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16.04.2009
 

Machtmensch Merkel

Sphinx im Kanzleramt

Von Florian Gathmann

Was verbindet Kohl, Schröder und Merkel? Rücksichtslosigkeit, behauptet der Politologe Gerd Langguth. Zur Präsentation seines neuen Buchs erschien Sachsens ehemaliger Regierungschef Milbradt - ein Betroffener des Merkel-Machtsystems.

Berlin - 104 Seiten. Mehr Raum wird der aktuellen Kanzlerin nicht eingeräumt. 139 dagegen Helmut Kohl, Gerhard Schröder sind sogar 186 Seiten gewidmet. "Das politische Lebenswerk von Angela Merkel ist ja noch nicht beendet", sagt Georg Milbradt, der Buch-Präsentator. Neben ihm sitzt Gerd Langguth, der Autor von "Kohl, Schröder, Merkel - Machtmenschen", und lächelt wissend in den vollbesetzten großen Saal im Erdgeschoss der Bundespressekonferenz.

"Machtmenschen"-Autor Langguth: Bei Merkel spricht er von der "Macht der Sphinx"
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DPA

"Machtmenschen"-Autor Langguth: Bei Merkel spricht er von der "Macht der Sphinx"

Natürlich überwiegt bei Langguths neuem Buch das Interesse an einer Deutung der regierenden Kanzlerin. Zumal der Autor, Politik-Professor an der Universität Bonn und ehemaliger CDU-Politiker, als Unions-Insider gilt. Seine Lektorin drückte das zur Begrüßung so aus: "Langguth hat sich ja schon länger mit dem Innenleben der CDU beschäftigt." Dafür spricht auch der Hinweis von Sachsens Ex-Ministerpräsident Milbradt, wonach Langguth "an allen CDU-Parteitagen seit 1968 teilgenommen hat".

Angela Merkel kennt Langguth so gut, dass er schon 2005 eine Biografie über sie verfasste. Da war Merkel noch Oppositionsführerin im Bundestag.

Nun also der Vergleich mit dem Einheits- und dem Alpha-Kanzler. Zwei mächtige Männer. Bei Kohl spricht Langguth von der "Macht der Geschichtsdeutung", bei Schröder von der "Macht des Aufsteigers". Merkel sieht der Autor als "Macht der Sphinx".

Die rätselhafte Kanzlerin will er allerdings nicht mit der machtfernen Kanzlerin verwechselt wissen. Denn Macht, das ist für den Politikwissenschaftler Langgut ohnehin nichts grundsätzlich Negatives. Seine These: Politiker müssen mächtig sein.

Was man beispielsweise an Georg Milbradt beobachten konnte: So lange die Dinge in Sachsen gut liefen, saß der CDU-Politiker - kein Partei-Umarmer wie Kohl oder Menschenfänger wie Schröder - sicher im Sattel. Aber als die Probleme mit der sächsischen Landesbank überhandnahmen, war seine Machtbasis dahin, was schließlich zum Rückzug von der sächsischen Parteispitze und dem Ministerpräsidentenamt führte.

Über das Trio der Ex-Kanzler und Noch-Kanzlerin sagt Autor Langguth: "Wenn es um Machterhalt geht, können alle sehr rücksichtslos sein." Kohl gegen Strauß und Späth, Schröder gegen Scharping und Lafontaine, Merkel gegen Schäuble und Merz. "Einige Skalps hat auch sie am Gürtel", sagt Langguth. Vom Widerspruch des weißhaarigen Herrn in der ersten Reihe lässt er sich darin nicht beirren. "Die sind doch alle an sich selbst gescheitert", sagt der Historiker Arnulf Baring, auch er ein Kenner der CDU. Langguths Replik: Das stimme natürlich zum Teil, aber "der entscheidende Schubs" sei eben stets von Merkel gekommen.

Darüber könnte auch Georg Milbradt berichten. Denn als er in Dresden wankte, blieb aus dem Kanzleramt jegliche Hilfe aus. Wichtiger als das Schicksal der Person Milbradt war der CDU-Chefin Merkel das Schicksal ihrer Partei in Sachsen - einer der verbliebenen Hochburgen in Ostdeutschland.

Hätte er sich damals mehr Hilfe aus dem Adenauer-Haus gewünscht? Milbradts Antwort: "Aus Berlin hat sich nie jemand eingemischt." Keine Einmischung - auch das kann im Effekt eine Art Schubs sein.

Sie ist also nicht weniger Machtmensch als Kohl oder Schröder - aber natürlich regiert Merkel anders als ihre Vorgänger. Alleine schon wegen ihrer Biografie, sagt Langguth. Erst mit 34, da fiel gerade ihr Heimatland auseinander, stieg die DDR-Bürgerin Merkel in die Politik ein. Kohl war im gleichen Alter schon CDU-Fraktionschef im rheinland-pfälzischen Landtag, Schröder Juso-Bundesvorsitzender. Umso rasanter verlief die politische Karriere Merkels - und umso schneller musste sie wohl auch lernen, wie man Macht einsetzt.

"Politaholics" nennt Langguth, wozu sich viele Spitzenpolitiker entwickeln. Menschen, die süchtig nach der öffentlichen Aufmerksamkeit sind, dem Bestimmen, der Macht. Entsprechend schwer fällt es ihnen, das zeigt er am Beispiel von Kohl und Schröder, davon Abschied zu nehmen. "Sie werden kaum einen finden, der aus freien Stücken aus der Politik geht", sagt Langguth.

"Mir geht es soweit ganz gut", sagt Georg Milbradt, der seit einem knappen Jahr nur noch einfacher Landtagsabgeordneter ist. Mit anderen Worten: Selbst einer wie er, den Freunde als außerordentlich uneitlen Politiker beschreiben, hatte an seinem Abgang zu knabbern.

Und Angela Merkel, die zumindest theoretisch im Herbst eine Kanzlerin a. D. sein könnte, wie würde sie wohl damit zurecht kommen - und was würde die CDU-Vorsitzende mit dann 55 Jahren tun? Dafür hat ihr Biograf zwei Antworten: Merkel würde wie immer "auf Sicht entscheiden", sagt Langguth, sich also erst dann entsprechende Gedanken machen.

"Und außerdem glaube ich, dass sie relativ lange Kanzlerin sein wird, vielleicht sogar so lange wie Kohl."

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