Streit über Konsequenzen
Union und Polizisten lehnen schärferes Waffenrecht ab
Von Sebastian Fischer
Reflexartige Reaktion oder notwendige Debatte? Nach dem Amoklauf von Winnenden diskutieren Politiker eine erneute Verschärfung des Waffenrechts. Lobbyisten wehren sich, die Polizeigewerkschaft hält schon das gegenwärtige Gesetz für "so was von dicht".
Berlin - Ein ganzes Waffenarsenal lagerte im Elternhaus von Tim K.: Mehr als ein Dutzend Schusswaffen besitzt der Vater. Der sei Sportschütze, berichtete ein Bekannter K.s SPIEGEL ONLINE. An diesem Mittwochmorgen aber fehlte eine Waffe: die Pistole der Marke Beretta.
Mit ihr lief Tim K. im schwäbischen Winnenden Amok, tötete 15 Menschen - in seiner ehemaligen Schule, auf dem Gelände einer angrenzenden Klinik, in einem Autohaus.
15 Opfer. Alles erinnert an Erfurt 2002. Auch damals lief ein ehemaliger Schüler Amok, Pistole in der Hand, Pumpgun auf dem Rücken. Der 19-Jährige, Mitglied im Schützenverein, erschoss zwölf Lehrer, zwei Mitschüler eine Sekretärin und einen Polizisten. In der Folge verschärfte man
das deutsche Waffenrecht .
So dürfen Sportschützen nun erst ab einem Alter von 21 statt 18 Jahren großkalibrige Gewehre und Pistolen besitzen. Zudem müssen unter 25-Jährige ein medizinisch-psychologisches Gutachten vorlegen, um eine Waffenbesitzkarte zu erhalten. Zwar können Jäger und Sportschützen ihre Waffen weiterhin zu Hause lagern, doch sind die Vorschriften zur Aufbewahrung verschärft worden: Wanddicke, Schloss und Härtegrad der Waffenschränke sind vorgeschrieben, der Tresor muss mindestens 200 Kilogramm wiegen oder fest am Boden verschraubt sein.
Zwischenzeitlich wollte Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) das novellierte Waffengesetz entschärfen, etwa die Altersgrenze wieder auf 18 Jahre senken. Kritiker vermuteten die Schützen-Lobby hinter den Vorschlägen, die massiv für die Interessen der rund zwei Millionen Waffenträger in Deutschland streitet. Doch der öffentliche Druck war zu groß, Schäuble knickte ein.
Im April 2008 folgte dagegen eine weitere Verschärfung: Sogenannte "Feuerwaffenimitate" und gefährliche Messer dürfen nicht mehr in der Öffentlichkeit getragen werden. Und konnten früher die Waffen eines Verstorbenen ohne wirkliche Beschränkungen auf die Nachfahren überschrieben werden, so besteht nun eine "Blockierungspflicht für Erbwaffen". Heißt: Vererbt werden darf nur noch an jene, die einen Waffenschein haben.
Doch all dies hat Tim K.s Amoklauf im Schwäbischen nicht verhindern können. Deshalb setzen sich Politiker nun für eine weitere Verschärfung des Gesetzes ein. Zum Beispiel Bodo Ramelow: Der Linke-Fraktionsvize fordert ein zentrales elektronisches Waffenregister, um so den Zugang zu Schusswaffen zu erschweren. Die bayerische SPD-Innenexpertin Helga Schmitt-Bussinger will die "Aufbewahrung und Ausgabe von Waffen neu überdenken".
Wirklich konkret ist das alles nicht.
Das hat, wenn es nach Wolfgang Dicke, dem Waffenexperten der Polizeigewerkschaft (GdP) geht, einen einfachen Grund: "Unser Waffengesetz ist jetzt schon sowas von dicht." Wenn ein Wasserhahn zugedreht sei, dann könne man ihn nicht noch weiter zudrehen, sagt Dicke zu SPIEGEL ONLINE. Der Ruf nach erneuten Verschärfungen sei "Ausdruck purer Hilflosigkeit". Der Anteil von Straftaten mit legalen Waffen an der Gesamtzahl der Delikte betrage lediglich 0,03 Prozent im Jahr, sagt Dicke.
Allerdings: Immer wieder kommen legale Waffen abhanden und entsprechend nicht in dieser Statistik vor - wie im Fall Tim K. Stimmt, sagt Dicke, im Jahr würden rund tausend Waffen gestohlen. Vor Verschärfung der Sicherheitsbestimmungen für Waffenschränke waren es noch 6000.
Doch Amokläufe werden auch dadurch nicht verhindert. Dazu Wolfgang Dicke: Die Eltern von Tim K. hätten die Aufbewahrungsvorschriften für Schusswaffen wohl nicht rigoros befolgt. Die "Schwachstelle des Waffengesetzes" sei somit der Mensch selbst. Gehe der nicht sorgsam mit dem Schlüssel zum Waffenschrank um, sei nichts zu machen.
Wie wäre es dann mit Schießeisen nur in speziellen Depots, jedenfalls nicht in Privathäusern? Joachim Streitberger will davon nichts wissen: "Und dann? Solche Zeughäuser für Schützenvereine liegen vielleicht draußen im Wald", da sei es kein Problem einzubrechen und sich eine Waffe zu besorgen. Streitberger ist Lobbyist, Sprecher des in Baden-Württemberg beheimateten "Forum Waffenrecht". Problem sei überdies "nicht das Tatmittel" sondern "in den Köpfen" dieser Amokläufer sei "doch etwas nicht in Ordnung".
Mit "immer weiteren Verschärfungen" des deutschen Waffenrechts schaffe man keine Verbesserung, sagt Streitberger zu SPIEGEL ONLINE. In Deutschland existierten "sieben bis zehn Millionen legale Waffen - aber mindestens die doppelte Menge an illegalen". Wenn sich also jemand eine Waffe besorgen wolle, dann werde ihm das auch auf andere Weise gelingen.
CDU-Innenexperte Wolfgang Bosbach unterdessen warnt vor einer Diskussion um Gesetzesänderungen "nur wenige Stunden nach diesem fürchterlichen Drama". Man solle jetzt nicht "pauschal eine Verschärfung fordern", so Bosbach zu SPIEGEL ONLINE.
In diese Richtung äußert sich auch Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU): Bevor man jetzt "eilig über die Verschärfung der Waffengesetze diskutiert, muss erstmal geklärt werden, was passiert ist und wie der Amokschütze an die Waffen kommen konnte".
Bayerns früherer Ministerpräsident und langgedienter Innenminister Günther Beckstein (CSU) weist Kritik am aktuellen Waffenrecht zurück. Problem sei nicht der Gesetzestext, sondern die Tatsache, dass offenbar geltendes Recht, also die Sicherung des Waffenschranks, nicht eingehalten worden sei. In Zukunft solle man die Einhaltung der Vorschriften "verstärkt überprüfen".
Fernab dessen müsse zudem geklärt werden, ob Tim K. Killer- und Gewaltspiele auf dem Computer gespielt habe: "Nicht jeder Nutzer macht einen Amoklauf, aber ein hoher Anteil unter den Amokläufern hat Killerspiele genutzt", so Beckstein zu SPIEGEL ONLINE: "Da sollten wir nachbohren."
Die verheerendsten Amokläufe
Der Begriff Amok kommt von dem malaysischen Wort "amuk" und bedeutet so viel wie "wütend" oder "rasend".
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Der Abiturient Georg R. verletzt bei einem Anschlag am humanistischen
Gymnasium Carolinum
in
Ansbach
acht Mitschüler und einen Lehrer. Die Tat wurde offenbar lange im Voraus geplant.
Einer Schülerin fügt er eine lebensgefährliche Kopfverletzung zu, eine andere erleidet schwere Brandwunden. Der 18-Jährige selbst wird bei seiner Festnahme durch mehrere Schüsse schwer verletzt.
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Jiverly Wong
, ein 41-jähriger Immigrant aus Vietnam erschießt in einem Zentrum für Einwanderer 13 Menschen und begeht anschließend Selbstmord.
Der 17-jährige
Tim K.
ermordet in der Albertville-Realschule im schwäbischen Winnenden 15 Menschen. Danach erschießt sich der Täter selbst.
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Ein Amokläufer im US-Bundesstaat Alabama
tötet mindestens neun Menschen und erschießt sich dann selbst. Das Blutbad ereignet sich in Geneva County im Südosten Alabamas nahe der Grenze zu Florida.
Ein 20-jähriger Belgier ersticht in einer Kindertagesstätte im ostflämischen
Dendermonde
zwei Kleinkinder und eine Betreuerin. Zehn weitere Kleinkinder und zwei weitere Betreuerinnen werden zum Teil schwer verletzt.
Der 22-jährige Berufsschüler
Matti-Juhani Saari
tötet in der westfinnischen Kleinstadt
Kauhajoki
zehn Menschen. Anschließend begeht er Selbstmord.
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Der 18-jährige Schüler
Pekka-Eric Auvinen
tötet insgesamt acht Menschen in einem Schulzentrum in
Jokela
.
An der Technischen Universität von
Virginia
erschießt ein Student 32 Menschen und verletzt 15 weitere.
Das Massaker an der Virginia Tech
gilt als eines der folgenschwersten an einer Bildungseinrichtung in den USA.
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Mindestens zehn Menschen sterben bei zwei Amokläufen in
Salt Lake City
und
Philadelphia (USA)
. Ein Täter eröffnet in einem Einkaufszentrum in Salt Lake City das Feuer und tötet fünf Menschen. Ein Polizist erschießt den Amokläufer.
In Philadelphia werden drei Teilnehmer einer geschäftlichen Konferenz Opfer eines Amokläufers. Er nimmt sich anschließend das Leben.
Der
18-jährige Sebastian B.
schießt in seiner ehemaligen Schule im westfälischen
Emsdetten
um sich. Elf Menschen werden verletzt.
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In
Lancaster County
im US-Bundesstaat
Pennsylvania
tötet ein Amokläufer an einer
Amish
-Schule fünf Mädchen. Dann nimmt er sich das Leben.
In
Red Lake
im US-Bundesstaat
Minnesota
erschießt ein 16-Jähriger eine Lehrerin und fünf Schüler. Zuvor hatte er schon einen Schulwärter, seinen Großvater und dessen Lebensgefährtin getötet. Im Internet outet sich der Täter als Anhänger
nationalsozialistischer Rassenlehren
.
Bei einem
Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium
in
Erfurt
tötet der 19-jährige Schüler Robert Steinhäuser binnen zehn Minuten 16 Menschen und sich selbst. Unter den Toten sind zwölf Lehrer, die Schulsekretärin, zwei Schüler und ein Polizist. Steinhäuser war ein Jahr vor der Tat von der Schule verwiesen worden.
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Im Pariser Vorort
Nanterre
erschießt ein
Amokläufer
acht Menschen. Anschließend springt er aus dem vierten Stock eines Polizeigebäudes in den Tod.
Ein Amokläufer
dringt in das
Kantonsparlament
im schweizerischen
Zug
ein und tötet 14 Menschen. Anschließend tötet er sich selbst.
Ein 37-jähriger Japaner
ersticht in einer Grundschule in der japanischen Stadt
Osaka
acht Kinder und verletzt 20 weitere zum Teil schwer.
Beim Schulmassaker von Littleton
stürmen die beiden Schüler Eric Harris und Dylan Klebold die
Columbine Highschool
in Littleton im US-Staat Colorado und ermorden dort zwölf Schüler im Alter von 14 bis 18 Jahren und einen Lehrer. 24 weitere Menschen werden verletzt, bevor sich die beiden Amokläufer selbst das Leben nehmen.
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Ein elf- und ein 13-jähriger Schüler lösen an ihrer Schule in
Jonesboro
im US-Staat
Arkansas
falschen Feueralarm aus und richten aus dem Hinterhalt ein Blutbad an. Im Kugelhagel sterben vier Mädchen und eine Lehrerin.
Im Nordosten
Brasiliens
bringt ein ehemaliger Soldat 17 Menschen um. Erst tötet er seine Frau und seine Schwiegermutter, dann geht der Amoklauf auf der Straße weiter. Grund der Tat: Gerüchte über seine angebliche
Homosexualität
.
35 Menschen fallen dem
Amokläufer Martin Bryant
auf der australischen Insel
Tasmanien
zum Opfer, darunter mehrere Kinder. In einem Café der ehemaligen Strafkolonie in Port Arthur schießt der geistig verwirrte Täter mit einem automatischen Schnellfeuergewehr auf die Gäste. Danach setzt er seinen Amoklauf auf der anderen Straßenseite fort.
Ein 43-jähriger Mann erschießt in der Turnhalle der Grundschule im schottischen
Dunblane
16 Erstklässler und deren Lehrerin. Der Todesschütze begeht nach der Tat Selbstmord.
Ein 16-jähriger Schüler bringt nahe dem französischen
Toulon
insgesamt 13 Menschen um und tötet sich anschließend selbst. Erste Opfer am Abend des 23. September sind sein Stiefvater, sein Halbbruder und seine Mutter. Am nächsten Morgen setzt der Täter im Nachbarort seiner Heimatstadt den Amoklauf fort.
Im
texanischen Killeen
tötet ein Mann in einer Cafeteria 23 Menschen. Anschließend begeht er Selbstmord.
An der Polytechnischen Hochschule von
Montréal
kommt es zum schwersten Schulmassaker der kanadischen Geschichte. Der 25-jährige
Marc Lépine
erschießt 14 Frauen und verletzt 13 weitere Personen, bevor er sich selbst das Leben nimmt. In einem Schreiben nennt der Mann Hass auf Feministinnen als Motiv.
In einem Schnellrestaurant in
San Diego
erschießt ein 41-Jähriger wahllos 21 Menschen. Er wird von einem Polizisten erschossen.
An der Universität von
Texas
schießt
der Amokläufer Charles Whitman
mehr als eine Stunde lang von einem Turm der Universität auf Passanten. Mindestens 17 Menschen werden getötet.
Beim
Attentat von Volkhoven bei Köln
stürmt ein Wehrmachtsveteran eine Volksschule. Er fügt acht Kindern tödliche Verletzungen zu und ersticht zwei Lehrerinnen.
Mit Material von dpa und AP
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