Aus Dresden berichten Gregor Peter Schmitz und Philipp Wittrock
Die Seniorin in der roten Fleece-Jacke ist für einen Moment empört. "Was", zischt sie, "das war's schon? Der ist schon wieder weg?" Es ist kurz nach halb 10 Uhr am Freitagmorgen. Gerade ist die Frau auf den Altmarkt in der Dresdner Innenstadt gebummelt, auf einer mit blau-rot-weißen Luftballons geschmückten Bühne jazzt eine Band zu den Klängen von "Copacabana". Da sieht die Passantin auf der Großbildleinwand, die die Stadt extra aufgebaut hat, den US-Präsidenten die Gangway der Air Force One hinaufeilen, kurz winken - und in der riesigen Maschine verschwinden.
Sekunden später die Entwarnung: Es sind nur Archivbilder eines MDR-Beitrages von einem früheren Staatsbesuch, die da tonlos über den Riesenbildschirm flimmern. Barack Obama legt zwar nur einen kurzen Zwischenstopp in Dresden ein, aber so schnell entschwindet er dann doch wieder nicht. Als am kühlen Morgen schon ein paar Dutzend Menschen auf dem Platz der großen Dresdner Obama-Party versammelt sind, hat sich der US-Präsident ein paar Meter weiter gerade erst mit der Bundeskanzlerin zum Gespräch ins historische Grüne Gewölbe zurückgezogen. Von dort geht es gleich weiter zur gemeinsamen Pressekonferenz im Hof des Residenzschlosses.
Auch dort zeichnet sich eine Entwarnung ab, nämlich die zur angeblichen Krise im deutsch-amerikanischen Verhältnis. Bis es soweit ist, dauert's aber: Die deutsche Regierungschefin und Obama stehen erst ein wenig steif auf dem Podium nebeneinander, beide rattern gewissenhaft die ganze breite Themenpalette ihres Vier-Augen-Dialogs herunter. Merkel nennt Obamas Kairo-Rede an die muslimische Welt am gestrigen Donnerstag "bedeutend", Obama den Nahost-Friedensprozess drängend. Zu Iran wollen sie kooperieren, zur Weltwirtschaftskrise sowieso, zum Klimaschutz erst recht. Dresden und alle Menschen in den neuen Bundesländern seien glücklich über den hohen Besuch, vermerkt die Kanzlerin artig. Der Präsident erwidert gewissenhaft, die Stadt mit seiner wechselhaften Geschichte sei nun wunderschön und voller Hoffnung. Und: Er schätze stets die klaren Worte und intelligente Analyse beim Austausch mit Merkel.
Es sind Höflichkeiten, keine Herzlichkeiten.
Prompt fragt eine Journalistin, was denn nun dran sei an Berichten über - die befeuert wurden durch Obamas Weigerung, die Hauptstadt Berlin zu besuchen.
Da streckt sich Obama, als wolle er kurz Kraft tanken. "Diese Berichte basieren nicht auf Fakten", spricht der Präsident bestimmt. Die Beziehung nicht nur zwischen den beiden Ländern, auch zwischen den beiden Regierungen sei exzellent. Seine Reiseplanung beruhe allein auf logistischen Erwägungen, der Tag habe nun einmal nur 24 Stunden. "Stop it", ruft er in die Journalistenmenge - wie er oft ruft, wenn er vermeintlich politische Scharmützel brandmarken will, die doch von drängenderen Anliegen ablenkten. "Hört auf damit! Ihr alle. Wir haben schon genug echte Probleme. Erfindet nicht noch neue."
Die Kanzlerin strahlt zufrieden, sie will nun auch noch etwas Nettes sagen. "Es macht richtig Spaß, mit dem amerikanischen Präsidenten zusammenzuarbeiten." Der Austausch der verschiedenen Sichtweisen sei doch wichtig, man habe dabei immer eine gemeinsame Lösung gefunden. "Ich freue mich auf die weitere Zusammenarbeit."
So ist das also geklärt - gekoppelt mit neuen Diskussionen, dass Obama gleich nach der Bundestagswahl im November für eine Veranstaltung zum 20. Jahrestag des Mauerfalls endlich nach Berlin kommen könnte. Diese Einladung steht schon länger im Raum, eine amerikanische Zusage gibt es noch nicht. Spätestens dann, nach der Bundestagswahl, dürften auch die konkreten Debatten über engere deutsch-amerikanische Kooperation wieder neu beginnen.
Wie die konkret aussehen könnten, dazu äußern sich Merkel und Obama nach ihrem Dresdner Treffen freilich nur allgemein. Zwar sagt die Kanzlerin eine enge Zusammenarbeit beim Wunsch der USA nach einer Aufnahme von Häftlingen aus dem US-Gefangenenlager Guantanamo zu - gegen das sich unter anderem ihr Innenminister Wolfgang Schäuble in den vergangenen Wochen heftig sträubte. Doch Obama betont: "Wir haben Kanzlerin Merkel nicht nach bindenden Zusagen gefragt, und sie hat uns keine bindenden Zusagen gegeben."
Afghanistan und Pakistan, zwei weitere Krisenherde, bei denen Amerikaner auf mehr deutsches und europäisches Engagement hoffen dürften, erwähnen die beiden Regierungschefs nur am Rande. Man müsse "dieses Engagement aufrechterhalten", sagt Obama lapidar.
Also bestimmt ein anderes Thema auch die Diskussionen, vor allem die Fragen der US-Journalisten: Obamas Kairo-Ansprache und der Nahost-Friedensprozess. "Es war nur eine Rede", betont der Präsident, nun müsse die harte Arbeit folgen. Schon kommende Woche werde sein Nahost-Sonderbeauftragter George Mitchell wieder in die Region reisen. Bei diesen Schritten könne Deutschland aufgrund seiner besonderen Beziehung zu Israel und seinem Engagement für einen Palästinenserstaat helfen, assistiert Merkel.
Dann zieht sich Obama, nach einem kurzen Abstecher in die Frauenkirche, in sein Hotel zurück. Interviews mit US-Medien stehen an. Thema unter anderem: Der 65. Jahrestag der Invasion in der Normandie, zu deren Feierlichkeiten Obama dieses Wochenende reist. Eine Erinnerung an die "Greatest Generation", die US-Veteranen des Zweiten Weltkrieges - genauso auf das Heimatpublikum zielend wie der für den Nachmittag angesetzte Besuch im ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald.
Die Bilder aus Dresden zählen dafür kaum. Am Rand der abgeschirmten Sicherheitszone sind gegen Mittag einige hundert Einheimische und Touristen zur Obama-Welcome-Party gekommen. Auf der Leinwand haben sie die Pressekonferenz verfolgt, leibhaftig aber bleibt Barack Obama für die Menschen wegen der Absperrungen unsichtbar.
Am Altmarkt begnügen sich die Dresdner mit einem Papp-Präsidenten. Am Stand der "Sächsischen Zeitung" stehen sie Schlange, um sich mit einer lebensgroßen Figur Obamas fotografieren zu lassen. Für 50 Cent gibt es das Ergebnis als Titelbild einer frisch ausgedruckten "Sonderausgabe" des Blattes. Schlagzeile: "Obama in Dresden - ich war dabei."
Doch schließlich kommt es ein paar Meter weiter, am Platz vor der Frauenkirche, noch zu einem Bad in der Menge. Es ist allerdings nicht Obama, der dort die Nähe zu einigen Dutzend Bürgern und Besuchern sucht. Der Präsident hat das wieder aufgebaute Gotteshaus durch den Hintereingang betreten und auch wieder verlassen. Als der US-Präsident längst in seiner Limousine abgerauscht ist, kommt aber eine Frau ans Absperrgitter und schüttelt strahlend ausgiebig Hände.
Es ist Angela Merkel.
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