Von Veit Medick und Philipp Wittrock
Berlin - Am Ende seiner Ausführungen lehnt sich Tuomo Hatakka, Chef von Vattenfall Europe, noch einmal ganz nah an das Mikrofon heran. "Eines will ich Ihnen noch sagen", ruft er - die Lautsprecher knacken. "Der Vorfall hat mich tief getroffen, aber er hat mich nicht paralysiert - das schwöre ich Ihnen." Mit seinem Namen stehe er dafür, dass das Unternehmen Konsequenzen ziehen werde.

Demonstration von Atomkraftgegnern an der Fassade des Vattenfall-Kundencenters in Hamburg: "Schonungslose Aufklärung"
Hatakka verspricht "schonungslose Aufklärung". Die ist auch dringend notwendig. Denn Vattenfall hatte den Reaktor nahe Hamburg gerade erst wieder angefahren, nach rund zwei Jahren Pause. Und die Ursache für die erneute Schnellabschaltung scheint die gleiche zu sein wie im Sommer 2007. Damals war ein Transformator, Kennung AT 01, nach einem Kurzschluss in Flammen aufgegangen. Diesmal verabschiedete sich der zweite, seinerzeit angeblich nicht in Mitleidenschaft gezogene Trafo AT 02. Nur das Feuer blieb aus.
Es ist eine Katastrophe für das Image des Konzerns, das wissen die beiden Herren auf dem Podium. Hatakka sieht müde aus, spricht von einem "herben Rückschlag für alle Anstrengungen, die wir in den vergangenen zwei Jahren bezüglich unserer Sicherheitskultur unternommen haben". Vertrauen sei verlorengegangen, "das müssen wir uns neu verdienen."
Doch die Demut hat Grenzen. Das könnte schließlich als Schwäche ausgelegt werden, als Eingeständnis dafür, dass Vattenfall nicht in der Lage sei, einen Atommeiler zu beherrschen. Also heißt es, standhaft zu bleiben, Verständnis für die Sorgen der Menschen zu äußern, zugleich aber darauf zu beharren, dass diese Sorgen unbegründet seien. "Krümmel ist sicher", betont Hatakka.
Die Panne habe nur ein betriebliches System betroffen, sagt auch Atommanager Züfle, alle Sicherheitssysteme hätten funktioniert. Ein "Risikopotential" für die Bevölkerung habe es nie gegeben.
Die "schonungslose Aufklärung" soll nun ein eigens eingesetzter Sonderbevollmächtigter vorantreiben, "transparent, umfassend, zeitnah", wie es am Donnerstag immer wieder heißt. Sein Name: Stefan Dohler, bei Vattenfall Europe für das Netzgeschäft zuständig. Er hat eine ganze Reihe offener Fragen zu klären.
Bis Vattenfall Antworten auf alle Fragen gefunden hat, werden mehrere Monate vergehen. "Jetzt stehen alle Prozesse, technisch und organisatorisch, auf dem Prüfstand", betont Hatakka. Daher sei es auch noch viel zu früh, über eine Wiederanfahrt des Reaktors zu sprechen.
Einer hat sich Hatakkas Worte am Donnerstag ganz genau angehört: Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) befindet sich zur gleichen Zeit zwar mehr als tausend Kilometer östlich von Berlin. Dafür ist er aber ganz nah dran an jenem Ort, der zur Chiffre für die Gefahren geworden ist, die von der Kernkraft ausgehen können: Tschernobyl.
Gabriels für den Nachmittag angesetzter Besuch des ukrainischen Katastrophenmeilers ist symbolträchtig - lange geplant zwar, aber als Kulisse so kurz nach der Krümmel-Panne ganz nach dem Geschmack für den seit Tagen gegen die Gefahren der Atomkraft wetternden Sozialdemokraten.
Gabriel, das verdeutlicht nicht nur sein Ukraine-Besuch, hat sein Thema für den Wahlkampf gefunden. Der Internet-Auftritt seines Ministeriums gleicht längst einer reinen Anti-Atom-Plattform. Ganz oben wird der Besucher vom berühmten gelb-roten Emblem mit der Aufschrift "Atomkraft? Nein Danke" begrüßt. Daneben finden sich die Ergebnisse einer Umfrage, wonach eine Mehrheit der Deutschen den Atomausstieg noch beschleunigen will.
Zudem lässt Gabriel seit dem neuen Krümmel-Vorfall keine Gelegenheit ungenutzt, die Unionsparteien als verantwortungslose Atomfreunde zu attackieren. Auch am Morgen, noch in der ukrainischen Hauptstadt Kiew, verteilt der Minister Seitenhiebe gegen den Koalitionspartner. Die jüngste Panne im Kraftwerk Krümmel zeige, wie notwendig ein schrittweiser Ausstieg aus der Atomkraft sei. "Die CDU redet bei Krümmel von einem Einzelfall", so Gabriel. Doch von hundertprozentiger Sicherheit bei der Atomtechnik könne keine Rede sein.
Inzwischen hat auch Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier Gefallen an Gabriels Anti-Atom-Offensive gefunden. Hart geht Steinmeier am Donnerstag mit jenen Unionspolitikern ins Gericht, die in den vergangenen Tagen davor warnten, das Beispiel Krümmel zu hoch zu hängen. Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) zum Beispiel.
Wer wie Oettinger Krümmel als Kraftwerk mit Zukunft bezeichne, scheide als ernstzunehmender Politiker aus, sagte Steinmeier der Nachrichtenagentur dpa. Oettinger wolle mit seinem Vorschlag für unbegrenzte Laufzeiten von Atommeilern Deutschland in die "energiepolitische Steinzeit" zurückwerfen. Steinmeier wirft der Union vor, mit einer "Pro-Atom-Politik" einen Konflikt in der Gesellschaft wieder aufleben zu lassen, den die SPD beendet habe. "Wir stehen zum Atomkonsens, die CDU/CSU kündigt ihn auf."

Von solchen Image-Tipps will man bei Vattenfall nichts wissen. Zweifel an der Atom-Kompetenz des Konzerns sind nach Meinung der Verantwortlichen völlig unangebracht. Ein endgültiges Aus für Krümmel stehe nicht zur Debatte, betont Europachef Hatakka. "Dafür gibt es keinen Grund."
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...in der Diskussion. mehr...
Ich habe nirgends ausgeschlossen, dass es auch noch andere Bereiche gibt, die diesen fixen Begriff verwenden. Ihre billigen Rechtfertigungsversuche wirken in meinen Augen allerdings recht erheiternd... vor allem dass [...] mehr...
http://www.n-tv.de/panorama/93-000-statt-4-000-Tote-article179005.html Wem glaubt man? Die Zahl von 47 ist natürlich Unfug, bezieht sie sich doch nur auf die faktisch sofort Verstorbenen. mehr...
Was konkret bezeichnen Sie als Unsinn? Seltsame Message. Verstehe ich nicht. mehr...
Unsinn. Fertigung, Betrieb und Entsorgung sind sehr viel berechenbarer als der Betrieb von Kernkraftwerken. Von Photovoltaikanlagen ganz zu schweigen. Sie betreiben gefährlich unsinnig-dumme Verharmlosung und Desinformation, [...] mehr...
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