Von Christian Teevs
Im Wahlkampf 2005 zeigte Lauterbach eine für Seiteneinsteiger ungewöhnliche Begeisterung. Das monotone, redundante Werben um Wähler war ihm keineswegs zuwider. Im Gegenteil: Lauterbach entwickelte im Sommer 2005 eine Leidenschaft, die doch eigentlich den "Großkopferten" der Politik vorbehalten war. Für Alphatiere wie Schröder, Fischer oder Koch war Wahlkampf stets die Königsdisziplin der Politik. Hier ist weder Abwägen noch Verhandeln gefragt, sondern Aggressivität und individuelle Stärke. Doch auch der oft zerstreut erscheinende Lauterbach steigerte sich vor der Bundestagswahl 2005 in eine Kampfeslaune, die er dabei aber unaufhörlich analysierte. "Ground war beats airwar", dozierte er gegenüber der Wochenzeitung "Die Zeit". Wichtiger als hochtrabende Reden auf Veranstaltungen, wo ohnehin nur Genossen auflaufen, seien Hausbesuche, Infostände und direkte Konfrontationen mit dem politischen Gegner, erklärte Lauterbach. Man müsse einen Wahlkreis Häuserblock für Häuserblock erobern.
Wahlkampf sei für ihn "wie ein Schachspiel" und eine "spannende Anwendung der Kommunikationstheorie" diktierte er den Journalisten in den Block. Für jene war es eine spannende Geschichte: Da bricht ein Wissenschaftler aus der heimeligen Sicherheit seines Elfenbeinturmes aus und wirft sich in eine Schlacht um Wählerstimmen, deren Ausgang er nicht abschätzen kann. Er übernimmt nicht einfach ein Ministerium, sondern bewirbt sich schlicht um ein Mandat.
Viele Kollegen aus dem akademischen Milieu hätten große Scheu vor "dieser schmutzigen Sphäre", dem innerparteilichen Kampf gegen missgünstige Genossen und dem stets drohenden Streit mit der Parteiführung, erklärte Lauterbach vorgeblich verständnisvoll. Auch er habe sich manchmal wie im falschen Film gefühlt - etwa bei einem Schützenfest in Hitdorf, wo das traditionelle "Hähneköpfen" zelebriert wurde. Dabei stolperten betrunkene Männer mit verbundenen Augen über die Bühne und versuchten herumirrende Hähne mit einem Säbel zu köpfen. Dieser "Rausch aus Blut und Brutalität" habe ihn schockiert, sagte Lauterbach. Verständnis für einen derart archaischen Brauch habe er den Hitdorfern nicht vorgaukeln können.
Doch bis auf solche Ausnahmen zeigte er sich fasziniert vom Wahlkampf. Und natürlich von seiner Rolle im medialen Rampenlicht, die ihm eine ganz andere Öffentlichkeit bescherte als die Expertenrolle unter Ulla Schmidt. Lauterbach hat sich von seiner Mentorin emanzipiert. Es macht ihm Spaß, für und über sich selber zu sprechen statt über die Politik einer Ministerin, deren Erfolge ihm kaum einmal gutgeschrieben wurden.
Struck forderte, er solle "einfach mal die Klappe halten"
Und so profiliert er sich seit seiner Ankunft im Bundestag auch als Einzelkämpfer, der seine Meinung gerne und laut zum Besten gibt - auch wenn er damit diametral zu Partei- oder Regierungslinie liegt.
Nein, Parteidisziplin ist wirklich nicht sein Ding. Spöttisch, fast verächtlich spricht er über Kleingeister in seiner Fraktion, die sich jedem Druck von Struck und Müntefering beugten. Das ist für ihn Duckmäusertum, eine Selbstbeschneidung der Parlamentarier.
Kritik übte Lauterbach vor allem an der Gesundheitsreform der Großen Koalition. Die Lobbygruppen hätten sich am Ende durchgesetzt, Verlierer seien die Versicherten, klagte er in unzähligen Interviews. Nach monatelangem Streit rief ihn Peter Struck entnervt zur Ordnung. Lauterbach solle jetzt "einfach mal die Klappe halten", forderte der Fraktionschef.
Doch der Abweichler tat Struck den Gefallen nicht. Er hielt weder den Mund, noch passte er sich in der zweiten Hälfte der Großen Koalition an die parlamentarischen Gepflogenheiten an. Die "Süddeutsche Zeitung" kommentierte treffend, Lauterbach habe das "Pennälerimage aus der Feuerzangenbowle" konserviert.
Zweifellos ist es eine hochgradig ungewöhnliche Karriere, die Karl Lauterbach im bundesrepublikanischen Parteiensystem durchläuft. Für einen Seiteneinsteiger verfügt er über detailgenaues Wissen, wie die SPD, aber auch Medien, Verbände und Parlamente funktionieren und welche Knöpfe er wann drücken muss, um erfolgreich zu sein. Und: Lauterbach agierte in den letzten Jahren mehr und mehr wie ein Politiker, der seit seiner Jugend in einer Partei aktiv ist und sie kennt wie seine Westentasche.
Dabei ist er gerade einmal acht Jahre Mitglied der SPD.
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