SPIEGEL ONLINE: Sie haben gerade in Frankreich ein Buch veröffentlicht, das den Titel trägt: "Que faire?" - Was tun? Was sollte denn vor allem getan werden?
Cohn-Bendit: Es wäre sehr wichtig, die Theorie und Praxis der Transformation des Kapitalismus in eine soziale und ökologische Marktwirtschaft zu entwickeln. Früher dachten die Linken: Wir warten auf eine revolutionäre Situation, machen die Revolution, dann haben wir die Macht und können in Ruhe die neue Gesellschaft aufbauen. Doch angesichts des Klimawandels haben wir die Zeit nicht mehr. Machen wir uns doch nichts vor: Die Lage ist verdammt ernst.
SPIEGEL ONLINE: Das klingt alarmistisch.
Cohn-Bendit: Es ist mir egal wie das klingt, aber wir stehen nun mal an einer Kreuzung von Krisen. Die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise, die sich verschärfende Klimakrise und die Globalisierungskrise, die durch die zunehmende Ungleichheit zwischen Armen und Reichen entsteht. Diese Kombination führt schließlich zu einer Krise der Demokratie.
SPIEGEL ONLINE: Wenn die Lage so ernst ist, müssten die Grünen doch viel radikaler denken und auftreten. Doch ihre Spitzenvertreter in Berlin haben ein weichgespültes Wahlprogramm vorgestellt.
Cohn-Bendit: Sie haben es schwer. Die Journalisten interessieren sich viel mehr für spekulative Koalitionsvarianten als für Vorschläge zur Überwindung der Krise. Wir Grünen in Frankreich führen für das Europaparlament einen Wahlkampf, in dem wir sagen: Wir wollen in fünf Jahren 1000 Milliarden Euro mittels Anleihen für die ökologische Transformation mobilisieren. Wir müssen es in den nächsten fünf Jahren schaffen, dass wir den Energieverbrauch für das Wohnen halbieren. Das schafft Millionen Arbeitsplätze.
SPIEGEL ONLINE: Energiesparprogramme fordern die Grünen doch schon seit langem. Etwas neues fällt Ihnen nicht zur Krise ein?
Cohn-Bendit: Das stimmt nicht. Die Grünen schlagen den umfassenden ökologischen Umbau vor. Attac, Gewerkschafter und Linke haben große Demonstrationen organisiert, mit dem Slogan "Wir bezahlen nicht für eure Krise". Diese Verweigerung reicht nicht aus.
SPIEGEL ONLINE: Den ökologischen Umbau vorschlagen, reicht auch nicht aus.
Cohn-Bendit: Die Grünen stehen schon immer vor einem großen Problem. Wenn sie ehrlich sind, müssen sie den Menschen sagen: Wir müssen unsere Lebensweise und Wirtschaftsweise radikal ändern. Das geht nicht ohne Opfer. Das funktioniert nicht ohne Verzicht. Die meisten Menschen wollen Reformen, solange sie sie nicht spüren. Aber die ökologische Transformation gibt es nicht zum Nulltarif.
SPIEGEL ONLINE: Krisen machen Angst, und Angst schafft den Wunsch, dass sich nichts verändert.
Cohn-Bendit: Angst und Apathie sind natürlich fatal. Die Menschen waren schon von den Politikern enttäuscht. Jetzt haben sie das Vertrauen in Banker und Manager verloren und sind mit ihren Hoffnungen wieder auf die Politiker zurückgeworfen. Frustration und Verhärtung wachsen.
SPIEGEL ONLINE: Wie sollen die Politiker denn den neuen Erwartungen begegnen?
Cohn-Bendit: Wir Politiker müssen das Regieren neu denken. Pragmatisches Verwalten reicht nicht. Es gilt, die Kreativität und die Kräfte zu mobilisieren, die den radikalen Umbau voranbringen können. Wir sind mit einer großen intellektuellen Herausforderung konfrontiert. Welche Potentiale in einer Gesellschaft schlummern, ohne dass sie unbedingt abgerufen werden, haben wir in den sechziger Jahren erlebt. Wir können die Krise nicht als vereinzelte Individuen lösen, wir können es nur gemeinsam hinkriegen. Aber wir können es hinkriegen.
SPIEGEL ONLINE: Obama lässt grüßen. Yes we can.
Cohn-Bendit: Ja, richtig. Europa soll Avantgarde der ökologischen Transformation werden. Nur die Kombination aus Existenzsicherung und Transformation bietet eine nachhaltige Lösung der Krise. Wir können das in Europa.
Das Interview führte Michael Sontheimer
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