Von Sebastian Fischer und Philipp Wittrock
Berlin/München - Selbstverständlich ist Angela Merkel vorher informiert worden. "Nach jedem Telefonat sind wir beide zufrieden, so auch bei diesem Thema: Da waren wir beide sehr zufrieden", sagt CSU-Chef Horst Seehofer. Gerade hat er eine elfköpfige Expertenkommission präsentiert, die der sozialen Marktwirtschaft von München aus zu einer "Renaissance" verhelfen soll.
CSU-Chef Seehofer, CDU-Chefin Merkel: "Beide sehr zufrieden"
Wahlkampf? Nein, beharrt Seehofer leicht säuerlich, es handele sich ausschließlich um "Beratung für den Ministerpräsidenten".
Doch das Signal ist: In München werden die grundsätzlichen Fragen angepackt. Vor Jahren noch war es die CDU-Vorsitzende Merkel, die über die "neue soziale Marktwirtschaft" nachdachte, der Christdemokratie mit dem Leipziger CDU-Parteitag 2003 ein liberales Reformfanal bescherte und zwei Jahre später ein entsprechendes Wahlprogramm.
"Auswüchse des Spekulationskapitalismus"
Nur knapp errang Merkel trotzdem die Kanzlerschaft, den Reformkurs gab sie auf. Und Seehofer, ihr Kritiker, war zufrieden: "Die Zeiten des Marktradikalismus sind seit der Bundestagswahl 2005 vorbei." Nun ist es wieder der Bayer, der den "Auswüchsen und Exzessen des Spekulationskapitalismus" mit Sinn für die öffentliche Wirkung den Kampf ansagt. Merkel dagegen zeigt sich im Aufgalopp zum Superwahljahr 2009 noch abwartend.
Diese Szenerie spiegelt sich in der Arbeit am gemeinsamen Wahlprogramm für die Bundestagswahl: Während die CSU etwa in Sachen Steuerentlastungen auf konkrete Formulierungen drängt, scheint sich die große Schwester am liebsten alles offen halten zu wollen. Fast wirkt es so, als fürchte die Kanzlerin-Partei den Wahlkampf. Manche in der Union spotten, man solle am besten ganz auf ein Wahlprogramm verzichten.
Angela Merkel scheut das Risiko, sich festlegen zu müssen in Zeiten, in denen jeder Monat, jede Woche neue, ungeahnte Hiobsbotschaften aus der Wirtschaft bringen kann. Zeiten, in denen niemand weiß, ob die bisher eingeleiteten Hilfspakete überhaupt wirken. Jedes Versprechen, so die Sorge der Strategen, könnte am Ende ein gebrochenes sein - insbesondere, wenn es darum geht, die Bürger ein wenig von der Steuer- und Abgabenlast zu befreien.
"Keiner weiß, wie die Krise in den nächsten Monaten verlaufen wird", stöhnte Hessens Ministerpräsident Roland Koch im Interview mit dem "Tagesspiegel" und meinte, da wäre es "unseriös, schon jetzt auf den Cent Steuersenkungen für die nächsten Jahre zu beschreiben." Also muss die Unverbindlichkeit zum Programm erhoben werden - und das möglichst spät.
Schadenfrohe Sozialdemokraten
Das Problem der Union: Die Sozialdemokraten sind in die Lücke vorgestoßen, haben bereits am vergangen Sonntag mit inszeniertem Rambazamba im Berliner Tempodrom ihr "Regierungsprogramm" samt Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier präsentiert - und konkrete Steuersenkungen versprochen.
Jetzt stehen die Unionsparteien erst einmal blank da. Erst Ende Juni wollen sie ihr Gegenprogramm präsentieren. "Während die politische Konkurrenz immer noch Anlauf nimmt, um sich auf ein gemeinsames Programm zu verständigen, hat die SPD es einstimmig auf den Weg gebracht", merkte SPD-Parteivize Andrea Nahles am Montag im TV-Sender N24 schadenfroh an.
Tatsächlich fällt den Schwarzen das mit der Gemeinsamkeit gerade mal wieder nicht so leicht. Es gibt kaum eine wichtige Frage, in der die Union mit einer Stimme spricht - mal sind es Unstimmigkeiten zwischen CDU und CSU, mal ist es eine CDU-interne Angelegenheit.
Das Wahlprogramm, das wissen Angela Merkel und ihre Berater im Konrad-Adenauer-Haus, muss diese Risse zumindest notdürftig kitten. Wenn der Wahlkampfsprint von internen Flügelkämpfen und Streit der schwarzen Schwestern überschattet würde, wäre das wohl verheerend für die Union. Also sollte das Papier, das die Spitzen von CDU und CSU derzeit verhandeln, am Ende möglichst niemandem wehtun.
Die Fäden haben die beiden Generalsekretäre Ronald Pofalla und Alexander Dobrindt in Händen. Sie koordinieren die Zuarbeit der jeweiligen Fachpolitiker und bei strittigen Fragen die der eingesetzten Untergruppen. So etwa beim Thema Steuerpolitik: Da verhandelt Bayerns Finanzminister Georg Fahrenschon mit den CDU-Kollegen Michael Meister und Steffen Kampeter.
Bis Ende Mai soll nun intensiv gerungen werden, um die Eckpunkte festzuzurren, am 29. Juni wollen die Spitzen von CDU und CSU das Programm verabschieden. Dass man der SPD damit um Wochen hinterher ist, sieht mancher in der Union gar als Vorteil: Meistens gewinne nicht jener, der den Sprint zuerst anzieht. Es sei recht mutig von der SPD, fünf Monate vor der Wahl ihr Pulver zu verschießen. Niemand wisse, wie sich die wirtschaftliche Lage in den nächsten Wochen entwickele - klar sei aber: Die Union könne durch ihr programmatisches Abwarten besser reagieren, heißt es optimistisch.
Doch stets droht dabei der Eindruck einer Hängepartie. In der nächsten Zeit wird sich zeigen, ob die SPD-Feierlichkeiten vom Wochenende ein Frühstart waren oder die Genossen in den Umfragen Boden gut machen können. Noch liegen sie weit zurück.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Deutschland | RSS |
| alles zum Thema Superwahljahr 2009 | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH