Von Robert Lorenz und Matthias Micus
Alle kennen sie, keiner mag sie: die Berufspolitiker. Ihre hervorstechenden Merkmale sind jedem politisch Interessierten hinlänglich bekannt. Unsere Politiker, so heißt es auch in den aktuellsten Darstellungen des Wahljahres von Robin Mishra bis Gabor Steingart unisono namentlich über jene in Berlin, seien unfähig und entscheidungsschwach, mit den drängendsten Problemen würden sie nicht fertig. Von der Gesellschaft und ihren Anliegen hätten sie sich abgekoppelt und ohnehin nur ihr eigenes Wohl im Kopf, über das sie, Stichwort: Diätenerhöhung, zu allem Übel auch noch selbst bestimmen können.
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Blickt man indes genauer hin, entpuppen sich all die scheinbaren Gewissheiten über Berufspolitiker und Seiteneinsteiger rasch als Klischees. Berufspolitiker - eine neuartige Erscheinung? Tatsächlich lässt sich nicht einmal mit Gewissheit sagen, ob ihre Zahl in den vergangenen 30 Jahren überhaupt gestiegen ist. Unabhängig davon, dass auch die Idole der prominenten Diagnostiker einer Politikerverdrossenheit außer Politik nicht viel gemacht haben, seien es Konrad Adenauer, Willy Brandt oder der gegenwärtig lagerübergreifend gefeierte Helmut Schmidt.
Sind Berufspolitiker durch ihre Parteien fremdgesteuert? Ein Blick auf die Seiteneinsteiger-Nation USA wirft die Gegenfrage auf, ob Seiteneinsteiger nicht mindestens so abhängig sind von parteifernen Partikularinteressen, zum Beispiel Wirtschaftsunternehmen, wie Parteisoldaten von ihrer Partei. Die politische Klasse ist abgekoppelt und hat bloß ihr eigenes Wohl im Kopf? In Wirklichkeit sind die Einkünfte von Spitzenpolitikern im Vergleich mit anderen Elitegruppen - wiederum beispielsweise aus der Wirtschaft - eher niedrig, und der Verdacht liegt nahe, dass das Recht zur Selbstfestlegung aufgrund des Hautgouts, das jeder Diätenerhöhung anhaftet, eher zu Selbstbescheidung als ungehöriger Bereicherung führt.
Um schließlich beurteilen zu können, ob Berufspolitiker wirklich unfähig sind, muss erst mal geklärt werden, was Politiker können müssen, ja noch allgemeiner: was Politik überhaupt ist. Von Adenauer stammt das Bonmot, er kenne viele Menschen, die jahrelang politisch tätig seien und dennoch nicht wüssten, was Politik ist. Er kenne sogar, so der Altkanzler mit Blick auf Ludwig Erhard seinerzeit weiter, einen Bundesminister, der keine Ahnung von Politik habe.
Folgt man Adenauer, geht es in der Politik nicht bloß um "die Sache". Politiker müssen vielmehr stets die Situation beachten, in der die Sachfragen stehen. Sie wissen, dass ein selbstgestecktes Ziel zu erreichen, eine große Varianz in der Wahl der Mittel und Methoden erfordert; dass die eigenen Vorstellungen stets an den aktuellen Verhältnissen kritisch überprüft werden müssen, sollen sie nicht zu Schablonen erstarren; und dass für den Erfolg eines Politikers die Kenntnis und der richtige Umgang mit den übrigen Beteiligten unerlässlich ist.
Ein Politiker, wie Adenauer ihn verstand, muss folglich über Instinkt und Einfühlungsvermögen in die jeweilige Situation wie auch die Interessen seiner Verhandlungspartner verfügen. Er darf sich durch eigene Vorannahmen und Urteile des Weiteren nicht die Wahrnehmung kurzfristiger Handlungsspielräume vernebeln lassen, muss also über eine große situative Intelligenz und eine ebenso ausgeprägte Fähigkeit zum Zuhören verfügen.
Politische Führung ähnelt insofern beinahe der Quadratur eines Kreises, Politiker müssen sich gleich ein ganzes Bündel verschiedenster, miteinander bisweilen auch kollidierender Fertigkeiten aneignen. Sie brauchen Entscheidungskompetenz und müssen Probleme wie Lösungswege rasch erfassen können, wozu ein feines Gespür für das richtige Timing, Selbstvertrauen und Entschlussfreude notwendig sind.
Andererseits erfordert die Verhandlungsdemokratie der Bundesrepublik ganz elementar auch Kooperationswillen, als dessen Grundlagen Fairness, Verlässlichkeit und Geduld gelten. Und zu alledem müssen Politiker auch noch gesellig und kontaktfreudig im Umgang mit dem Wahlvolk, selbstinszenierungsbegabt gegenüber den Medien und allgemein ehrlich, anständig und vorbildhaft sein.
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