Mittwoch, 10. Februar 2010

Politik



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03.04.2009
 

Umstrittene Veröffentlichung

Oettingers Problem mit dem Wehrmachtslied

Von Veit Medick

"Viel Freude beim Singen": Baden-Württembergs Ministerpräsident Oettinger hat ein Liederbuch herausgegeben. Neben allerlei Gassenhauern findet sich darin auch ein Wehrmachtslied. Jetzt will er den Band einstampfen lassen - ihm droht eine erneute Geschichtsdebatte.

Berlin - Günther Oettinger feiert gerne. Wenn der baden-württembergische Ministerpräsident mal in Berlin ist, lässt er kaum eine Party aus. Weil der CDU-Politiker aber auch mit seinen Kreisverbänden vor Ort mal die eine oder andere lange Nacht verbringen will, hat er das seit 20 Jahren existierende Liederbuch der Landespartei neu aufgelegt und erweitert. "Lied.Gut" heißt das neue gelbe Bändchen - im Grußwort wünscht der Ministerpräsident "frohe Stunden und viel Freude beim Singen in geselliger Runde".

Oettinger: "Ein solches Lied hat in keinem Liederbuch etwas verloren"
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DDP

Oettinger: "Ein solches Lied hat in keinem Liederbuch etwas verloren"

Es ließen sich in der Tat ein paar lustige Abende mit dem Büchlein verbringen. Denn Oettinger hat an alle gedacht: Für die Pensionäre hat er alte Gassenhauer wie "Lebt denn der alte Holzmichel noch" aufgelistet, jüngere Zeitgenossen wiederum können zu Songs "Tür an Tür mit Alice" oder "Anton aus Tirol" das Tanzbein schwingen. Und für die polyglotten Freunde hat Oettinger noch ein paar internationale Hits untergebracht: "Oh happy day" zum Beispiel, oder "Itsy Bitsy Teenie Weenie".

Doch jetzt will der Ministerpräsident das Buch wieder einstampfen. Der Grund findet sich auf Seite 86. Dort nämlich ist das sogenannte "Panzerlied" abgedruckt, ein bekanntes Wehrmachtslied mit dem Titel "Ob's stürmt oder schneit". "Ganz klar kriegsverherrlichend", sagt der SPD-Landtagsabgeordnete Stephan Braun. "Ihm ist da gewaltig was aus dem Ruder gelaufen." Und Oliver Kopf vom Kieler Prieberg-Archiv, das sich auf Liederbücher in der Nazi-Zeit spezialisiert hat, meint: "Damals war das sehr beliebt."

Es ist vor allem ein Teil des Lieds, an dem Oettingers Kritiker Anstoß nehmen. "Mit donnerndem Motor, so schnell wie der Blitz, dem Feinde entgegen, im Panzergeschütz. Voraus die Kameraden, im Kampf sind wir allein', so stoßen wir tief in die feindlichen Reih'n", heißt es in Strophe zwei.

Dass diese Zeilen politisch für Unruhe sorgen könnten, hätte Oettinger merken müssen, bevor er sein Grußwort unterschrieb. Baden-Württembergs Landeschef und Geschichte - da gucken seine Kritiker jedenfalls genau hin, seit er im April 2007 am Grab des umstrittenen Politikers Hans Filbinger eine Rede hielt, die ihn politisch fast den Kopf gekostet hätte. Er hatte den CDU-Politiker indirekt zum Widerstandskämpfer erklärt, obwohl seit langem bekannt war, dass dieser Ende des Zweiten Weltkriegs als Marinerichter an Todesurteilen gegen deutsche Soldaten beteiligt gewesen war.

So eine Diskussion will Oettinger nicht noch einmal erleben. Deswegen hat er am Freitag auf die Kritik am Liederbuch reagiert. "Ein solches Lied hat in keinem Liederbuch etwas verloren, schon gar nicht in einem der CDU", teilte er mit. Die vorhandenen Bestände sollten vernichtet werden, habe er die Landesgeschäftsstelle der Partei angewiesen. Noch am Donnerstag hatte sein Generalsekretär Thomas Strobl einen solchen Schritt verweigert: "Wir lehnen Bücherverbrennungen ab." Einen Tag später sagt Strobl SPIEGEL ONLINE: "Ich habe die Verteilung gestoppt, der Restebestand von 2000 Stück wird vernichtet und in der Neuauflage wird das Lied nicht mehr drin sein. Damit ist die Sache erledigt."

Doch etliche Exemplare des Liederbuchs sind längst verteilt worden - auf Parteitagen und Ortsfesten. Wie viele Bestellungen der Neuauflage schon vorliegen, will der Verlag, die Service-Gesellschaft für Druck, Verlag und Vertrieb SDV, nicht verraten. "Dazu sagen wir nix", sagt eine Frau am Telefon, bevor sie den Hörer aufknallt.

"Die Einstampfung ist richtig", sagt der Generalsekretär der SPD in Baden-Württemberg, Peter Friedrich. "Aber der gesamte Vorgang wirft ein schiefes Licht auf das Geschichtsbewusstsein der hiesigen CDU." Besonders übel stößt ihm die erste Reaktion Strobls auf: "Die Kritik an dem Buch in Zusammenhang zu Bücherverbrennungen zu bringen, ist ungeheuerlich." Sein Kollege Braun sagt: "Das schlägt dem Fass den Boden aus."

Bei der Bundeswehr kann man den ganzen Trubel nicht ganz nachvollziehen. "Das Lied haben wir früher doch immer gesungen", erinnert sich ein Sprecher. "Aber das war ja auch mitten im Kalten Krieg. Da durften wir das."

Der Sprecher wusste nicht, dass das Stück noch immer im Liederbuch der Bundeswehr zu finden ist. Im Rahmen der Brauchtumspflege habe man das Lied in einer entschärften Form immer wieder in die Neuauflagen übernommen, so ein Sprecher des Streitkräfteamts in Bonn zu SPIEGEL ONLINE. Die besagte Strophe ist abgedruckt. Verzichtet wurde lediglich auf die Zeilen aus der Originalversion: "Was gilt denn unser Leben für unsres Reiches Wehr? Für Deutschland zu sterben ist unsre höchste Ehr'."

Die aktuelle Version hält man in Bonn für unverfänglich. "Wir stehen zum Liedgut der Soldaten", so der Sprecher. "Krieg ist gefährlich. Das heißt: Attacke und Angriff. Und der Panzer ist halt das Hauptangriffsgerät des Heeres."

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