München - FJS ist wieder da. Die CSU bietet ihn gerade zum "Aktionspreis" für 20 statt 29 Euro an, als Büste aus "hochwertigem Biskuit-Porzellan auf Holzsockel". Nur solange der Vorrat reicht, versteht sich. Denn Franz Josef Strauß steht 20 Jahre nach seinem Tod wieder hoch im Kurs - nicht nur im Werbemittelshop der Christsozialen.
Seitdem Horst Seehofer den schlingernden Parteitanker übernommen hat, ist Strauß wieder en vogue. Die CSU wolle mit dessen gesamter Familie "wieder ins Reine kommen", denn FJS sei ja schließlich der "Vater des CSU-Erfolgs", dekretierte Seehofer kurz nach Amtsantritt.
Und so ist er verfahren: Kaum eine Rede zu einem beliebigen Thema, in der sich der CSU-Vorsitzende nicht auf seinen Vor-Vor-Vor-Vorgänger bezieht. Strauß-Tochter Monika Hohlmeier hat er auf die Europaliste bugsiert und - natürlich - seinem Büro in der Staatskanzlei wieder eine Strauß-Büste verpasst.
Und dann das. "Superinteressant und imponierend und faszinierend" sei Strauß gewesen, klar. Aber ein Vorbild? Nein, da gebe es "ja dann doch viele Dinge, die ich jetzt vielleicht anderen nicht zur Nachahmung empfehlen würden". Das sagte Christine Haderthauer im Interview mit dem Ingolstädter Sender "Radio IN" .
Strauß-Intimus: "Politische Dummheit verabscheue ich"
Es ist klar, auf was sie da anspielte: Auf einen mitunter selbstherrlichen Politikstil, auf Skandale und Skandälchen, auf Filz-Image und auf Amigo-Geschäfte, die mit seinem Namen verbunden werden. All das ist nichts Neues. Doch die Lästerung des Übervaters hätte die 46-jährige bayerische Sozialministerin am Wochenende offenbar beinahe ihren Job gekostet.
Denn Ministerpräsident Seehofer fand am Sonntagabend bei einem Jour-fixe der CSU-Granden scharfe Worte für die nicht Anwesende: Von seiner zwischenzeitlichen Überlegung eines Rauswurfs von Haderthauer aus dem Kabinett berichtete er und von seinem Entschluss, ihr doch noch eine Bewährungsfrist einzuräumen. "Das war kein Witz, er war richtig sauer", berichten Teilnehmer übereinstimmend. "Die Staatskanzlei äußert sich generell nicht zu anonymen Spekulationen", kommentiert ein Regierungssprecher.
Die "Süddeutsche Zeitung" zitierte einen führenden CSU-Mann aus der Runde: "Das Mädchen hat eine ganz fatale Neigung zu dummschwätzerischen Bemerkungen." Haderthauer indessen war bereits zurückgerudert. "Für mich ist klar: Franz-Josef Strauß hat Einzigartiges geleistet, für Bayern, die CSU und Deutschland", so die Attackierte. Sie brauche keinen Nachhilfeunterricht: "Gerade die Bewunderung für FJS, seine charismatische Kraft und sein Intellekt waren für mich persönlich der Grund, 1984 mit 21 Jahren in die CSU einzutreten".
Doch es hat nichts geholfen, die frühere CSU-Generalsekretärin Haderthauer steht weiter im Feuer der Parteifreunde. "Man sollte die Lebensleistung großer Politiker nicht herabwürdigen, bevor man selbst nicht ähnliches erreicht hat", sagte Monika Hohlmeier. Und Wilfried Scharnagl, früherer Strauß-Intimus, betont gegenüber SPIEGEL ONLINE: "Politische Dummheit verabscheue ich zutiefst und darum ist das unverzeihlich". Wenn Strauß noch lebte, wäre er Haderthauer wohl mit einem lateinischen Zitat entgegengetreten, meint Scharnagl: "Si tacuisses, philosopha mansisses", also: "Wenn du geschwiegen hättest, wärest du eine Philosophin geblieben."
Bei seinen gegenwärtigen Reisen durch Bayern stoße er "auf alles, nur nicht auf Anti-Strauß-Stimmen", sagt der 70-Jährige. "Die Leute sagen: das war die größte Zeit der CSU." Es sei nur politisch klug, "wenn Seehofer daran anknüpft", so Scharnagl.
Er tut das allerdings in einer sehr entschiedenen Weise, im Gegensatz etwa zum langjährigen CSU-Vorsitzenden Edmund Stoiber. Umso länger der regierte, umso mehr trat dieser preußisch anmutende Oberbayer aus dem Schatten seines barocken Vorgängers. Stoiber brach mit den Amigo-Netzwerken und modelte Land und Partei um. Franz Josef Strauß erwähnte er vor allem in Sonntagsreden.
Strauß schuf das moderne Bayern, Stoiber modernisierte es, sagen sie in der Partei.
Besonders Günther Beckstein, nur ein Jahr bayerischer Ministerpräsident, pflegte ein unterkühltes Verhältnis zum Mythos FJS. Kaum in die Staatskanzlei am Franz-Josef-Strauß Ring hinterm Hofgarten eingezogen, ließ der Franke das noch vorhandene Strauß-Mobiliar aus seinem Amtszimmer schaffen: Er halte diese Empirestil-Möbel nicht aus, soll Beckstein gesagt haben.
Der Grund waren wohl nicht generelle Geschmacksgründe sondern die missliebige Erinnerung an Strauß, dessen Lieblingsmöbel die Stücke aus Erlenwurzelholz waren. So soll Beckstein Stoiber bei der Amtsübergabe im Oktober 2007 gebeten haben, nicht nur die FJS-Büste mitzunehmen, sondern auch gleich die Möbel. Beckstein zu Stoiber: "Erlöse mich bitte von den Strauß-Möbeln." Denn er sei darauf das ein oder andere Mal von Strauß niedergemacht worden.
Nun schlägt das Pendel zurück. Die geringste Kritik an Strauß ist tabu. Dabei geht es Seehofer natürlich nicht darum, den früheren Vorsitzenden von Affären freizusprechen; es geht dem neuen Parteichef um den Mythos, das FJS-Bayerngefühl. Das will er reanimieren und nutzen, um die im letzten Jahre abgestürzte Partei wieder auf alte Höhen absoluter Mehrheiten zu führen.
"Stoiber wollte immer raus aus dem Schatten von Strauß, Seehofer will rein", formuliert es einer aus der Parteiführung.
Mit Material von dpa, ddp, AP
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