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07.05.2009
 

Radikalisierte Rentner

"Das Spiel ist aus!"

Von Sebastian Fischer

Die Regierung umwirbt sie mit einer Rentengarantie, doch Teile der Alten stehen längst auf den Barrikaden: Mit der Rentnerpartei RRP treten sie jetzt bei der Europawahl an. Bei einer Kundgebung auf dem Münchner Marienplatz gaben sie Einblick in ihr Politikverständnis.

München - Die sechs rüstigen Rentner auf der Bühne haben die Armut fest im Griff. Jeder hält einen Buchstaben. Und wenn der Kollege in der Wildlederjacke pfeift und mit den Fingern schnippt, drehen sie flugs die Tafeln mit A, R, M, U, T und dem Fragezeichen herum und es erscheint: A-L-T-E-R-S. Genau, Altersarmut.

Anhänger der Rentnerpartei auf dem Marienplatz: "Frau Merkl, warum?"
SPIEGEL ONLINE

Anhänger der Rentnerpartei auf dem Marienplatz: "Frau Merkl, warum?"

Das funktioniert ganz prima. "Wir stehen gut sortiert und bestens organisiert", ruft der Mann vor ihnen stolz ins Rentnervolk, das sich auf dem Münchner Marienplatz versammelt hat. Das ist Jürgen Wachendorff von der Rentnerinnen- und Rentnerpartei (RRP). Man fühlt sich mächtig: "Wir sind eine äußerst attraktive Zielgruppe", jeden Abend werde "im Fernsehen über uns geredet".

Derweil humpelt ein Parteiaktivist durchs Publikum, verteilt selbstgedruckte Zettelchen: "Wir sind 20 Millionen, jetzt helfen wir uns selbst."

"Dummes Palaver"

Eigentlich wollte ihnen ja die Bundesregierung in Berlin mit ihrem jüngsten Entschluss helfen. Fortan sollen die Renten in Deutschland niemals abgesenkt werden, auch wenn die Löhne wegen der schlechten Konjunktur sinken. Das hat das Kabinett in einer Rentenschutzklausel beschlossen. Im Gegenzug können die Rentenerhöhungen in Phasen wirtschaftlicher Erholung ab 2011 nur halb so hoch ausfallen, wie eigentlich vorgesehen.

Beobachter lästern schon über ein reines "Rentnerberuhigungsgesetz". Doch die Sache wirkt alles andere als beruhigend auf die RRP-Rebellen an der Basis. "Ja, jetzt ist wieder Wahlzeit", spottet Agitator Wachendorff, "schöne Worte und kleine Geschenke". Aber dieses "dumme Palaver" wirke jetzt nicht mehr, "wir lassen uns nicht mehr blenden: Schluss! Das Spiel ist aus!"

Da jubeln die rund 300 Rentner auf dem Marienplatz. Und recken ihre selbstgebastelten Plakate in die Höhe. "Frau Merkl, warum Niedriglöhne?", wird da mit orthographischer Nachlässigkeit gefragt. Ein anderer hat ausgerechnet, dass seine Rente ohne die Reformen seit 1996 "um 58,1 Prozent höher" wäre: "Rechnen Sie mal nach!"

Vorne auf der Bühne steht jetzt Helmut Polzer. Er ist der Bundesvorsitzende der RRP, hat die Partei im August 2007 in München gegründet. Heute hat sie etwa 3000 Mitglieder - mit Schwerpunkten in Bayern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein. "Langsam wächst etwas heran", freut sich Polzer, der mit seiner Seniorentruppe in diesem Jahr bei der Europa- und Bundestagswahl antritt. Das Konzept der RRP fernab von Kraftsprüchen à la Wir-sind-20-Millionen: Eine Rentenversicherung, in die alle einzahlen, Selbständige wie Beamte.

Bis dahin aber ist die Welt des deutschen Rentners trist und karg. Jedenfalls wenn man Helmut Polzer glaubt. Von Suppenküchen berichtet er und davon, dass verhindert werden müsse, "dass eine ganze Generation Rentner am Hungertuch nagen muss".

Auf dem Marienplatz rufen sie "Bravo", die meisten in sportlichen Freizeitjacken und versehen mit modischen Gesundheitsschuhen. Jene Rentner, die tatsächlich von Altersarmut betroffen sind - etwa Frauen mit Mini-Rente - die drängen sich offenbar nicht in den Vordergrund.

An die 20 Millionen Leidensgenossen kommt die RRP bisher trotz aller rhetorischen Anstrengungen nicht ran. So erreichte die Partei bei der bayerischen Landtagswahl im vergangenen Herbst nur 0,18 Prozent. Für die Europawahl aber, so verkündet ein RRP-Funktionär mit verspiegelter Sonnenbrille im Publikum, strebe man 0,5 Prozent an. In diesem Fall nämlich bekomme man staatliche Wahlkampfkostenerstattung, bisher laufe ja alles nur ehrenamtlich.

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