Holocaust gesprochen wurde.
Steinbach: Damals herrschte tatsächlich eine große Solidarität mit den Vertriebenen. Von der Bevölkerung wurden die Neuankömmlinge aber trotzdem nicht geliebt. Nach 1968 wurden die Vertriebenen dann auch von den Medien immer schlechter behandelt, oft geradezu denunziert. Das hat sich heute, Gott sei Dank, geändert.
SPIEGEL ONLINE: Die Distanz nach 1968 hängt sicher auch mit den erbitterten Angriffen der Vertriebenenverbände auf Brandts Ostpolitik zusammen. Aber heute können Sie doch nicht behaupten, dass das Schicksal der Vertriebenen in den Medien keine Rolle spielt: Von Günter Grass bis zu Spielfilmen zur besten Sendezeit - die Vertreibung der Deutschen ist überall ein Thema.
Steinbach: An dieser Entwicklung haben wir seit zehn Jahren als Verband intensiv mitgewirkt und das vorangetrieben.
SPIEGEL ONLINE: Frau Steinbach, wann waren Sie zum letzten Mal in Polen?
Steinbach: Das letzte Mal war es, als ich mit Donald Tusk in Grünberg diskutiert habe. Das ist schon einige Jahre her. Da war er noch in der Opposition. Zur Begrüßung wurde vor der Tür eine Puppe verbrannt, die mich darstellen sollte.
SPIEGEL ONLINE: Kann es sein, dass Sie vielleicht nicht diplomatisch genug für diesen Job sind?
Steinbach: Ich glaube schon, dass es mir in aller Regel gelingt, die Dinge auf den Punkt zu bringen. Ich will die Wahrheit, und nichts als die Wahrheit. Wenn ich mich wie ein Diplomat äußern würde, würde es nicht gehört werden. Ich will für diejenigen, die sich aufgrund ihres Leidensdrucks, ihres Schicksals nicht artikulieren können, natürlich ein Sprachrohr sein, das man hören kann. Wenn ich um den heißen Brei reden würde, wäre ihre Reaktion doch: Nett, aber langweilig.
Das Interview führten Claus Christian Malzahn und Hans-Ulrich Stoldt
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