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13.03.2009
 

Amoklauf von Winnenden

SPD kritisiert Innenminister Rech wegen Fehlinformation

Er wollte einen Ermittlungserfolg präsentieren, jetzt steht Baden-Württembergs Innenminister Rech in der Kritik: Der Täter von Winnenden hat seine Tat offenbar doch nicht im Internet angekündigt, das angebliche Beweisbild war wohl gefälscht. Eine peinliche Panne, heißt es in der Südwest-SPD.

Stuttgart - Es war für ihn ein Fahndungserfolg, mit dem er vor die Presse trat: Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech sagte am Donnerstag, der Amokläufer Tim K. habe seine Bluttat zuvor im Internet angekündigt. Dazu präsentierten Ermittler Passagen aus einem Gespräch in einem Internet-Forum, das der 17-Jährige angeblich mit einem Gleichaltrigen aus Bayern in der Nacht vor dem Amoklauf geführt hatte. Die angebliche Ankündigung hat sich als Fälschung erwiesen - und Rech sah sich zu einer spektakulären Kehrtwende gezwungen: Der Amoklauf sei womöglich doch nicht im Internet angekündigt worden.

Baden-Württembergs Innenminister Rech: "Das muss wohl im Nachhinein konstruiert worden sein"
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AP

Baden-Württembergs Innenminister Rech: "Das muss wohl im Nachhinein konstruiert worden sein"

Auf dem Computer des 17-jährigen Täters hätten sich hierfür jedenfalls keine Einträge hierzu gefunden, sagte Rech der "Süddeutschen Zeitung". Genau das hatte aber sowohl der Minister selbst als auch die Staatsanwaltschaft Stuttgart noch am Donnerstagmittag behauptet.

Die Südwest-SPD rügte die Ermittlungspanne als "peinlich". SPD- Landtagsfraktionschef Claus Schmiedel kritisierte deswegen auch Rech. "Hier geht Genauigkeit vor Schnelligkeit. Man muss nicht immer mit sekundenschnellen Botschaften an die Öffentlichkeit gehen", sagte Schmiedel.

Außerdem habe auch die Kommunikation zwischen den Schulen nach dem Amoklauf nicht richtig funktioniert. "Es gab keine direkte Alarmierung der Schulen in der Umgebung." Dieses Problem müsse "dringend aufgearbeitet" werden.

Rech selbst sagte: "Irgendein Verrückter hat wohl eine schlimme Falschmeldung in die Welt gesetzt." Die Ermittler der Polizei hätten auf dem Computer von Tim K. festgestellt, dass der Forumseintrag nicht von dort verfasst wurde. "Das muss wohl im Nachhinein konstruiert worden sein", sagte Rech in der "Süddeutschen Zeitung". Rech wies noch am Donnerstagabend Kritik zurück, die Ermittlungsbehörden hätten sich zu früh auf die Echtheit des Eintrags festgelegt. "Ich habe stets deutlich gemacht, dass es sich um den vorläufigen Stand der Ermittlungen handelt. Es muss nun geklärt werden, wie der Vater eines 17-Jährigen behaupten konnte, er habe den Eintrag vor der Tat gesehen", sagte er der "Süddeutschen Zeitung".

Ein Polizeisprecher sagte der Zeitung, es habe sich möglicherweise um einen Übermittlungsfehler bei den Untersuchungen gehandelt: "Es ist möglich, dass noch nicht alles 100-prozentig durchermittelt war", sagte Klaus Hinderer. Im Laufe des Freitags erwartet er Klarheit, ob die Ankündigung von Tim K. stammt oder nicht. Nur der Betreiber des Servers in den USA könne sagen, wer, was und ob etwas ins Netz eingestellt worden sei. Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) sagte, die Ermittler würden noch mindestens zwei Tage brauchen, um den angeblichen Chat-Eintrag des Amokläufers zu prüfen.

Die Ermittler fahnden am Freitag laut einem Polizeisprecher nach weiteren Computern im Umfeld des Täters. Möglicherweise habe Tim K. die angebliche Androhung auf einem anderen PC geschrieben. "Ob der Täter einen Laptop hatte, wissen wir noch nicht." Zudem wollte die Polizei im Laufe des Tages erneut die beiden Jugendlichen vernehmen, die der Polizei von dem Gespräch im Forum berichtet hatten.

Erste Zweifel an der angeblichen Tatankündigung waren am Donnerstagnachmittag aufgekommen, nachdem der Betreiber der Internet-Seite krautchan.net mitgeteilt hatte, bei dem vom Rech auf einer Pressekonferenz am Vormittag präsentierten Internet-Forums-Beitrag handele es sich um eine Fälschung.

Auf der Pressekonferenz am Donnerstag hatte Rech der von skeptischen Journalisten mehrfach geäußerten Vermutung widersprochen, bei dem Foreneintrag handele es sich um eine nachträgliche Fälschung. Schließlich fügte er einen entscheidenden Satz hinzu: Ermittler hätten entsprechende Daten auf dem Computer des Amokläufers gefunden. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart schloss sich dieser Aussage an.

Dies war auch für SPIEGEL ONLINE der zentrale Hinweis, dass die Behörden den Forumseintrag ernst nehmen und eine Bestätigung für seine Echtheit haben. Ein Screenshot, ein Bildschirmfoto der angeblichen Ankündigung hatte der Redaktion bereits am Mittwochnachmittag vorgelegen - dieser war jedoch aus verschiedenen Gründen als wenig glaubwürdig eingestuft worden. Die Versicherungen von Rech und der Staatsanwaltschaft schienen diese Zweifel zu entkräften.

Umgehend veröffentlichten auch mehrere Nachrichtagenturen die angebliche Amok-Ankündigung als Eilmeldung - damit war die Nachricht in der Welt: Tim K. habe von seinem Computer aus im Internet den Amoklauf angekündigt.

hen/cis/dpa/ddp

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