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11.03.2009
 

Politische Reaktionen

Köhler und Merkel entsetzt über Schul-Blutbad

Fassungslosigkeit nach dem Blutbad in Winnenden: Bundespräsident Köhler sprach den Angehörigen der Opfer sein tiefes Mitgefühl aus - er zeigte sich "entsetzt und traurig". Auch Kanzlerin Merkel ist "tief erschüttert". Familienministerin von der Leyen mahnte bessere Prävention an.

Berlin - Der Amoklauf im schwäbischen Winnenden hat tiefe Erschütterung und Fassungslosigkeit im ganzen Land ausgelöst. Bundespräsident Horst Köhler erklärte, er sei "entsetzt und traurig". Er und seine Frau seien in Gedanken bei den Opfern und deren Familien und Freunden, versicherte Köhler am Mittwoch in Berlin. "Wir fühlen uns mit ihnen in diesen schweren Stunden tief verbunden."

Kanzlerin Angela Merkel sei "tief erschüttert und entsetzt", sagte Regierungssprecher Ulrich Wilhelm am Mittwoch in Berlin. Gleichzeitig versicherte er allen Angehörigen und Freunden der Opfer das Mitgefühl der Kanzlerin und aller Minister. Zudem habe die Bundesregierung der Polizei und den Sicherheitskräften vor Ort alle erforderliche Hilfe angeboten.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) sagte bei einer Wahlveranstaltung in Kiel: "Ich fühle tiefe Trauer. Mein Mitgefühl und meine Gedanken sind jetzt bei den Familien und bei den Angehörigen der Opfer, den Schülern und den Lehrern und vielen anderen, die getötet worden sind." Zu der Diskussion über eine schärfere Überwachung von Schulgebäuden wollte sich Steinmeier nicht äußern.

Volker Kauder, Chef der Unionsfraktion im Bundestag, zeigte sich im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE "betroffen und erschüttert" über den Amoklauf. "Das ist ein Tag, den man nicht mehr vergessen wird, ein Tag der nationalen Trauer. Bevor man jetzt aber "eilig über die Verschärfung der Waffengesetze diskutiert, muss erstmal geklärt werden, was passiert ist und wie der Amokschütze an die Waffen kommen konnte", sagte der CDU-Politiker, der sich auf dem Weg zu einer Wahlkampfveranstaltung in Baden-Württemberg befand und nach der Landung in Stuttgart von der Bluttat erfuhr.

"Das lässt einen sprachlos in dem Augenblick", sagte Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU), "das ist erschütternd." Zuerst müsse gefragt werden, wie man präventiv tätig werden könne, um so etwas zu verhindern. Es müsse herausgefunden werden, was Auslöser für den Amoklauf sein könnten. Von der Leyen sagte, Schulen und Eltern sollten Erziehungspartnerschaften bilden. Sie wies darauf hin, dass die Motive für Amokläufe ganz unterschiedlich seien. Häufig seien es isolierte Jugendliche. Diejenigen, die Waffen besäßen, müssten dafür sorgen, dass Nichtberechtigte keinen Zugang dazu bekämen.

Der baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger machte sich unmittelbar nach dem tödlichen Amoklauf auf den Weg zum Tatort. In Mainz wurde am Mittwochmittag ein Hubschrauber für den CDU-Politiker bereitgestellt. Oettinger hatte dort die rheinland- pfälzische Landtagsfraktion der CDU besucht, um unter anderem über die Föderalismusreform zu diskutieren. Nach den Ereignissen in Winnenden brach er unmittelbar nach dem Gespräch auf. Zu dem Amoklauf wollte er sich zunächst nicht äußern.

Der Amoklauf wird vermutlich auch den Bundestag beschäftigen: Unions-Fraktionsvize Wolfgang Bosbach (CDU) sagte der "Rheinischen Post": "Wir müssen jetzt genau die Ursachen und Hintergründe der Tat aufdecken." Er gehe dann davon aus, dass der Amoklauf "ein parlamentarisches Nachspiel" habe. Bosbach warnte davor, die Schulen in Deutschland "zu Hochsicherheitstrakten" auszubauen. "Das wollen auch die Schulen nicht", sagte der Innenexperte. Für eine politische Bewertung des "schlimmen Verbrechens" sei es noch zu früh. Bosbach wies aber daraufhin, dass die Bundesregierung nach dem Amoklauf von Erfurt sowohl den Jugendmedienschutz verbessert und das Waffengesetz verschärft habe.

Der CSU-Vorsitzende und bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer verurteilte den Amoklauf scharf. "Das ist entsetzlich, das ist grauenvoll, man findet kaum die richtigen Worte", sagte Seehofer. "Begreifen kann man es ohnehin nicht." Er habe seinem Amtskollegen Oettinger im Namen der Staatsregierung kondoliert. Seehofer sagte, erst "mit ein bisschen Abstand" müsse man überlegen, ob es noch sinnvolle Präventionsmaßnahmen gebe. Er warnte aber vor Aktionismus. Dies müsse man "mit der gebotenen Gründlichkeit und auch mit dem auch gebotenen Abstand" thematisieren. "Es bleibt traurige Realität, dass es totale Sicherheit auf diesem Planeten leider nicht gibt", sagte der CSU-Politiker.

Linken-Fraktionsvize Bodo Ramelow sagte: "Noch sind keine Details über den Täter bekannt, aber die Frage über Gewalt und Waffengewalt in der Gesellschaft wird sich erneut stellen." Das Problem des Waffenerhalts müsse diskutiert werden, seine Forderung nach einem zentralen elektronischen Waffenregister bleibe aktuell. Die Katastrophe erinnere ihn auch an den Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium vor sieben Jahren, sagte der Thüringer Linkspartei-Spitzenkandidat. "Wie damals stehen wir sprachlos dem Unfassbaren gegenüber und fragen uns, warum und wie es so kommen konnte", fügte Ramelow hinzu.

FDP-Chef Guido Westerwelle erklärte: "Mit Entsetzen und Fassungslosigkeit haben wir von dem Amoklauf in Winnenden erfahren. Ich bin schockiert und erschüttert. Unser aller Mitgefühl gilt den Angehörigen der Opfer, und unsere Gedanken sind bei ihnen und den Verwundeten."

Die Regierung in Thüringen bot ihre Hilfe an. Es könnten kurzfristig speziell geschulte Notfallpsychologen entsandt werden, erklärte Kultusminister Bernward Müller (CDU) am Mittwoch in Erfurt. In Thüringen herrsche große Betroffenheit über die Tragödie an der Schule in Baden-Württemberg. Auch die Stadt Erfurt bot nach Angaben einer Sprecherin Unterstützung bei der Betreuung von Schülern oder der Angehörigen von Opfern an. In der Thüringer Landeshauptstadt waren bei dem Schulmassaker vom 26. April 2002 16 Menschen erschossen worden. Der 19-jährige Täter hatte sich danach getötet.

Auch der Europarat äußerte sich am frühen Nachmittag zu dem Blutbad: "Meine Gedanken sind bei den Opfern, ihren Familien und Angehörigen in Winnenden, nur eine Autostunde vom Europarat entfernt", sagte der Generalsekretär der Staatenorganisation, Terry Davis. "Wir müssen aktiv werden, um derartige Verbrechen in Zukunft zu verhindern", sagte er. Bei dem Amoklauf waren am Mittwoch 15 Menschen erschossen worden, unter ihnen mindestens neun Schüler einer Realschule.

"Was mir Sorge macht, ist, dass die gerade überwundene Angst nach dem Amoklauf in Erfurt nun wieder belebt wird", sagte der Präsident des deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, der Chemnitzer "Freien Presse". Er wandte sich dennoch dagegen, nun an Schulen Sicherheitsmaßnahmen wie Kameras oder Wachposten einzuführen. "Solche Maßnahmen gaukeln nur Sicherheit vor", sagte Kraus. Absoluten Schutz könne es aber nicht geben. "Man könnte zwar eine Schule zum Hochsicherheitstrakt machen. Aber wenn jemand Amok läuft, kann er auch einen Schulbus ins Visier nehmen und sie können nichts machen."

Die verheerendsten Amokläufe

Amok

Der Begriff Amok kommt von dem malaysischen Wort "amuk" und bedeutet so viel wie "wütend" oder "rasend". Mehr auf der Themenseite...

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3. April 2009: Binghamton, USA

11. März 2009: Winnenden

10. März 2009: Alabama, USA

23. Januar 2009: Dendermonde, Belgien

23. September 2008: Kauhajoki, Finnland

7. November 2007: Jokela, Finnland

16. April 2007: Virginia, USA

12. Februar 2007: Amokläufe in Salt Lake City und Philadelphia, USA

20. November 2006: Emsdetten

2. Oktober 2006: Pennsylvania, USA

21. März 2005: Red Lake/Minnesota, USA

26. April 2002: Erfurt

27. März 2002: Nanterre, Frankreich

26. September 2001: Zug, Schweiz

8. Juni 2001: Osaka, Japan

20. April 1999: Littleton/Colorado, USA

24. März 1998: Jonesboro/Arkansas, USA

22. Mai 1997: Brasilien

28./29. April 1996: Tasmanien

13. März 1996: Dunblane, Schottland

23./24. September 1995: Toulon, Frankreich

16. Oktober 1991: Killeen/Texas, USA

Dezember 1989: Montréal , Kanada

18. Juli 1984: Kalifornien, USA

1. August 1966: Universität von Texas, USA

11. Juni 1964: Volkhoven bei Köln

amz/dpa/ddp

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