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11.07.2009
 

Atomausstieg

Propheten der Angst

Ein Essay von Cora Stephan

Technische Pannen und Patzer in der Kommunikation - die Kernkraft wird zum Wahlkampfthema. Dabei wird wohl kaum ernsthaft über Sinn und Risiken der Technologie debattiert werden, denn alles, was "Atom" heißt, beschwört in diesem Land mächtige Feindbilder und Ängste herauf.

Mit der "Atomlobby" redet man nicht. Da könnte man sich auch gleich zur Teilnahme an einer Sitzung des Ku-Klux-Klan bekennen. Und wenn die deutsche Atomindustrie etwas von "Energiedialog" flötet, verschließt man sich besser die Ohren wie weiland Odysseus, man könnte ihrem Sirenengesang ja sonst erliegen. Als man kürzlich unter der Führung der Spitze der Grünen in Berlin gegen eine Tagung des Atomforums demonstrierte, hieß die Parole deshalb: "Eure Argumente bleiben drin!" Wo kämen wir denn hin, wenn die Betreiber von AKWs im Mutterland der Anti-Atomkraft-Bewegung nicht nur Argumente hätten, sondern sie auch noch zu Gehör bringen dürften?

Aktivisten der Umweltschutzorganisation Greenpeace auf der Kuppel des AKW Unterweser: Alte GrabenkämpfeZur Großansicht
ddp

Aktivisten der Umweltschutzorganisation Greenpeace auf der Kuppel des AKW Unterweser: Alte Grabenkämpfe

Die Fronten sind seit Jahrzehnten festgestampft und im Niemandsland dazwischen spielen sich nur noch gewohnheitsmäßige Rituale ab. Wer sich seiner Sache gewiss ist, den erschüttert der Hinweis daher wenig, dass Deutschland mit seiner Angst vorm Atomstrom mittlerweile ziemlich allein dasteht. Ja, im Ausland lacht man über die deutsche Atomangst, spricht vom deutschen "Sonderweg", nennt es Doppelmoral, dass die Deutschen von Wind und Sonne und sonst gar nichts leben wollen, aber in der Zwischenzeit ihren Atomstrom aus Frankreich beziehen. Und Schweden ist Anfang des Jahres sogar aus dem Ausstieg ausgestiegen.

Na und? Wir lassen uns nicht verbiegen. Trotz ist deutsche Kernkompetenz. Weshalb uns auch die Abhängigkeit von russischen Gaslieferungen nicht schreckt. Schließlich haben wir einen Ex-Bundeskanzler bei Gazprom eingeschleust.

So viel zu den Chancen und Möglichkeiten eines Dialogs.

Allerdings haben diejenigen, die neuerdings den "Dialog" anbieten, in der Vergangenheit wirklich nicht gerade mit Kommunikationskompetenz geglänzt. So macht man es seinen Gegnern leicht.

Das Problem der Endlagerung radioaktiver Abfälle wartet schon seit Jahrzehnten auf eine seriöse Lösung. Das Krisenmanagement bei "Zwischenfällen" war bislang, höflich gesagt, bescheiden, was das Vertrauen in die Sicherheit des Atomstroms nicht gerade vergrößert hat. Auch dass man jahrelang nicht nur darauf verzichtete, intensiv nach Energiealternativen zu forschen, sondern solches nicht selten zu hintertreiben suchte, hat den Ruf nicht verbessert. Ihre Gegner nehmen den Energiemanagern jene "Energieverantwortung" nicht ab, von der man heute dort redet.

Abneigung gegen Technik ist weit verbreitet

Wenn tatsächlich etwas schiefläuft, forscht der redliche Ingenieur erst mal in aller Ruhe nach, was Sache ist, bevor er etwas sagt oder gar etwas erklärt. Das ist bei einem so schwierigen Thema wie der Atomenergie meist zu spät. Gelungenes Krisenmanagement sieht anders aus.

Gleichzeitig ist es mit der Sachlichkeit so eine Sache: Den einen ist sie heilig, den anderen bedeutet sie eine verkürzte Sicht auf die Welt. Viel mag an der Wurzel einer hierzulande weitverbreiteten Technikabneigung liegen - zuerst vielleicht die mangelnde Grundlagenerziehung in den Schulen. Sicher auch ein leiser Hang zum Esoterischen und Unerklärlichen, den viele lieben.

Wer in einem Kosmos lebt, in dem es nur Naturgesetze, technische Rationalität und unanfechtbare Logik gibt, hält wiederum alles für entbehrlich, was sich damit nicht erklären lässt: zuerst und vor allem Emotionen. Damit aber kommt man nicht mehr weit, seit Wirtschaftsgurus und Politiker die Macht der Gefühle erkannt haben. Noch in den fünfziger und sechziger Jahren durften Politiker bei schwierigen politischen Entscheidungen ungestraft von "Sachzwängen" reden. Heute müssen sie ihr Publikum als erstes über ihre Gefühle dabei informieren.

Dem Klischee des profitorientierten Technokraten, der zur Not auch über Leichen geht, wie es bei vielen Atomkraftgegnern gepflegt wird, entspricht das Zerrbild von den "rückwärtsgewandten Spinnern" da draußen, das bei selbstbewussten Ingenieuren zu Hause ist, die wissen, dass bei ihnen alles sicher ist - was nur die irrationalen Chaoten nicht kapieren wollen, die Propheten der Angst, die rücksichtslosen Ideologen, die mit den Emotionen verunsicherter Bürger spielen.

Ja, die gibt es. Auch gibt es sicherlich ein politisches Interesse jener Partei, für die der Kampf gegen das Atom Alleinstellungsmerkmal und Gründungsmythos zugleich ist. Das heißt indes nicht, dass man Emotionen nicht ernst nehmen müsste. Auch das nicht Rationale muss verstanden werden, wenn man nicht möchte, dass es politische Prozesse dominiert.

Emotionen dominieren die Energiedebatte

Die Abneigung gegen alles, was mit "Atom" zu tun hat, ist auch in der - "bürgerlichen" - Mitte der Gesellschaft stark und fest verankert. Mag sein, dass sich mittlerweile die Jüngeren in diesen Fragen einen entspannten Pragmatismus leisten. Mag sein, dass man nur warten muss, bis die heute 30- bis 60-Jährigen ausgestorben sind, wie Zyniker meinen, bevor jener "Dialog" geführt werden kann, der es erlaubte, Energiepolitik mit allen möglichen und denkbaren Optionen zu diskutieren.

Mal abgesehen davon, dass das eine ziemlich unfreundliche Einschätzung menschlichen Lernvermögens ist - haben wir so viel Zeit? Nein. In diesem Land ist es dringend nötig, sich ein paar neue Gedanken zu machen, statt die alten Grabenkämpfe fortzuführen.

Doch die Emotionen, die hierzulande die Energiedebatte dominieren, wurzeln tief. Und vielleicht sind sie ein bisschen mehr als die bloße Eigenheit romantischer Spinner, für die uns unsere Nachbarn (noch immer) halten. Man muss gar nicht tief ins deutsche Gemüt hinabsteigen, um Gründe für das zu finden, was man um uns herum spöttelnd "German Angst" nennt. Vor allem der Kalte Krieg hatte verheerende Folgen für die Wahrnehmung der Deutschen in West wie Ost: Jahrelang war Gesamtdeutschlands Rolle im Fall der Fälle klar. Es war als Austragungsort eines atomaren Schlagabtauschs vorgesehen und deshalb ein sicherer Kandidat für die Vernichtung. Einige Generationen Deutscher sind mit der Vorstellung aufgewachsen, dass auch eine minderschwere Krise den Dritten Weltkrieg entzünden könnte. Die hysterische Ausprägung dieser Vorstellung buchstabierte sich ANGST und sah die Deutschen als Opfer. "Besuchen Sie Europa, solange es noch steht."

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insgesamt 284 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
17.07.2009 von Professor Unrat: herrje!

Weil das eben so ist. aha. Da rattern wohl noch die pragmatisch geschulten und realpolitisch gestählten Rädchen im Kopp. Kommste noch hinter... Zum eigentlichen - den Thesen und Argumenten: Die Kernkraft hat eine [...] mehr...

16.07.2009 von bipolar84: Bitte geben Sie einen Titel für den Beitrag an!

Es fängt schon damit an, dass Sie Gift und Radioaktivität vermischen. Beides sind qualitativ vollkommen verschiedene Dinge. Gifte kann man oftmals (nicht immer!) chemisch neutralisieren. Bei ionisierender Strahlung muss man [...] mehr...

15.07.2009 von auu: Selbst die wenigen Pro-Argumente stimmen nicht

DOCH im Normalbetrieb giftige Abgase. Einer der besten PR-Erfolge der Atombetreiber ist es, dass die kontinuierliche Abgabe radioaktiver Stoffe über den Abluftkamin in der Öffentlichkeit überhaupt nicht wahrgenommen wird. Jedes [...] mehr...

14.07.2009 von tempus fugit: Schrottmeiler

Eine Oma kann über 100 werden und eine andere leider nicht mal 40. Gucken Sie sich mal den Alters- und Leistungsdurchschnitt aller Atommeiler in D an und Sie werden feststellen, dass Ihr Optimismus nicht gerade begründet [...] mehr...

14.07.2009 von spree: Schlechte Organisation

Da gebe ich Ihnen sogar mal recht! Sowas sollte nicht passieren! Hat aber mit der Sicherheit von AKW´s nicht unbedingt zu tun! Es gibt aber viel mehr Beispiele wo es läuft. 20km von mir entfernt ist ein noch älterer Reaktor, [...] mehr...

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