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"Kriegsverräter" Rehabilitierung von NS-Opfern wird zum Trauerspiel

Verfahrenstricks, warnende Rundschreiben und Taktikspielchen der Parteien: Der Kampf um die Rehabilitierung sogenannter Kriegsverräter aus der NS-Zeit wird immer absurder - und der Deutsche Bundestag droht sich zu blamieren.

Berlin - Mit einem Verfahrenskniff wollten Abgeordnete von SPD, Grünen und Linken den Widerstand von Teilen der Union überwinden und von NS-Militärgerichten verurteilte "Kriegsverräter" mehr als 64 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs rehabilitieren. Damals wurden etwa 30.000 Menschen wegen Fahnenflucht und Kriegsverrats zum Tode verurteilt, 20.000 wurden tatsächlich hingerichtet.

Seit Dienstag sammeln die Parlamentarier Unterschriften, um über die Rehabilitierung als sogenannten Gruppenantrag im Bundestag abzustimmen, für den die übliche Fraktionsdisziplin nicht gilt. Nachdem SPIEGEL ONLINE am Dienstag als Erster über den "rot-rot-grünen Flirt" berichtete, geht das seit dreieinhalb Jahren andauernde parteitaktische Gezerre nun in die nächste Runde. Der Rechtspolitiker der SPD-Fraktion, Carl-Christian Dressel, fürchtet, "dass ein Gruppenantrag mit einer etwaigen rot-rot-grünen Bundestagsmehrheit in dieser symbolbehafteten Frage die Union dazu bringt, diese Konstellation im Wahlkampf auszuschlachten".

Gehängte deutsche Soldaten: Der Bundestag tut sich schwer, verurteilte "Kriegsverräter" zu rehabilitieren
Getty Images

Gehängte deutsche Soldaten: Der Bundestag tut sich schwer, verurteilte "Kriegsverräter" zu rehabilitieren

Dressel geißelt in einem Brief an seine SPD-Kollegen zwar die "verantwortungslose Haltung der Union", will aber paradoxerweise, dass seine Fraktionskollegen "den Antrag - ungeachtet seiner inhaltlichen Richtigkeit - nicht unterzeichnen". Dressel verweist in seinem Brief auf den Bericht von SPIEGEL ONLINE, der "die politische Brisanz" deutlich mache.

Dressels Fraktionsfreundin Christine Lambrecht, Mitinitiatorin des Gruppenantrags, reagierte am Freitag prompt auf den Rundbrief und schickte ihrerseits ein Schreiben an alle SPD-Kollegen, indem sie sich "verwundert" zeigt: "Es ist mir neu, dass wir unser Abstimmungsverhalten von Überschriften abhängig machen." Es sei bedauerlich, dass ein wichtiges Anliegen, das Historiker, Menschenrechtler, Politiker und Vertreter der Kirchen seit Jahren verfolgen, "mit solchen kurzsichtigen politischen Begründungen torpediert wird".

Der SPD-interne Streit, so scheint es, kreist auch weniger um die Frage, ob man damit der Union in die Hände spiele. Das Argument hat sich damit erledigt, dass inzwischen bereits Abgeordnete der Union und auch der FDP selbst den Antrag unterschrieben haben - die Rehabilitierung der sogenannten Kriegsverräter also keineswegs mehr ein rot-rot-grünes Projekt wäre, sondern von Abgeordneten aller Fraktionen gewollt ist.

Das erforderliche Quorum von fünf Prozent aller Abgeordneten ist bereits erreicht: Über 130 Parlamentarier setzten nach Informationen von SPIEGEL ONLINE bis Freitag ihre Unterschrift unter das Papier. Auf Seiten der SPD auch solche, die nicht im Verdacht stehen, große Sympathien für rot-rote Bündnisse zu hegen, zum Beispiel Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse und der ehemalige DDR-Bürgerrechtler Stephan Hilsberg.

Bei Union und FDP hat sich herumgesprochen, dass die inhaltlichen Argumente gegen eine Rehabilitierung in sich zusammenbrechen und die starre Verweigerungshaltung einzig auf einzelne Abgeordnete zurückgeht, wie Norbert Geis von der CSU oder Jörg van Essen bei der FDP. Ein juristisch eindeutiges Gutachten des ehemaligen Bundesverfassungsrichters Hans Hugo Klein, selbst CDU-Mitglied, fordert die Rehabilitierung, außerdem eine Ausarbeitung des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages, die Studien der anerkannten Militärhistoriker Wolfram Wette und Manfred Messerschmidt, Stellungnahmen von Joachim Gauck, Bischof Wolfgang Huber, Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) und vielen anerkannten Juristinnen und Juristen. Allesamt keine Sympathisanten der Linken.

Umso zorniger reagiert inzwischen Jan Korte von den Linken, der das Thema seit Jahren immer wieder auf die Tagesordnung brachte. In der Runde der parlamentarischen Geschäftsführer aller Fraktionen verhinderten Wortführer der CDU und SPD, dass der Antrag im Bundestag noch vor dem Ende der Legislaturperiode behandelt wird. Es könne nicht sein, so Korte, dass einige "Kalte Krieger" ihre private Politik auf dem Rücken von NS-Opfern fortsetzten und "das Recht und die Initiative von Abgeordneten aller Fraktionen mit Geschäftsordnungstricks und Unterstellungen verhindert werden sollen".

So könnte es passieren, dass im Geschichts- und Gedenkjahr 2009 Volksvertreter aller Parteien knapp 70 Jahre nach Kriegsausbruch fraktionsübergreifend die Opfer der NS-Justiz rehabilitieren wollen - und der Deutsche Bundestag es trotzdem nicht schafft: "Wie will man das", so Korte, "der Öffentlichkeit und den Wählern noch erklären?"

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insgesamt 90 Beiträge
LumpY 19.06.2009
Denn CDU/CSU sperrten sich dagegen, pauschal alle Todesurteile aufzuheben, die vor allem in den letzten Kriegsmonaten wegen "Kriegsverrats" gesprochen worden waren. Ihre Weigerung begründeten sie damit, es sei nicht [...]
Denn CDU/CSU sperrten sich dagegen, pauschal alle Todesurteile aufzuheben, die vor allem in den letzten Kriegsmonaten wegen "Kriegsverrats" gesprochen worden waren. Ihre Weigerung begründeten sie damit, es sei nicht ausgeschlossen, dass die "Verräter" Unschuldigen geschadet hätten, wenn Soldaten etwa dem Feind Geheimnisse verrieten. aus der Rundschau von gestern. Falls dieser Satz stimmt widert es mich zu tiefst an, wie sich diese Politiker verhalten und ich empfinde es als Schande, dass ich von solchen Idioten repräsentiert werde! Was sind das denn bitte für schwachsinnige Argumente!!!!!!
Marie Laveau 19.06.2009
Wo bleibt eigentlich hier der Zentralrat der Juden in Deutschland, der sich doch sonst zu jeder Nachmittagstalkshow zu Wort meldet?
Wo bleibt eigentlich hier der Zentralrat der Juden in Deutschland, der sich doch sonst zu jeder Nachmittagstalkshow zu Wort meldet?
Barath 19.06.2009
---Zitat--- Nachdem SPIEGEL ONLINE am Dienstag als Erster über den "rot-rot-grünen Flirt" berichtete, geht das seit dreieinhalb Jahren andauernde parteitaktische Gezerre nun in die nächste Runde. Der Rechtspolitiker [...]
---Zitat--- Nachdem SPIEGEL ONLINE am Dienstag als Erster über den "rot-rot-grünen Flirt" berichtete, geht das seit dreieinhalb Jahren andauernde parteitaktische Gezerre nun in die nächste Runde. Der Rechtspolitiker der SPD-Fraktion, Carl-Christian Dressel, fürchtet, "dass ein Gruppenantrag mit einer etwaigen rot-rot-grünen Bundestagsmehrheit in dieser symbolbehafteten Frage die Union dazu bringt, diese Konstellation im Wahlkampf auszuschlachten". Dressel geißelt in einem Brief an seine SPD-Kollegen zwar die "verantwortungslose Haltung der Union", will aber paradoxerweise, dass seine Fraktionskollegen "den Antrag - ungeachtet seiner inhaltlichen Richtigkeit - nicht unterzeichnen". Dressel verweist in seinem Brief auf den Bericht von SPIEGEL ONLINE, der "die politische Brisanz" deutlich mache. ... So könnte es passieren, dass im Geschichts- und Gedenkjahr 2009 Volksvertreter aller Parteien knapp 70 Jahre nach Kriegsausbruch fraktionsübergreifend die Opfer der NS-Justiz rehabilitieren wollen - und der Deutsche Bundestag es trotzdem nicht schafft ---Zitatende--- Klasse. Man kann zweierlei aus diesem Artikel lernen: 1. Der Einfluß der Massen-Medien auf die Politik ist erheblich. 2. Es geht in der Politik nicht im geringsten um Inhalte. Was für eine bodenlose Schweinerei.
kamau 19.06.2009
seit 1945 ist es doch immer wieder diesselbe geschichte nazi-richter und ihre witwen bekommen pensionen, denn sie stehen ihnen ja rein rechtlich zu, während opfer und widerstandskämpfer um ihre rechte kämpfen müssen. jeder [...]
Zitat von sysopVerfahrenstricks, warnende Rundschreiben und Taktikspielchen der Parteien: Der Kampf um die Rehabilitierung sogenannter Kriegsverräter aus der NS-Zeit wird immer absurder - und der Deutsche Bundestag droht sich zu blamieren. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,631412,00.html
seit 1945 ist es doch immer wieder diesselbe geschichte nazi-richter und ihre witwen bekommen pensionen, denn sie stehen ihnen ja rein rechtlich zu, während opfer und widerstandskämpfer um ihre rechte kämpfen müssen. jeder soldat der deutschen luftwaffe der in spanischen bürgerkrieg bomben auf guernica abwarf hat rechtliche versorgungsansprüche an den deutschen staat. jeder deutsche der als freiwilliger in den internationalen brigaden gegen den faschismus kämpfte hat keine versorgungsansprüche gegen den deutschen staat. das heutige trauerspiel ist nur eine von vielen beschämenden vorgängen des deutschen rechtsstaates im umgang mit dn verbrechen von nazi-deutschland. besonders die cdu-csu sind ein auswurf widerlicher heuchelei
Ich könnte der CDU/CSU zustimmen, wenn sie konsequent die Renten von Kriegsverbrechern und Kriegsgewinnlern eingezogen hätten. Aber wie man im Falle Freissler sieht, da hat man sogar die Renten noch angehoben, weil dieser [...]
Zitat von LumpYDenn CDU/CSU sperrten sich dagegen, pauschal alle Todesurteile aufzuheben, die vor allem in den letzten Kriegsmonaten wegen "Kriegsverrats" gesprochen worden waren. Ihre Weigerung begründeten sie damit, es sei nicht ausgeschlossen, dass die "Verräter" Unschuldigen geschadet hätten, wenn Soldaten etwa dem Feind Geheimnisse verrieten.......
Ich könnte der CDU/CSU zustimmen, wenn sie konsequent die Renten von Kriegsverbrechern und Kriegsgewinnlern eingezogen hätten. Aber wie man im Falle Freissler sieht, da hat man sogar die Renten noch angehoben, weil dieser Verbrecher bestimmt noch Karriere gemacht hätte, wenn er nicht im Bombenhagel. 1945 umgekommen wäre. Zweierlei Maß, nur noch zum Kotzen. MfG. Rainer
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