Von Gerd Langguth
Nur in politischen Krisenzeiten - etwa im Falle vorgezogener Wahlen - hat der Präsident so etwas wie eine selbständige Machtbefugnis. Die Kraft des Wortes hingegen ist seine eigentliche "Macht". Köhlers Reden zeigen jedoch, dass er alles andere als ein Geschichtsdeuter ist, dass er keine eigenen Visionen hat, dass er ein in der Sache engagierter Technokrat geblieben ist. Sein Problem war dabei die ökonomische Enge seines Weltbildes. Erstaunlich ist, dass er erst spät begonnen hat, den Deutschen die Globalisierung zu erklären, obwohl kein anderer hochrangiger Deutscher beruflich so sehr mit der internationalen Finanz- und Wirtschaftspolitik befasst war.
Zwar hatte Köhler nach dem "Heuschrecken"-Argument Münteferings weiland sogar von "Monstern" gesprochen. Doch damit hatte er mehr die SPD erfreut, auf deren Unterstützung er zu diesem Zeitpunkt noch hoffte. Differenzierter wurde er vor einigen Wochen, als er sich in einer "Berliner Rede" mit den Folgen der internationalen Finanzkrise auseinandersetzte. Es war seine bisher beste Rede, weil man diesmal den Eindruck hatte, dass er wusste, wovon er spricht.
Wenig Stilvermögen bewies der Bundespräsident, als er ausgerechnet in der letzten "Christiansen"-Sendung den Vorschlag unterbreitete, das Volk solle den Bundespräsidenten künftig direkt wählen. Köhler konnte sich bei einem solchen populistischen Vorschlag der öffentlichen Meinung sicher sein.
Wichtigste Amtshandlung: die Rettung des Nationalfeiertages
Nichts sagte er dazu, dass die Direktwahl des Präsidenten diesem eine höhere staatsrechtliche Legitimation als dem Bundeskanzler brächte, der nur indirekt - durch den Bundestag - gewählt wird. Das würde zu Veränderungen in der Stellung der Verfassungsorgane zueinander führen. Außerdem ist Köhler den Beweis schuldig geblieben, warum das bisherige Wahlverfahren in einer Bundesversammlung verbessert werden müsste.
Köhler stammt aus ärmlichen Verhältnissen. Als Einziger seiner Familie machte er das Abitur. Seine Erfahrungen als Flüchtlingsjunge, sein Wissen um Armut und Not prägen ihn bis heute. Sein Afrika-Engagement zeigt dies in besonderer Weise. Allerdings scheint es, als wolle er - wie fast alle Aufsteiger - nicht mit seiner Herkunft konfrontiert werden. Er wurde in einem Dorf im östlichen Polen, nahe der ukrainischen Grenze geboren. Obwohl er eine Einladung in seinen Geburtsort erhielt, hat er diese bislang nicht angenommen.
Er ist nicht dafür verantwortlich, dass seine aus Bessarabien stammenden Eltern von den Nazis zur Germanisierung als Bauern dorthin verfrachtet worden waren. Köhler hätte aber ein mächtiges Zeichen der Aussöhnung zwischen beiden Völkern setzen können, hätte er die Einladung des Bürgermeisters von Skierbieszów akzeptiert.
Köhler ist auch als Bundespräsident das, was er immer war: fleißig. Insoweit will er auch ein Vorbild sein. Er ist ein Patriot, will nach seinem eigenen Verständnis Deutschland dienen. Sein Hauptverdienst ist die Rettung des deutschen Nationalfeiertages, den die Regierung Schröder aus ökonomischen Gründen auf einen Sonntag legen wollte. Er sieht sich als ein Mutmacher, der die Bevölkerung mit der Politik versöhnen will. Er wollte notfalls "unbequem" sein, doch in Wirklichkeit redet er an der politischen Klasse vorbei, auch wenn er sich mit ihr gelegentlich angelegt hatte, so durch sein Veto zweier Gesetze.
Doch in seiner fast monarchisch wirkenden Sehnsucht, sich eins mit dem Volk zu fühlen, hat er diesem eher nach dem Munde geredet. Dass er dabei so merkwürdig blass bleibt, hängt auch damit zusammen, dass er letztlich wenig von sich mitteilt. Ihn prägen immer wieder Selbstzweifel, er tut sich sichtbar schwer in der Ahnengalerie solch bedeutender Präsidenten wie Heuss, Gustav Heinemann, von Weizsäcker oder Herzog, deren umfassende Bildung die Bürger beeindruckte.
In der Welt der Politik fühlt Köhler sich immer noch nicht so richtig wohl. Er ist auch in seinem Präsidentenamt ein scheuer, im tiefsten Kern unsicherer Mann geblieben. Aber andererseits: "Oben" zu sein, war immer schon sein Lebenstraum.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Deutschland | RSS |
| alles zum Thema Bundespräsidentenwahl 2009 | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH