Ein Essay von Cora Stephan
Im 68er-Gedenkjahr ist womöglich untergegangen, dass die politische Empfindungswelt hierzulande weit stärker von der Friedensbewegung als von der Studentenbewegung geprägt ist. Und die paarte sich nicht nur des Wortes "Atom" wegen mit der Anti-AKW-Bewegung: mit dem "Bauernprotest" gegen AKW-Baupläne in Wyhl am Kaiserstuhl wähnte man die "Volksmassen" hinter sich. Auf dem emotionalen Hintergrund eines Szenarios, das die vollständige Vernichtung Deutschlands vorsah, entfaltete das Negativbild des von Robert Jungk 1977 im gleichnamigen Buch ausgerufenen "Atomstaates" seine Kraft: die These nämlich, dass eine so gefährliche wie gefährdete Technologie einen starken, bis an die Zähne bewaffneten Staat braucht.
Damit ist eigentlich alles über die emotionale Stärke der Argumente der Atomkraftgegner gesagt: Der Stoff, aus dem die Energie gewonnen wird, ist mit Vernichtung assoziiert. Technische Sicherheit kann es nicht geben und hätte überdies einen hohen politischen Preis. Atomenergie bedeutet potentielle Vernichtung und - den totalen Überwachungsstaat wie im Faschismus.
Das sind so ziemlich die beiden stärksten Feind- und Angstbilder, die man in Deutschland kennt.
Deutsche glauben an die reine Natur - Sonne und Wind
Nein, die friedliche Nutzung der Kernenergie hatte in Deutschland Ost wie West nie gute Karten, obwohl man in China wie in der DDR oder der Sowjetunion behauptete, im Sozialismus, also in den Händen des Volkes, sei Atomstrom sicher. Wer daran noch glaubte, tat es spätestens mit der AKW-Havarie in Tschernobyl nicht mehr. Jener Mai 1986, als eine radioaktive Wolke über Deutschland zog, ist sicherlich bei allen, die damals älter als sieben, acht Jahre waren, tief in der Erinnerung verwurzelt.
Wer den atomaren "Sonderweg" der Deutschen verstehen will, sollte womöglich noch das evangelische Pfarrhaus hinzufügen. Protestantisches Ethos warnt vor Hybris - und ist die Vorstellung, das atomare Feuer bändigen zu können, nicht geradezu der auf die Spitze getriebene menschliche Größenwahn? Ist nicht verblendet, wer, statt demütig seine Grenzen zu akzeptieren, mit technikgläubiger Vermessenheit immer und immer wieder gegen sie anrennt? Übermut wird bestraft. Wir lesen die Zeichen an der Wand: Waldsterben. Vogelgrippe. Aids. Rinderwahn.
Auch deshalb sind Sonnen- und Windenergie bei uns so beliebt. Nicht nur, weil sie "klimaneutral" und "erneuerbar" sind, sondern weil sie nichts anderes als die "reine Natur" zu sein scheinen. "Die Sonne schickt uns keine Rechnung", glauben wir mit Franz Alt. Und verdrängen, dass hierzulande auf längere Sicht weder Wind- noch Sonnenenergie rentabel sind - noch gar die Grundversorgung garantieren können.
Mag sein, dass immer mehr Deutsche, zumal angesichts von Energie- und Finanzkrise, einer Nutzung der Kernenergie zustimmen - was sich in längeren Laufzeiten ausdrücken könnte, worüber mehr als die Hälfte der Befragten in Deutschland mit sich reden ließe, aber auch im Bau neuer, sicherer, effizienterer Atomkraftwerke. Mag sein, dass der Ausstieg lediglich ein "Generationenprojekt" (Michael Miersch) ist, dass man auf die "pragmatische" Jugend setzen muss.
Aber so bald sterben wir Älteren nicht aus. Und auch ohne uns werden die mächtigen Bilder bleiben, die nicht nur die Bomben auf Nagasaki und Hiroshima überliefert haben, sondern die auch die Literatur bereithält - von Schreckensszenarien in der Science-Fiction (etwa "Lobgesang auf Leibowitz" von Walter M. Miller) bis zu deutschen Angst-Epen in hohen Auflagen, man denke an Gudrun Pausewangs Kinderbuch "Die Wolke", das 1987 erschien und auch noch den einen oder anderen unter 30-Jährigen erreicht haben könnte.
Das lange Gedächtnis der Deutschen muss man also einbeziehen, wenn man neu über Kernenergie reden will. Das ist mühsam, gewiss. Immerhin gibt es leuchtende Beispiele: In den USA ist eine frühere Anti-Atomkraft-Aktivistin, die Journalistin Gwyneth Cravens, mittlerweile davon überzeugt, es mit der sichersten Energieform der Welt zu tun zu haben. Der Grund? Gespräche mit Wissenschaftlern und Ingenieuren bei Besuchen in Atomkraftwerken.
Darauf muss man erst mal kommen.
Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels wurde das Zitat "Die Sonne schickt uns keine Rechnung" dem ehemaligen Hamburger Umweltsenator Fritz Vahrenholt zugeschrieben. Es stammt jedoch von dem Journalisten Franz Alt. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten diesen zu entschuldigen.
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