Von Robert Lorenz und Matthias Micus
Da Politik, wie bereits Bismarck wusste, "eine Kunst" ist, lässt sie sich nicht durch einen Studiengang und den Erwerb formaler Eignungsnachweise erlernen. Auch eine feste Aufgabenstruktur gibt es für den Politiker nicht. Das notwendige Wissen und Können ist vielmehr nur durch praktische politische Erfahrung, kurz: durch "learning by doing" erwerbbar. Eben hierfür aber bietet die "Ochsentour" mit ihrer Vielzahl an Bewährungszwängen in den verschiedenen politischen Ämtern und Mandaten der unterschiedlichen Ebenen grundsätzlich geradezu ideale Bedingungen.
Andererseits ist die Klage über einen Mangel an Farbe, Kanten und Kaliber bei dem Gros der gegenwärtigen politischen Elite unzweifelhaft berechtigt. Doch liegen die Ursachen für die wahrgenommene Biederkeit des politischen Spitzenpersonals weniger in diesem selbst als in den äußeren Umständen. Die Westdeutschen mussten - glücklicherweise - nach NS-Diktatur, Weltkrieg und Nachkriegschaos nicht mehr durch das Stahlbad dramatischer Zeitläufte, erschütternden Leids und polarisierter Ideologien.
Politik hatte bis weit in die Nachkriegsdemokratie hinein für viele Ex-Häftlinge, Frontsoldaten und Remigranten, die oftmals dem Tod ins Auge geblickt hatten, einen existentiellen Charakter besessen. Das ist heute - wiederum: glücklicherweise - anders und Politik ein Job wie andere auch. Zudem war Politik in Zeiten blockierter Bildungswege eine wichtige Leiter des sozialen Aufstiegs ohne Zertifikat und zog eben dadurch begabte, willensstarke Naturen an.
Nicht zuletzt erschlossen die sozialmoralischen Milieus den Parteien ein breites Spektrum vielfältig geprägten Nachwuchses, sei es dem kirchennahen, gewerkschaftlichen oder wirtschaftsbürgerlichen Bereich. Auch diese Quellen sind versiegt, seitdem die Milieus erodierten und die Bildungswege für alle Schichten geöffnet wurden - ebenso wie auch der traditionelle Respekt einer lange gouvernmental geprägten Kultur vor dem Politikerberuf längst geschwunden ist.
Seiteneinsteiger könnten der politischen Klasse infolgedessen durchaus zusätzliche Farbe verleihen. Bloß stimmt es nicht, dass sie von einer besitzstandswahrenden Politikerkaste nur nicht gerufen werden - sie überhören oftmals auch ganz bewusst die Rufe.
Schließlich ist der Wechsel in einen so zeitraubenden, arbeitsintensiven und erwartungsüberfrachteten Beruf, wie die Politik ihn darstellt, für etliche Elitenangehörige nicht eben attraktiv. Zumal wenn das Engagement kein zusätzliches Renommee zu verleihen verspricht, mit einem hohen Abwahlrisiko verbunden und obendrein schlechter bezahlt ist, als die bisherige Tätigkeit.
Und wenn sie sich trotz allem dennoch dafür entscheiden, in die Politik zu gehen, verzweifeln sie zumeist alsbald an den Eigenheiten ihrer neuen Wirkungsstätte. Gerade Wissenschaftler und Wirtschaftsführer scheitern daher mit großer Regelmäßigkeit, wenn sie sich für einen Seitenwechsel entscheiden. Unternehmer beispielsweise fremdeln mit der ständigen Notwendigkeit zur Begründung von Entscheidungen, erfolgt doch in der Wirtschaft Handeln eher aufgrund von Befehlen und Anweisungen.
Entsprechend gering entwickelt ist ihre Diskussions- und Rechtfertigungsbereitschaft. Auch die Unklarheit, in der Politik Erfolg und Misserfolg zu bestimmen, stellt für Wirtschaftskapitäne eine Terra incognita dar. Wissenschaftler wiederum sind es gewohnt, ihre Überzeugungen dogmatisch zu vertreten und in der Vereinzelung ihrer Schreibstube zu forschen, während in der Politik Flexibilität und Kontaktfreude gefordert sind.
Infolgedessen überrascht es wenig, dass Seiteneinsteiger ihr politisches Engagement oftmals bereits nach kurzer Zeit wieder beenden, dass - wie es über Kurt Biedenkopf geheißen hat - bald aus Wunderknaben wunde Knaben werden. Eher als den Ruf der Politik zu verbessern, reduzieren Seiteneinsteiger durch ihre Sprunghaftigkeit und Unberechenbarkeit noch zusätzlich das höchste Gut der Demokratie: das Vertrauen in die Politik. Eben das macht auch den Fall Werner Marnette symptomatisch für das Phänomen Seiteneinsteiger insgesamt.
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