Von Franz Walter
Im Herbst 2006 machte ein Begriff aus der Soziologie jäh Karriere: Prekariat. Durch eine Studie der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung geriet für einige Wochen die Schicht ganz unten in der sozialen Hierarchie ins Visier der Öffentlichkeit. Aber die Debatte verebbte so schnell wie sie zuvor aufgekommen war. Hernach war vorwiegend die Abstiegsangst der gesellschaftlichen Mitte ein Thema von Politik und Publizistik. So ist es auch und gerade in der Krise des Finanzkapitalismus geblieben.
Agentur für Arbeit in Ludwigsburg: Fortschrittsangst dominiert
Die Zeiten eines hochqualifizierten, selbstbewussten, gar klassenkämpferischen "Proletariats" sind offensichtlich auf immer vorbei. Die Menschen im unteren Drittel sind mutlos, keineswegs zukunftsgewiss, sondern voller Furcht vor dem, was noch kommen mag.
Die "kleinen Leute" im mittleren oder höheren Alter sind konservativ in dem Sinne, dass ihr Fluchtpunkt stets die Verhältnisse von "früher" sind. "Früher" - da galten sie und ihre Fähigkeiten noch was. Früher, da kam man auch mit einem ordentlichen Volksschul- oder Realschulabschluss weiter. "Heute muss man doch mindestens Abitur haben, sonst brauchst Du Dich gar nicht erst vorzustellen" - lautete die immerwährende Klage der Menschen in prekären Lebensverhältnissen.
Mit dem Begriff der "Chance" können sie nichts anfangen. Auf die Formel "Chance durch Bildung" reagieren sie gar wütend. Jeder oder jede von ihnen, der/die - sagen wir - über 16 Jahre ist, erfasst ganz realistisch, dass die Chancen-Bildungs-Gesellschaft für ihn oder sie bedeutet, in den nächsten Jahrzehnten ohne Aussichten, ohne Ansehen, erst recht ohne Möglichkeiten des Weiterkommens zu bleiben. Denn Bildung war ja der Selektionshebel, der sie in die Chancenlosigkeit hineinsortiert hatte. Bildung bedeutet für sie infolgedessen das Erlebnis des Scheiterns, des Nicht-Mithalten-Könnens, der Fremdbestimmung durch andere, die mehr gelesen haben, besser reden können, gebildeter aufzutreten vermögen.
Signifikant ist die dominante Fortschrittsangst
Mehr Bildungschancen mag ein Rezept für ihre ganz kleinen oder noch nicht geborenen Kinder sein - aber selbst daran glauben sie nicht. Für sie selbst heißt die Konzentration staatlicher Anstrengungen auf Bildung statt sozialer Transfers die Verfestigung von sozialer Labilität, ja Marginalität. Ganz illusionslos sehen sie, dass es für sie nicht eine einzige plausible Idee für ein sozial gesichertes und respektables Leben in den nächsten Jahrzehnten gibt. Daher klammern sie sich stärker als alle anderen Gruppen an den Staat. Zugleich aber beschweren sie sich bitter über die Bürokratie, mit der sie bei ihren täglichen Behördengängen zu tun bekommen, von der sie sich gegängelt, überwacht, schikaniert fühlen.
Signifikant ist die dominante Fortschrittsangst. Der Fortschritt bedeutet Bedrohung, übt einen permanenten Druck aus, den man nicht zu bewältigen vermag, der hilflos und klein macht, der die eigene Entbehrlichkeit und Nutzlosigkeit grell ausleuchtet. Auch hier ist der pessimistische Fatalismus spürbar, das allgegenwärtige Gefühl, die Dinge nicht mehr in der Hand zu haben, erst recht nicht steuern zu können, weshalb sich gerade die überforderten Unterschichten in ihre Refugien von Couch und Fernsehzimmer zurückziehen, um ihre Hilflosigkeit nicht noch öffentlich preisgeben und sich der Lächerlichkeit aussetzen zu müssen.
Bezeichnend an der Selbstinterpretation der unteren Schichten ist, dass sie die schlimmste Zeit, die fatalsten Brüche in ihrer Lebensgeschichte, in den achtziger und neunziger Jahren verorten, als nicht nur die schon zuvor existente Arbeitslosigkeit drückte, sondern als überdies die neuen Medien, die neuen Technologien, die deutsche Einheit, die neue Währung, die neuen Ansprüche im Geschlechter- und Familienverhältnis, die Appelle zur fortwährenden Bildung ihnen auf den verschiedensten Ebenen zusetzten. Mit einem Problem fertig zu werden, hätte ihnen noch gelingen mögen. Doch nun bündelten sich die Wandlungen und Zumutungen auf allen Seiten der Alltagsbewältigung.
Auch der Staat besitzt eine beschränkte Leistungsfähigkeit
Der Soziologe Rainer M. Lepsius hat in anderer Angelegenheit darauf hingewiesen, dass Nationen kaum dazu in der Lage sind, mit sich überlappenden Basisproblemen, die sämtlich zeitgleich auftreten, auf zivile Weise fertig zu werden.
Auch ein gut funktionierendes System kann in der Regel jeweils nur ein Großproblem konstruktiv lösen, denn jede Organisation - eben auch der Staat - besitzt eine beschränkte Leistungsfähigkeit. Für die mit kulturellen Ressourcen minderausgestatteten Unten-Milieus gilt das erst recht.
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