Von Christian Teevs
Für Karl Lauterbach kursieren gleich mehrere Spitznamen in der SPD-Bundestagsfraktion. "Karlchen Überall" nennen ihn Parteifreunde - weil er sich bei jedem Thema einmische. Er sei eine "rollende Kanonenkugel", lästern andere, weil von Lauterbach jederzeit Kritik an der Großen Koalition drohe. Er begreife das Wesen von Kompromissen, Machtproporz und Fraktionsdisziplin nicht, klagen Genossen und schimpfen ihn "die begnadetste Ich-AG des Bundestages".
Karl Lauterbach - Fliegenträger, Professor und seit 2005 Abgeordneter - ist ein Exot in der bundesdeutschen Politikerlandschaft. Seine Karriere hat eine erstaunliche Entwicklung genommen. Vom Berater der rot-grünen Bundesregierung ist er seit seinem Einzug in den Bundestag zu einem der härtesten Kritiker der Großen Koalition geworden. Gerne lässt er Gegner sein Überlegenheitsgefühl spüren, wenn er von seinen über 400 wissenschaftlichen Veröffentlichungen spricht, seinen beiden Doktortiteln oder seiner Gastprofessur in Harvard. Er habe mehr publiziert als der gesammelte Rest des Sachverständigenrates, sagte er, als er diesem Expertengremium noch angehörte. Und als 35-Jährigen hätten ihn bereits drei C4-Rufe ereilt.
Die politische Karriere des Wissenschaftlers ist eng mit dem Aufstieg von Ulla Schmidt verknüpft. Wie die Gesundheitsministerin kommt Lauterbach aus einfachen Verhältnissen und schaffte durch die Bildungsexpansion der siebziger Jahre den gesellschaftlichen Aufstieg. Das Scheidungskind Schmidt schaffte den Sprung aus dem sozialen Wohnungsbau und wurde Lehrerin. Lauterbach entstammt einer Arbeiterfamilie und brachte es zum Direktor eines eigenen Instituts für Gesundheitsökonomie an der Universität Köln.
Seine Expertise diente Schmidt bis 2005 als wissenschaftliche Unterfütterung, vor allem aber auch zur Legitimation ihrer Politik. Lauterbach saß bereits seit 1999 im "Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitsbereich".
Doch erst mit Schmidts Amtsantritt 2001 wurde ihm eine breite Aufmerksamkeit zuteil. Er wurde mehr und mehr zum ersten Ansprechpartner für Fachjournalisten. Deutlich wurde sein wachsender Einfluss auch an den rasant zunehmenden Missfallenskundgebungen von Ärzte- und Pharmaverbänden. Er unterstellte den Ärzten schlechte Leistungen und warf ihnen die Beförderung der Zwei-Klassen-Medizin vor. So wurde er zum Feindbild der Ärzte- und Pharmalobbyisten und war denen bald verhasster als Schmidt. Mit zahlreichen Artikeln und Initiativen versuchten die Ärzteverbände das öffentliche Bild vom unabhängigen, seriösen Wissenschaftler zu zerstören. Doch gelungen ist das nicht. Karl Lauterbach stieg zu einem der gefragtesten Experten der Republik auf.
Die Förderung durch Schmidt beruhte auf Gegenseitigkeit: Sie nutzte seine Kontakte in die wissenschaftlichen Zirkel der Gesundheitsökonomie, er profitierte von ihrem kurzen Draht zu Lobbyisten und Fachpolitikern der SPD. So gehörte Lauterbach bis 2005 zu Schmidts engstem Führungskreis. Neben ihm dabei: Klaus Vater, Pressesprecher und Strippenzieher im Hintergrund, Büroleiter Ulrich Tilly, Ex-AOK-Funktionär Franz Knieps und Staatssekretärin Marion Caspers-Merk.
Lauterbach spielte dabei die Rolle des "Strebers", der "für jedes Problem die Studie kennt", schrieb die "Süddeutsche Zeitung". Doch nicht nur das: Er verkörperte für Schmidt auch das Analytische, Fundierte und wissenschaftlich Begründete ihrer Politik. Mit seinem linkischen Auftreten, der ungewöhnlichen Fliege und dem leicht quäkenden rheinischen Singsang wirkte er auf journalistische Beobachter zwar häufig ein bisschen nervig, aber auch - und das war für Schmidt entscheidend - vergleichsweise kompetent.
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