Flop beim Rettungsgipfel
Ärger über GM schweißt Opel-Retter zusammen
Von Severin Weiland
Der Nervenkrieg um Opel eskaliert: Die US-Verhandler brüskieren die Große Koalition, fordern einen 350-Millionen-Euro-Nachschlag - nun wird ein neuer Krisengipfel im Kanzleramt nötig. Der Ärger über die Amerikaner verdeckt sogar die Differenzen zwischen den Verhandlern von SPD und Union - vorerst.
Berlin - Steffen Kampeter ist verärgert: "Die Amerikaner versuchen uns über den Tisch zu ziehen", schimpft der Haushaltspolitiker der Unionsfraktion. "General Motors versucht uns über den Tisch zu ziehen. Alle wollen unser Geld."
DDP
Minister Guttenberg, Steinbrück am frühen Morgen nach dem Opel-Poker im Kanzleramt: "Teils skurrile Nacht"
Der verstimmte CDU-Politiker kommt gerade aus dem Haushaltausschuss - dort haben Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) und sein Kollege aus dem Wirtschaftsressort, Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg (CSU), vertraulich über ihren Verhandlungsmarathon in Sachen Opel berichtet.
Fast acht Stunden lang, bis in den frühen Morgen hinein, hatten die müde dreinschauenden Minister im Kanzleramt gepokert - und doch keine rettende Einigung finden können.
Denn die Nacht brachte eine faustdicke Überraschung: Der Vertreter von General Motors (GM) forderte zusätzliche 350 Millionen Euro als Überbrückungshilfe für Opel. Es war ein offener Affront für die deutsche Seite.
Mit so viel Chuzpe hatte niemand gerechnet - die Provokation hat alle deutschen Beteiligten für einen Augenblick zusammengeschweißt. Dabei hatten Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier (SPD) und Guttenberg in den letzten Tagen öffentlich über die Frage einer "geordneten Insolvenz" für Opel gestritten. Der Dissens bleibt, aber die Nachforderung aus Amerika hat die Reihen in Regierung und Großer Koalition fürs erste einmal geschlossen.
Eigentlich wollten Steinbrück und Guttenberg an diesem Donnerstagmorgen den Haushaltsausschuss des Bundestags über jene 1,5 Milliarden Euro in Kenntnis setzen, die als Überbrückungskredit in eine Treuhandanstalt gehen sollen - und den Opel stabilisieren sollen, bis ein Vertrag mit einem möglichen Investor wie Fiat oder Magna perfekt ist. Voraussetzung für die Bewilligung ist, dass sich Opel von der Muttergesellschaft GM löst und dem dann selbstständigen Unternehmen Patente und Lizenzen als Sicherheiten zur Verfügung stehen. Das US-Finanzministerium hat in der Nacht indes deutlich gemacht, keinesfalls auf den Rückgriff auf Patente und andere Vermögenswerte verzichten zu wollen.
Jetzt steht alles auf Anfang, jetzt muss weiter miteinander gesprochen werden. Die Vertreter von GM blieben gleich in Berlin - im Hotel Adlon am Pariser Platz.
Steinmeier telefonierte noch am Donnerstag mit seiner US-Kollegin Hillary Clinton, die ihm Unterstützung zusicherte.Bundesregierung und US-Regierung müssten gemeinsam an einer geordneten Trennung von GM und GM Europe arbeiten, das sei eine Voraussetzung für den Erhalt möglichst vieler Arbeitsplätze auf beiden Seiten des Atlantiks, so ein Sprecher Steinmeiers. Zugleich mahnte er eine "partnerschaftliche Zusammenarbeit" an. Clinton habe zugesichert, sich bei US- Finanzminister Timothy Geithner für eine "größtmögliche amerikanische Unterstützung" einzusetzen.
Die Verschachtelung des US-Konzerns ist Teil des Problems - Opel ist dort nur ein Anhängsel. Die deutsche Seite will tunlichst verhindern, dass Steuergelder auf der anderen Seite des Atlantiks versickern. Mit Blick auf die weiteren Verhandlungen sagt Guttenberg denn auch: Man sei in der Regierung und in der Großen Koalition übereinstimmend der Ansicht, dass "wir Steuergelder nicht versemmeln".
Das Verhalten der Amerikaner ist Teil eines mächtigen Tauziehens. Bis Freitag, 14 Uhr, gilt von Seiten der Bundesregierung eine Frist - bis dahin sollen offengebliebene Fragen zu klären. Steinbrück nannte vor allem drei Punkte:
- Wenn die Bundesregierung mit Steuergeldern Risiken abdecke, "dann müssen wir wissen, wo das gegenüberliegende Ufer ist".
- Die deutsche Seite müsse im Falle eines Überbrückungskredits für Opel erfahren, "wem das Konto gehört und wo das Konto liegt".
- Drittens müsse bilateral mit dem US-Finanzministerium geklärt werden, auf welchem Wege das Ausfallrisiko der deutschen Staatsgarantien durch Sicherheiten "so gering wie möglich" ausfallen könne.
Voraussichtlich am Freitagnachmittag dann wird im Kanzleramt weiterverhandelt. Als ernsthafte Interessenten für den Kauf von Opel gelten nur noch der italienische Autobauer Fiat und der österreichisch-kanadische Konzern Magna. Der Finanzinvestor Ripplewood ist nicht mehr im Geschäft, heißt es in Berlin, ein Angebot des Konzerns BAIC aus China gilt als unausgereift.
Aus Kreisen der Länder hieß es am Donnerstagnachmittag allerdings zu SPIEGEL ONLINE, man sei sich "unter den Beteiligten weitestgehend einig, dass es auf Magna hinausläuft". Man müsse nun sehen, was das Unternehmen bei General Motors heraushole. Im Kern geht es um die 350 Millionen, die der US-Konzern ursprünglich als "Cash-Flow" vom Bund haben wollte.
Das vorläufige Scheitern der Verhandlungen von Mittwochabend auf Donnerstagmorgen stützt das Bild, das die deutsche Seite seit Wochen von den Amerikanern gewonnen hat. Informationen werden von dort nur unzureichend geliefert. Guttenberg hatte am Dienstag im Unions-Fraktionsvorstand angemerkt, die US-Seite würde täglich ihre Ansichten ändern.
An diesem Donnerstagmorgen nickt er zustimmend, als Steinbrück vor den Türen des Haushaltsausschusses erklärt, jede Seite habe natürlich legitime Interessen. Doch er und sein Kollege hätten manchmal den Eindruck, "dass die Informationen, die wir bekommen, eine sehr kurze Validität haben - damit drücke ich mich höflich aus". Auch bemängelt Steinbrück die "Intransparenz" auf US-Seite.
Die Amerikaner haben offenbar versucht, die Deutschen zu testen. Statt eines hochrangigen Vertreters schickte das US-Finanzministerium nur einen untergeordneten Berater ins Kanzleramt. Schon das eigentlich ein Affront. Außenminister Frank-Walter Steinmeier, hieß es, sei sauer gewesen. Auch aus Kreisen der vier Bundesländer, in denen Opel-Produktionstätten stehen, hieß es: "So geht das nicht." Die amerikanische Seite müsse respektieren, dass die Zukunft des hiesigen Autobauers für Deutschland "keine Kleinigkeit" sei und sich durch ein solches Verhalten ein "relevantes Problem für die deutsch-amerikanischen Beziehungen ergeben könnte". Die US-Seite sei durch ihr Auftreten im Kanzleramt "nicht absprachefähig" gewesen, lautete die Einschätzung gegenüber SPIEGEL ONLINE. So musste im Kanzleramt aus die Nacht über auch eine Videokonferenz mit dem Investmentbanker Ron Bloom geschaltet werden. Er ist ein wichtiges Mitglied der von US-Präsident Barack Obama eingesetzten Task Force, die sich der US-Autokrise widmet. Bloom gilt als zweiter Mann hinter US-Finanzminister Timothy Geithner.
Als die deutsche Delegation am frühen Morgen vor die wartenden Journalisten trat, war jedem Einzelnen die Verärgerung anzumerken. Wirtschaftsminister zu Guttenberg sprach von einer "teilweise skurrilen Nacht". Einmal mehr habe vor allem General Motors die Regierung "mit Überraschungen konfrontiert". Ohnehin macht der einst in der Unionsfraktion als Außenpolitiker und ausgeprägter Transatlantiker gefragte CSU-Politiker in diesen Wochen eine ganz neue Erfahrung: Dass die amerikanischen Freunde in geschäftlichen Dingen sehr hartnäckig sein können. "Er lernt sie jetzt von ihrer anderen Seiten kennen", sagt ein Unionsabgeordneter.
Auf Guttenberg haben sich die Sozialdemokraten in den vergangenen Wochen eingeschossen. Der Wahlkampf hat längst begonnen - zunächst noch subtil. Die Pfeile, die man nicht gegen die Kanzlerin abschießen kann, sie sollen den Neuling am Kabinettstisch treffen. Sein Bekenntnis, im Zweifel auch ein geordnetes Insolvenzverfahren bei Opel durchzusetzen, ist von Steinmeier wiederholt attackiert worden. Auch wenn der schroffe Verhandlungskurs der US-Seite die Kontrahenten für einen Augenblick zusammengebracht hat, der Konflikt schwelt weiter.
Die SPD hatte sich wiederholt, zuletzt durch Fraktionschef Peter Struck, für Magna als Investor ausgesprochen - zum Ärger von Teilen der Union und Guttenbergs.
Der CSU-Politiker lässt nach der Sitzung des Haushaltsausschusses seine Kritik an der SPD-Haltung durchschimmern. Über die lange Nacht im Kanzleramt sagt er: "Es wurde einmal mehr wichtig, keine Vorfestlegungen zu treffen." Denn diese "schwächen die Verhandlungspositionen von Opel, der Bundesregierung und damit auch gegenüber den Betroffenen". Ein Seitenhieb gegen den Außenminister. Ganz vergessen sind die Streitigkeiten zwischen den deutschen Opel-Rettern also doch nicht, trotz allem Ärger über die Amerikaner.
DIE PLÄNE DER VIER OPEL-INTERESSENTEN
Bislang sind vier Kaufinteressenten für
Opel bekannt: Der italienische Autobauer Fiat, der kanadische
Zulieferer Magna, der Finanzinvestor RHJ und der chinesische
Autohersteller BAIC. Bis Mittwochabend soll eine Entscheidung
fallen, mit welchen Bietern weiterverhandelt wird. Im Folgenden
ein Überblick über die Pläne der Interessenten - soweit sie
bisher bekannt sind:
Fiat will mit Opel und Chrysler einen globalen
Autokonzern formen, der mit weltweit 6,4 Millionen verkauften
Fahrzeugen pro Jahr den VW-Porsche-Konzern
überholen soll. Neben der europäischen GM-Tochter sollen
auch das Lateinamerika-Geschäft des US-Autobauers integriert und
die Präsenz am asiatischen Markt verstärkt werden.
Bei den Plänen von Fiat kämen durch Werksschließungen und
eine Kürzung der Produktion deutliche Einschnitte auf die
Arbeitnehmer zu. Nach Ansicht von Opel-Betriebsratschef Klaus
Franz stehen bei Opel und Fiat bis zu 18.000 Stellen auf dem
Spiel. Fiat selbst sieht "im ungünstigsten Fall" in Deutschland
maximal 2000 Stellen gefährdet, in Europa insgesamt 10.000. Fiat
will zudem für alle Pensionsverpflichtungen der europäischen
GM-Töchter einstehen. Um das Konzept auf die Beine zu stellen,
benötigt Fiat Hilfen vom Staat - im jüngst überarbeiteten
Fiat-Angebot ist von Bürgschaften von bis zu sechs Milliarden
Euro die Rede, zuvor waren es sieben Milliarden Euro.
Magna will sich mit Unterstützung des russischen Herstellers
Gaz und der russischen Sberbank an Opel beteiligen und mehr als 700 Millionen Euro investieren - teils über eine Wandelanleihe. Daneben ist eine Staatsbürgschaft im Gesamtvolumen von 4,5 Milliarden Euro eingeplant, die von der Bundesregierung und anderen europäischen Ländern mit Opel-Standorten vergeben werden sollen.
Zusammen wollen die Investoren Russland als neuen
Absatzmarkt erobern. Der kanadische Zulieferer strebt an Opel
eine Minderheitsbeteiligung von knapp 20 Prozent an. Die Sberbank könnte etwa 35 Prozent der Anteile übernehmen, die Opel-Mutter GM soll ebenfalls 35 Prozent behalten und die Mitarbeiter zehn Prozent. Auch ein Engagement der Opel-Händler ist in dem Konzept vorgesehen. Laut Opel-Betriebsratschef Franz hat Magna Werksschließungen nicht ausgeschlossen. Europaweit will Magna 10.000 Stellen abbauen, vor allem außerhalb Deutschlands.
Über das Konzept der in Brüssel börsennotierten
Beteiligungsgesellschaft RHJ International ist bislang am
wenigsten bekannt. Es sieht informierten Kreisen zufolge im Kern vor, dass GM einen Anteil von bis zu 40 Prozent an Opel behält. Zudem sollen die Mitarbeiter eine Beteiligung von etwa zehn Prozent bekommen. Demnach ist vor allem außerhalb Deutschlands ein Abbau von
10.000 Stellen geplant. Die vier deutschen Werke sollen erhalten
bleiben. RHJ - ein Ableger des US-Finanzinvestors Ripplewood -
ist bereits bei dem kriselnden Autozulieferer Honsel engagiert,
der an seiner Sanierung arbeitet.
Der chinesische Autobauer und Daimler-Partner Beijing Automotive Industrie Corp (BAIC) hat sein Konzept in letzter Minute vorgelegt. Das Angebot sieht informierten Kreisen zufolge eine Bestandsgarantie für alle deutschen Werke für mindestens zwei Jahre vor. Zudem planten die Chinesen keinen Arbeitsplatzabbau in Deutschland. Vom Staat will BAIC den Kreisen zufolge Bürgschaften von vier Milliarden Euro. BAIC sei zudem bereit, mindestens 660 Millionen Euro an Eigenkapital zu
investieren. Die Chinesen wollen Finanzkreisen zufolge aus Opel
einen globalen Autobauer formen.
DIE KRITIK DER REGIERUNGSBERATER
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Magna fordert nach bisherigen Informationen Bürgschaften der öffentlichen Hand für Kredite im Umfang von 4,5 Milliarden Euro und will weitere 700 Millionen Euro "mitbringen". Es sei irrtümlich der Eindruck entstanden, dass es sich bei den 700 Millionen Euro um eigenes Geld handele, hieß es. Tatsächlich verlange Magna aber für 200 der 700 Millionen Euro staatliche Bürgschaften - die restlichen 500 Millionen Euro seien sogenannte Mandatory Convertibles, berichtet das "Handelsblatt". Dabei handelt es sich um Schuldtitel, die zu einem definierten Zeitpunkt in Stamm- oder Vorzugsaktien umzuwandeln sind.
Hinter dem Magna-Konzept stecke somit eine völlig unzureichende Eigenkapitalausstattung, hieß es weiter. Das Angebot sei "verheerend" und "unakzeptabel".
Große Schwächen sehen die Fachleute auch hinsichtlich der Pensionslasten. Hier hatte Magna kürzlich zusätzliche Sicherheit im Umfang von drei Milliarden Euro gefordert. Damit sind nach Angaben der Regierungsberater aber nur etwa 70 Prozent der tatsächlichen Pensionsverpflichtungen abgedeckt.
Zustimmung verdient aus Sicht der Berater dagegen der Plan des Autozulieferers, den GM-Konzern nicht aus dem neu entstehenden Konzern herauszulösen. Magna will selbst nur 20 Prozent an dem noch zu gründenden Unternehmens halten, in das die europäischen Aktivitäten des GM-Konzerns ausgegliedert werden sollen. Der US-Mutterkonzern soll den Magna-Plänen zufolge mit 35 Prozent an dem Unternehmen beteiligt werden, weitere 35 Prozent gehen an den russischen Partner von Magna, zehn Prozent soll die Belegschaft halten. Dieses Modell stelle aus Sicht der Amerikaner einen gangbaren Weg dar, hieß es.
Fiat will den europäischen GM-Teil komplett aus der bisherigen Konzernstruktur herauslösen - was dem "Handelsblatt" zufolge unter den Regierungsberatern auf Kritik stößt. Die Italiener wollen aus der Fiat-Autosparte, dem europäischen GM-Teil und dem kürzlich von Fiat erworbenen Autobauer Chrysler einen neuen, weltweit agierenden Player machen. "GM dürfte kaum dazu beitragen wollen, einen neuen Konkurrenten entstehen zu lassen", hieß es.
Positiv bewerten die Berater Fiats Plan, die mit sechs Milliarden Euro bewertete eigene Autosparte in das künftige Unternehmen einzubringen: "Da gibt es hinsichtlich der Eigenkapitalausstattung keine Probleme", hieß es.
Auch will Fiat bei einer Übernahme von Opel weniger Staatshilfen beantragen als bisher geplant. Das überarbeitete Konzept für eine Übernahme der General-Motors-Tochter sehe Bürgschaften über sechs Milliarden Euro vor statt bislang sieben Milliarden, sagte Fiat-Chef Sergio Marchionne am Dienstag nach einem Gespräch mit Vize-Kanzler Frank-Walter Steinmeier (SPD).
Das Gebot des Beteiligungsunternehmens RHJ befindet sich nach Angaben der Berater nicht mehr in der engeren Auswahl. "Wir konzentrieren uns ganz auf Fiat und Magna", berichtet das "Handelsblatt".
Aus Sicht der Berater weisen nicht nur die Konzepte selbst eklatante Schwächen auf. Auch wesentliche Dinge im künftigen Verhältnis zwischen GM und Opel seien unklar.
Dazu zähle etwa die Frage, welche Zugeständnisse GM bei Schulden gegenüber Dritten und hinsichtlich der Patente mache. Opel hatte seine Patente bereits vor Jahren an den Mutterkonzern abgeben müssen. GM wiederum hat die Rechte im Gegenzug für staatliche Kredite als Sicherheit an die US-Regierung abtreten müssen. "Solange solche grundlegenden Dinge nicht geklärt sind, lässt sich der Fall nicht ausverhandeln", hieß es.
HINTERGRUND: SO LÄUFT EINE INSOLVENZ AB
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Der Begriff Insolvenz bezeichnet die Zahlungsunfähigkeit. Sie tritt ein, wenn ein Schuldner nicht mehr dazu in der Lage ist, fällige Zahlungspflichten zu erfüllen. Neben der Zahlungsunfähigkeit und der drohende Zahlungsunfähigkeit kann auch die Überschuldung eines Unternehmens ein Insolvenzverfahren auslösen. Überschuldet ist ein Unternehmen, wenn das Vermögen des Schuldners die bestehenden Verbindlichkeiten nicht mehr deckt, es sei denn, die Fortführung des Unternehmens ist nach den Umständen überwiegend wahrscheinlich.
Durch das Insolvenzverfahren kann die Zahlungsfähigkeit eines Unternehmens wieder hergestellt werden. Am Ende kann aber auch - als eine von vielen Optionen - die Liquidation und damit die Auslöschung des Unternehmens stehen. Ziel des Verfahrens ist vor allem die bestmögliche und gleichmäßige Bedienung der Gläubiger.
Durch die Eröffnung des Insolvenzverfahrens geht das Recht des Schuldners, das zur Insolvenzmasse gehörende Vermögen zu verwalten und darüber zu verfügen, auf den Insolvenzverwalter über (§ 80 Abs. 1 InsO). Eine Unterscheidung zwischen geregeltem und ungeregeltem Insolvenzverfahren gibt es nach dem Gesetz nicht.
Prominente Insolvenzfälle der vergangenen Monate sind die Warenhauskette Hertie, der Wäschehersteller Schiesser oder die Bekleidungskette SinnLeffers.
In den USA können insolvente Unternehmen Gläubigerschutz nach "Chapter 11" beantragen. Die Firmen können in diesem Fall ihre Sanierung unbehelligt von Forderungen der Gläubiger in Angriff nehmen. Arbeitsplätze bleiben so zumindest vorläufig erhalten.
Oft schaffen es die Unternehmen, die nötigen Weichen zu stellen - und das Schutzprogramm wieder zu verlassen. Die Luftfahrtgesellschaft US Airways beispielsweise flüchtete nach dem 11. September als erste Airline unter die sogenannte "Chapter-11"-Regelung. Zwei Jahre später verließ sie das Programm wieder. Auch die Optikerkette National Vision, der Lebensmittelexporteur Chiquita und das Gesundheitsunternehmen Sun Healthcare haben den Ausweg aus der Pleite geschafft.
Seit Ablösung der Konkursordnung durch die Insolvenzordnung im Jahr 1999 ist der Begriff Konkurs in Deutschland nur noch ein umgangssprachliches Wort für Insolvenz. Auch die Wörter Pleite und Bankrott werden im normalen Sprachgebrauch für ein zahlungsunfähiges Unternehmen verwendet. Außerdem steht Bankrott für die in § 283 des deutschen Strafgesetzbuchs (StGB) beschriebenen Insolvenzstraftaten.