Von Lucie Kavanova und Torben Waleczek
Berlin - Gertraud Riperfinger hat seit 24 Stunden nichts mehr gegessen. Das ist ihre Form des Protests, ihr Kampf um die Milch. Ein bisschen müde sieht sie zwar aus. Aber die Bäuerin - zwei Kinder, 25 Kühe, Milchviehwirtschaft im Chiemgau - freut sich über die Aufmerksamkeit für ihren Hungerstreik.
Mehr als hundert Bäuerinnen aus ganz Deutschland demonstrieren seit Montag vor dem Berliner Kanzleramt in Sachen Milchpreisverfall. Sechs von ihnen verweigern neuerdings auch feste Nahrung, damit die Kanzlerin endlich zuhört. Es gibt nur noch Wasser, Kaffee und Tee. Die Frauen wollen ein Gespräch mit Angela Merkel führen, der Kanzlerin von ihrer Lage berichten. Davon, dass die Bauern nur noch rund 20 Cent pro Liter Milch bekommen; dabei bräuchten sie laut Verbandsangeben 40 Cent, um halbwegs anständig leben zu können.
Zu viel Milch auf dem Markt
Die Frauen fordern einen Krisengipfel. Diesmal nicht für angeschlagene Banken, sondern für die deutsche Milchviehwirtschaft. In Brüssel soll Merkel sich für flexiblere Milchquoten stark machen. Seit die EU die festgelegten Produktionsmengen, die vor allem großen Betrieben nutzen, erhöht hat, ist zu viel Milch auf dem Markt, sagen die Bäuerinnen. Damit purzeln die Preise für die Kunden - und die Einkünfte der Erzeuger.
Auf ihre Transparente haben die Frauen Slogans gemalt: "Milch ist Chefsache, Frau Merkel".
"Es wäre ihre Pflicht, sich zu äußern", finden die hungerstreikenden Bäuerinnen. Gertraud Riperfinger wäre schon froh, wenn die Kanzlerin wenigstens irgendjemanden nach draußen schicken würde, um mit ihnen zu sprechen. Aber niemand kommt.
Es ist ein Milchstreik der Frauen. Keine Männer auf dicken Traktoren, die Werkstore versperren oder Milch demonstrativ ins Güllebecken verschütten. So war es bei dem Milchboykott vor ziemlich genau einem Jahr. Stattdessen Bäuerinnen im Schlafsack, die beharrlich vor dem Kanzleramt campieren. Die Polizei hat kaum etwas zu tun, das Rote Kreuz bringt Decken und Nahrung.
Die Bäuerinnen verlangen ein faires Einkommen
Die Frauen haben vor der Regierungszentrale ein schwarz-rot-goldenes Kuhmodell aufgestellt. Angela Merkel könnte es sehen, wenn sie aus ihrem Büro hinausschaut. Es sind Frauen vom Lande, die der Frau da drinnen endlich klarmachen wollen, wie schlecht es um sie bestellt ist.
Eine der Hungernden erzählt von den Härten des Milchbäuerinnenalltags: "Wir haben fast keinen Urlaub, die Kinder müssen jeden Tag vor der Schule bei den Kühen arbeiten. Ich selbst muss die Buchführung bestreiten und die ganze Familie zusammenhalten." Da könne man doch wenigstens ein faires Einkommen erwarten.
Tatsächlich wird die Lage für die deutschen Milchbauern immer schwieriger. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes sind die Preise für Milch und Milchprodukte jüngst deutlich gefallen. Quark kostet rund 25 Prozent weniger als vor einem Jahr, frische Milch 18 Prozent.
Ende April hat die CSU-Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner deshalb Bürgschaften, Steuererleichterungen und vorgezogene Direktbeihilfen für die Bauern angekündigt. Die 90 Millionen Euro aus dem EU-Konjunkturpaket, die Deutschland zustehen, sollen in den Milchfonds fließen.
Trotzdem haben viele Landwirte die Hoffnung anscheinend schon aufgegeben. Denn während die Frauen am Kanzleramt protestieren, berichten Verbände und Politiker, dass immer mehr Milchbauern ihre Produktion einstellen wollen. Fast zeitgleich kamen solche Meldungen am Donnerstag aus Nordrhein-Westfalen und Mecklenburg-Vorpommern.
Die Milchbäuerinnen in Berlin hoffen weiter auf die Hilfe der Kanzlerin. Am Dienstag hatte Angela Merkel ihnen schon Anlass zur Hoffnung gegeben. Auf dem Deutschen Verbrauchertag sprach sie von "unfairen" Milchpreisen. Doch jetzt lässt sie sich nicht blicken.
Seehofer solidarisiert sich mit den protestierenden Frauen
Irgendwann kommt dann Renate Künast von den Grünen vorbei. "Ich wünsche Ihnen, dass Frau Merkel Ihnen die Tür öffnet", sagt Künast, die als Ministerin früher selbst mal für Landwirtschaft zuständig war. Nach einer halben Stunde ist die Grünen-Politikerin wieder verschwunden, und die Tore des Kanzleramts sind immer noch geschlossen. Ein Treffen mit Merkel sei "derzeit nicht absehbar", lässt ein Sprecher der Kanzlerin per Telefon ausrichten.
Dann immerhin doch noch ein Hoffnungsschimmer: Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer besucht die Frauen und fordert eine Rücknahme der jüngsten Milchquotenerhöhung. "Es macht keinen Sinn, erst die Menge heraufzusetzen und dann die Bauern zu subventionieren", erklärt der CSU-Chef den protestierenden Bäuerinnen.
Doch die warten noch immer auf ein Wort von der Kanzlerin. "Wir bleiben zumindest bis Sonntag im Hungerstreik", sagt Gertraud Riperfinger. Ihre Haut ist schon etwas dunkel geworden von der Arbeit auf ihrem Milchviehhof im Chiemgau - und von der Maisonne in Berlin.
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