Von Florian Gathmann
Berlin - Kreuzberg passt bei den Grünen immer. Kreuzberg, grüner Nukleus der Republik, vertreten von einem grünen Bundestagsabgeordneten, regiert von einem grünen Bürgermeister. Außerdem steht der Berliner Bezirk weit oben auf der Hauptstadt-Coolness-Skala - cool fühlen sich die Grünen auch beinahe drei Jahrzehnte nach ihrer Gründung. Aber dass Renate Künast und Jürgen Trittin an diesem Dienstagmorgen gerade auf einem ehemaligen Industriegelände in Kreuzberg ihre Kampagne für die Bundestagswahl am 27. September vorstellen, ist auch aus einem anderen Grund stimmig: Wo die beiden Grünen-Spitzenkandidaten über ihre Kampagne plaudern, wurde früher richtig gearbeitet. Die Firma Aqua Butzke, gegründet 1873, produzierte hier bis 1997 Armaturen. Und Arbeit steht diesmal im Zentrum des Grünen-Wahlkampfs.

Grünen-Spitzenduo Künast und Trittin: "Wir melden als Grüne einen Gestaltungs- und Machtanspruch an"
Eine Million Arbeitsplätze versprechen die Grünen mit ihrem sogenannten Green New Deal. In Zeiten der Wirtschafts- und Finanzkrise ist das ein Argument, mit dem vor allem Wechselwähler angesprochen werden sollen. Und die braucht man, um das selbstgesetzte Ziel zu erreichen: Die Partei will wieder regieren. "Wir melden als Grüne einen Gestaltungs- und Machtanspruch an", sagt Spitzenfrau Künast in die Kameras und Blitzlichter.
"Es geht ums Ganze" heißt der dazu passende Slogan der Kampagne. Rund vier Millionen Euro soll sie kosten, es ist der kleinste Etat aller im Bundestag vertretenen Parteien. Klimawandel, Arbeitsplätze, Gerechtigkeit - alles hängt für die Grünen miteinander zusammen. "Nur wir haben ganzheitlich durchdachte Programme", sagt Künast. Bei der Europawahl schien diese Botschaft anzukommen: Mit 12,1 Prozent schafften die Grünen das beste Ergebnis fürs Europäische Parlament ihrer Geschichte .
Im Vergleich zur Europa-Kampagne will man sich nun noch ernsthafter präsentieren. Vom "Wums" - die damals plakatierte und für viele nicht verständliche Abkürzung für "Wirtschaft und Umwelt - menschlich und sozial" - ist nichts mehr übrig. "Das ist nicht die Zeit für eine Witzkampagne", sagt Marcel Loko von der Werbeagentur "Zum goldenen Hirschen", mit der die Grünen nach 2002 und 2005 erstmals wieder zusammenarbeiten. Zum Teil würde das allerdings von der Ästhetik der Kampagne abgefangen, sagt Kreativ-Chef Loko, sie sende die "richtigen kulturellen Signale". Ein bisschen erinnern die Plakate mit ihren knalligen Farben an Graffiti-Kunst, Grünen-Bundesgeschäftsführerin Steffi Lemke spricht von "modernem Street-Art-Style".
Seriös genug, aber nicht zu dröge.
Spitzenkandidat Trittin löst diesen Spagat mit einem grünen Einstecktuch zum braun-grauen Anzug. Und natürlich gibt es bei der Vorstellung der Plakatmotive die grünen-üblichen Enthüllungsmomente, großes Ah und Oh und ziemlich viel Gekicher zwischen Trittin und Künast. Ein bisschen demonstrierte Unprofessionalität muss wohl sein. Auch die fügt sich gut in die Loft-Atmosphäre der ehemaligen Armaturenfabrik.
Ganz professionell gibt sich Künast dagegen bei der Frage nach den Machtoptionen ihrer Partei. Das Problem: Mit der schwächelnden SPD scheint selbst eine Koalition unter Einbeziehung der von den Grünen ohnehin wenig geliebten FDP unwahrscheinlich. Und weil man eine sogenannte Jamaika-Koalition auf dem letzten Parteitag ausgeschlossen hat, bleibt als arithmetisch halbwegs realistisches Bündnis nur noch eines mit der CDU. Die Schwarz-Grün-Debatte aber könnte die Stammwähler abschrecken. Also sagt Künast: "Lassen Sie uns so viel Stimmen gewinnen wie möglich - und dann wird am 27. September ausgezählt."
Die Botschaft soll sein: Wir wollen als Grüne so stark wie möglich werden.
Dass Künast und Trittin keinen rot-grünen Lagerwahlkampf wollen, zeigt auch die Zurückhaltung beim Thema Atom-Ausstieg - während sich die SPD nach den neuerlichen Zwischenfällen im Atomkraftwerk Krümmel auf die Debatte stürzt. "Natürlich kommt das Thema im Wahlkampf nicht zu kurz", sagt Grünen-Geschäftsführerin Lemke - aber ein explizites Plakatmotiv zum Atom-Ausstieg gibt es eben nicht.
Dafür eines, das sich insbesondere an Wählerinnen richtet. "Frauen" ist dort zu lesen, darüber zeigt ein massiver rosaroter Pfeil auf die Worte "Nach Oben". Ein Plakat, das man allerdings auch als Werbung für eine zweite Amtszeit von Kanzlerin Angela Merkel verstehen kann.
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