SPIEGEL ONLINE: Sie haben in einem Papier die Möglichkeiten für Rot-Rot-Grün ausgelotet. Wollen Sie mit diesem Gedankenspiel eine Koalition mit der Linken herbei reden?
Gerhard Schick: Wir stehen jetzt vor einer historischen Herausforderung, Finanzmärkte neu zu ordnen und die Gesellschaft aus der Krise zu führen. Ich will mit meinem Papier darauf hinweisen, dass die SPD dabei große Schwächen zeigt. Und dass die Linke sich gleichzeitig auf eine fundamental-oppositionelle Position zurückzieht. Mein Papier ist eine Analyse dieser Situation - und ein Kritik an beiden: SPD und Linke müssen ihrer Verantwortung gerecht werden und Parteitaktik hintenanstellen.
SPIEGEL ONLINE: Sollte das passieren, wäre für Sie Rot-Rot-Grün eine Option für 2009?
Schick: Das ist sehr hypothetisch. Im Moment halte ich es für ziemlich unwahrscheinlich, dass sich da etwas bewegt: Die SPD schließt eine Koalition mit der Linken kategorisch aus, die Linke wiederum blockiert.
SPIEGEL ONLINE: Was also wollen Sie mit dem Papier bewirken?
Schick: Das Problem ist doch folgendes: Es gibt nur ein kleines Zeitfenster, um aus der Finanz- und Wirtschaftskrise die richtigen politischen Konsequenzen zu ziehen. In einer Großen Koalition ist das für die SPD unmöglich, soviel ist klar. Eine solidarische Antwort auf die Finanz- und Wirtschaftskrise wird nur von SPD, Grüne und Linke vorgeschlagen. Und da die Lösung der Probleme nicht bis zur übernächsten Bundestagswahl 2013 warten kann, muss man diese Debatte jetzt führen. Zumal: Auch der Klimawandel wartet nicht.
SPIEGEL ONLINE: Aber die Linke ist in ökologischen Fragen bisher doch wirklich nicht durch besonderes Engagement aufgefallen…
Schick: …und die SPD in der Großen Koalition genauso wenig. Da haben wir als Grüne ein absolutes Alleinstellungsmerkmal, das ist keine Frage. Und das werden wir auch behalten. Aber Gerechtigkeit und Ökologie gehören eng zusammen. Eine Grüne Marktwirtschaft ist immer auch sozial.
SPIEGEL ONLINE: Werden Sie auf dem Bundesparteitag am Wochenende einen entsprechenden Antrag für die Wahlaussage-Debatte vorlegen?
Schick: Der Antrag des Bundesvorstands enthält meine Position: Er verlangt das Ende der Großen Koalition und schließt ein Bündnis mit Union und FDP aus. Ansonsten lässt er alles offen - das unterstütze ich.
SPIEGEL ONLINE: Man könnte eine rot-rot-grüne Option auch explizit erwähnen…
Schick: …was ich nicht für notwendig halte. Es gibt die Möglichkeit für verschiedene Machtoptionen - aber die Grünen müssen nicht unbedingt regieren. Wir sollten nach der Wahl schauen, wie die Inhalte am besten vereinbar sind. Wenn das nicht der Fall ist, können die Grünen auch Opposition.
SPIEGEL ONLINE: Mit diesem Papier setzt Gerhard Schick seine Glaubwürdigkeit als seriöser Finanzpolitiker aufs Spiel, heißt es von Grünen-Realos. Teilen Sie diese Sorge?
Schick: Nein. Gerade aus einer realpolitischen Perspektive wird deutlich, dass eine wirkliche Veränderung in der Finanzwirtschaft, wie wir sie mit dem Grünen New Deal fordern, nicht möglich ist, wenn über CDU und FDP die Finanzlobby mit am Tisch sitzt. Schauen Sie sich doch das Thema Steueroasen an: Da passiert nichts, weil die CDU am Ende alles blockiert. Darüber hinaus bin ich der Meinung, dass man als Politiker nicht immer nur hinterherlaufen sollte. Man muss sich auch unangenehmen Fragen und neuen Entwicklungen stellen. In anderen als der jetzigen Situation können neue Konstellationen die richtige Antwort sein. Berührungsängste gibt es bei mir nicht.
SPIEGEL ONLINE: Auch nicht mit der Union?
Schick: Wenn die Inhalte stimmen, schließe ich Schwarz-Grün nicht aus.
Interview: Florian Gathmann
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