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01.07.2009
 

Etatkürzungen

Jugendarbeit leidet unter der Krise

Von Markus Deggerich

Sie sind die unbemerkten Opfer der Wirtschaftskrise: Tausende engagieren sich in Deutschland für Jugendarbeit und gegen Rechtsextremismus. Doch Stiftungen und Wirtschaft streichen ihre Etats für das Gute.

Berlin - Besser geht es ja eigentlich gar nicht. Die Jugendinitiative "Step21" aus Hamburg gehört zu den Leuchttürmen unter den zahllosen Organisationen in Land, die die Welt verbessern wollen. Als die "Initiative für Toleranz und Verantwortung" diese Woche in Berlin ihr jüngstes Projekt präsentierte, kam gar Bundeskanzlerin Angela Merkel, um sich anzusehen, wie man abstrakte Gedenktage mit Leben füllt: 70 Jugendliche aus Deutschland, Polen, Tschechien und Österreich stellten im Jüdischen Museum Berlin eine Zeitung gegen das Vergessen vor.

Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Jugendlichen in Berlin: "Wenn es nötig sein sollte, kann ich ja mal zwei bis drei Anrufe machen".Zur Großansicht
DPA

Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Jugendlichen in Berlin: "Wenn es nötig sein sollte, kann ich ja mal zwei bis drei Anrufe machen".

15 Schülerteams von Berlin bis Brno, von Klagenfurt bis Pozna hatten für ihre Zeitung "Weisse Flecken" recherchiert, was zur Zeit des Nationalsozialismus in ihrer Heimatregion geschah. Neun Monate lang durchforsteten sie die Archive und spürten die letzten noch lebenden Zeitzeugen auf. Sie nahmen an Redaktionsworkshops in Deutschland und Polen teil, wurden unterstützt von professionellen Coaches, Journalisten und Historikern - alles organisiert und finanziert von "Step21".

In Anwesenheit der Botschafter von Polen, Tschechien, Österreich und Israel zeigte sich Bundeskanzlerin Angela Merkel beeindruckt: "Mit spannenden Projekten regt Step21 junge Menschen an, gegen Unrecht, Diskriminierung und Gewalt aufzustehen - und für Wahrheit einzustehen." Ihr Appell: "Macht weiter so!"

Stille Opfer der Krise

Doch mit dem "Weiter so" ist das so eine Sache in Zeiten der Wirtschaftskrise. Bewegungen wie "Step21" leben von Sponsoren aus der Wirtschaft und Stiftungen. Sie müssen ohnehin jedes Jahr aufs Neue mit "Projektanträgen" und Bettelbriefen das Geld zusammenkratzen. Doch in der Wirtschaft und auch bei Stiftungen werden die Etats zusammen gestrichen. Auch wenn das Meinungsforschungsinstitut Allensbach herausgefunden haben will, dass die Krise erst bei sechs Prozent der Bürger zu spüren ist - Organisationen wie "Step" haben unter den Folgen längst zu leiden. Sie sind die stillen Opfer der Krise, fast unbemerkt, weil sie in keinem Etat, keinem Konjunkturprogramm, keinem Rettungspaket auftauchen.

Sonja Lahnstein, Gründerin und Geschäftsführerin von "Step21", fuhr mit einem zwiespältigen Gefühl aus Berlin zurück nach Hamburg: "Wir sehen die Erfolge - aufrechte und engagierte junge Menschen, wie wir sie doch alle wollen." Ein Kampf, der sich lohne, aber, "ein anderer Kampf ist momentan kaum zu gewinnen: der um Finanzierung dessen, was doch alle loben und uns ermutigen, es fortzusetzen".

Der Bundespräsident lobt die Initiative als "großes Vorbild"

Bundespräsident Horst Köhler lobte in seiner Rede im Bundestag zum Gedenktag der Befreiung des Konzentrationslager Auschwitz "Step21" als großes Vorbild. Seit zehn Jahren hat die Organisation viele tausend Jugendliche erreicht: Mit Internet-Projekten, Bildungsboxen für Schulen, Geschichtszeitungen wie den "Weissen Flecken", Austauschprogrammen mit Opfern des 11. September oder osteuropäischen Jugendlichen. Immer geht es um Zukunftskompetenz und die Immunisierung gegen extremistisches Gedankengut.

Doch in den Stolz auf das Erreichte mischt sich jetzt die Existenzangst. Die Förderung durch den Hauptsponsor läuft in diesem Jahr aus. Und neues Geld ist nicht in Sicht. Arbeitsverträge mit den wenigen angestellten Pädagogen und Projektleitern muss Lahnstein auslaufen lassen oder kann sie nur noch monatsweise verlängern. Konzepte für zukünftige Projekte bleiben so liegen, und das in zehn Jahren aufgebaute Wissen und die Kompetenz könnten verloren gehen.

Ein doppeltes Dilemma: "Gerade in Krisenzeiten sind fremdenfeindliche Tendenzen im Aufwind", sagt Lahnstein und verweist auf die Ergebnisse der Europawahl. Gleichzeitig kommen Organisationen, die nachweislich seit Jahren mit auch viel ehrenamtlichem Engagement erfolgreiche Arbeit im Anti-Extremismus-Bereich leisten, als erste unter die Räder.

"Wir waren immer stolz, nicht am staatlichen Tropf zu hängen", sagt Lahnstein. Aber dass wir "systemrelevant sind, bestätigen uns alle Politiker", sagt sie in Anspielung auf den milliardenschweren Schutzschirm für die laut Bundesregierung systemrelevanten Banken.

Am Tag, nachdem der Bund dem Versandhaus Quelle einen Millionenkredit gewährte, saß Merkel mit Step-Jugendlichen aus vier Ländern auf dem Podium in Berlin, lobte ihre grenz- und generationenübergreifende Arbeit, die Zivilcourage und versprach immerhin: "Wenn es nötig sein sollte, kann ich ja mal zwei bis drei Anrufe machen". Das Wort der Kanzlerin ist für Organisationen Step zur Zeit das einzige verfügbare Kapital.

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