Von Florian Gathmann und Christian Teevs
Berlin - Der Herr im hellen Sommeranzug sitzt an diesem Nachmittag nicht lange in der dritten Reihe. Kaum hat die Debatte zum Lissabon-Vertrag begonnen - das Bundestags-Plenum ist sehr spärlich besetzt - dreht sich Unionsfraktionschef Volker Kauder nach hinten um, hebt den Arm in Richtung Peter Gauweiler und nickt freundlich. Der CSU-Mann antwortet mit der gleichen Geste. Ein paar Momente später nimmt er neben Kauder in der ersten Reihe des Unionsblocks Platz.
So ist das in der Politik: Man schmückt sich gerne mit den Siegern.
Und ein Sieger ist Peter Gauweiler nach dem Bundesverfassungsgerichts-Urteil vom Dienstag zweifellos. Der Forderung der Karlsruher Richter, das Begleitgesetz zur Ratifikation des Lissabon-Vertrages nachzubessern, war unter anderem eine Klage des CSU-Politikers vorangegangen. Gegen die Bundesregierung, gegen die Fraktionen der Großen Koalition, selbst gegen die meisten CSU-Parteifreunde hatte sich Gauweiler damit gestellt.
Kaum hatte Karlsruhe den Lissabon-Vertrag grundsätzlich gebilligt, gleichzeitig aber mehr Kompetenzen für Bundestag und Bundesrat angemahnt, waren am Dienstag alle ganz nah bei Gauweiler: Die Spitzen von Union, SPD, FDP und Grünen lobten den Richterspruch. Die Linke dagegen fühlte sich bestätigt - sie hatte in Karlsruhe ebenfalls geklagt.
Im Nachhinein wird der CSU-Rebell rehabilitiert, wenn auch vorsichtig. "Gauweiler lag nicht völlig daneben", sagt Michael Stübgen, Vorsitzender der EU-Arbeitsgruppe der CDU/CSU-Fraktion. Die stärkere Mitwirkung des Bundestags hätten die Abgeordneten "im Grunde immer gewollt". Doch im Kompromiss mit der Regierung seien die Wünsche "ein Stück weit verloren gegangen".
Stübgen sieht das Karlsruher Urteil daher ambivalent: "Einerseits macht Karlsruhe uns Probleme, wir müssen beim Begleitgesetz nacharbeiten. Andererseits wird der Bundestag in einem Maße gestärkt, wie wir das zuvor nie hätten durchsetzen können."
Angelica Schwall-Düren, stellvertretende Fraktionschefin der Sozialdemokraten, erklärt ihre positive Haltung zur Karlsruher Entscheidung ähnlich: "Unser Bestreben war es immer, die Rechte des Parlaments, was Gesetze aus Brüssel angeht, zu stärken", sagt Schwall-Düren. So werde dank des Bundesverfassungsgerichts nun klar geregelt, wie stark die Regierung an Vorgaben des Bundestags gebunden ist, wenn sie im Europäischen Rat auftritt.
Und so versprechen in der Debatte alle - mit Einschränkungen auch die Linken -, ohne weitere Zicken den Forderungen Karlsruhes nachzukommen und das Begleitgesetz rasch entsprechend nachzubessern.
Linke flicht Gauweiler Kränze
Ein wenig putzig ist es allerdings schon zu beobachten, wie der Sieger Gauweiler inmitten der Unionsfraktion-Oberen auf seinem Sessel hin- und herrutscht, während ihm vom Rednerpult der politische Feind Kränze flicht. Linke-Fraktionschef Gregor Gysi kommt immer wieder auf Gauweiler als einen der Kläger zu sprechen und dankt ihm mehrfach.
Als Gauweiler schließlich selbst ans Rednerpult darf, gegen Ende der Debatte, klatschen die Linke-Abgeordneten beinahe bei jedem seiner Sätze wie wild. Aus den Unionsreihen dagegen rührt sich kaum einer der Parlamentarierer, während Gauweiler nochmals seine Kritik an dem Begleitgesetz formuliert.
Um die Karlsruher Forderungen rasch umzusetzen, ist wenig Zeit. Inzwischen hat die Große Koalition eine Arbeitsgruppe eingesetzt - mit den Parlamentarischen Geschäftsführern Norbert Röttgen, Thomas Oppermann und Hartmut Koschyk an der Spitze. Möglichst rasch soll sich diese Arbeitsgruppe konstituieren und das Begleitgesetz nachbessern.
Natürlich ohne Gauweiler, dessen Eckigkeit beim Durchpauken nur stören würde. Aber pikanterweise auch ohne den CSU-Europapolitiker Thomas Silberhorn. Gauweilers Parteifreund soll die Fraktionsführung mit seinen kritischen Äußerungen während der monatelangen Verhandlung in Karlsruhe verärgert haben.
Silberhorn fühlt sich jedenfalls "zu 100 Prozent bestätigt", da er immer gefordert habe, mehr Gesetze aus Brüssel unter Zustimmungsvorbehalt des Bundestags zu stellen. Der CSU-Mann lobt das Urteil als "sehr klug und geschickt" - und übt Kritik an der Koalition: "Einige müssen sich fragen, warum diese Mitwirkungsrechte nicht früher eingefordert wurden. Da hat es an Mut und Mehrheiten gefehlt."
Dass die Rechte von Bundestag und Bundesrat nun gestärkt werden, freut auch die Grünen. Hans-Christian Ströbele erinnert sich mit Grauen an die rot-grüne Regierungszeit, als Gerhard Schröder Widersprüche der Grünen überging und Gesetzesvorhaben über den Umweg Brüssel vorantrieb - so etwa beim Europäischen Haftbefehl. Zwar musste das Gesetz nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts 2005 überarbeitet werden. "Doch dass eine Regierung so etwas überhaupt probiert, ist jetzt nicht mehr möglich", sagt Grünen-Urgestein Ströbele. Das sei vor allem dann von Bedeutung, wenn eine Regierung nur eine knappe Mehrheit habe.
Die Linkspartei jubelt vor allem über das neue Klagerecht, das Karlsruhe den Fraktionen zuweist. "Damit können wir nun direkt gegen Entscheidungen des EuGH klagen - etwa beim VW-Gesetz", sagt Diether Dehm, europapolitischer Sprecher der Linken. Das Urteil sei ein großer Erfolg, den das Parlament einzig der Linkspartei zu verdanken habe. "Und das, nachdem wir vorher von den anderen Fraktionen bespuckt worden sind", sagt der Abgeordnete.
Worüber man sich in Berlin freut, wird in Brüssel und Straßburg ein wenig reservierter gesehen. Denn dass die zusätzlichen nationalen Rechte den Integrationsprozess über den Lissabon-Vertrag verlangsamen, darüber ist man sich ziemlich einig. Das offen zu sagen, trauen sich allerdings nur die wenigsten: So spricht der SPD-Europaabgeordnete Jo Leinen von einer "Integrationsbremse". Deutschland drohe zur "lahmen Ente und vom Musterknaben zum Nachzügler in der EU zu werden".
Daniel Cohn-Bendit, Chef der Grünen-Fraktion im Europäischen Parlament, drückt das differenzierter aus. "Natürlich wurde durch die Karlsruher Entscheidung Sand gestreut", sagte er. "Aber da ist eben auch viel Ideologie im Spiel." Was das auf längere Sicht für die EU-Integration bedeute, sei noch lange nicht klar.
Klar ist dagegen, dass mancher Bundestagsabgeordnete seinen Sommerurlaub umplant. Denn für das Nachbessern des Begleitgesetzes muss der Bundestag Ende August außerplanmäßig zusammenkommen - und das fällt beispielsweise in den Flächenländern Baden-Württemberg und Bayern mitten in die Schulferien.
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Da kennen sie aber Brüssel schlecht. Der Juncker aus Luxemburg träumt immer noch von einem Grossreich Europa, mit ihm als geistigem Führer. mehr...
Ihre dramatische Zustandsbeschreibung zeigt das überdeutlich. Aber eine Umkehr, falls überhaupt noch möglich, wird von gewissen Kreisen zusammen mit einer der beiden Parteien verhindert. Es sei auch daran erinnert, dass die [...] mehr...
......ist schon opferverachtend, aber was Brüssel sich jetzt mit der Freilassung der Sexualstraftäter geleistet hat, schlägt dem Fass den Boden aus. EU + EURO abschaffen!!! mehr...
Richtig daran wird sich auch nix ändern. Bayern wird immer auf seine Selbstbestimmung pochen! Allerdings tun das die anderen Bundesländer in schwächerer Form auch. Deutschland ist nunmal von Grund auf föderal und das kann [...] mehr...
Und wenn man dann noch z.B. das BVG-Urteil zur Bildungs-Hoheit der Bundesländer vor Augen führt, dann kann kein Urteil für die überfällige Stärkung der europ. Institutionen erwartet werden. Das heist, die bereits von Frau [...] mehr...
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