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09.07.2009
 

Debatte über Atomkraft

SPD startet Krümmel-Wahlkampf

Von Veit Medick und Philipp Wittrock

Vattenfall gesteht Pannen und Probleme in Krümmel - trotzdem will der Energiekonzern das Atomkraftwerk längst nicht abschreiben. Eine Steilvorlage für die SPD: Endlich haben Steinmeier und Co. ein Wahlkampfthema gefunden.

Berlin - Am Ende seiner Ausführungen lehnt sich Tuomo Hatakka, Chef von Vattenfall Europe, noch einmal ganz nah an das Mikrofon heran. "Eines will ich Ihnen noch sagen", ruft er - die Lautsprecher knacken. "Der Vorfall hat mich tief getroffen, aber er hat mich nicht paralysiert - das schwöre ich Ihnen." Mit seinem Namen stehe er dafür, dass das Unternehmen Konsequenzen ziehen werde.

Demonstration von Atomkraftgegnern an der Fassade des Vattenfall-Kundencenters in Hamburg: "Schonungslose Aufklärung"Zur Großansicht
dpa

Demonstration von Atomkraftgegnern an der Fassade des Vattenfall-Kundencenters in Hamburg: "Schonungslose Aufklärung"

Mit Nachdruck geht Hatakka in die Offensive. Gemeinsam mit Ernst Michael Züfle, dem Geschäftsführer der Vattenfall-Nuklearsparte, sitzt der Finne am Donnerstagmittag in der Berliner Konzernzentrale, um einen ersten Zwischenbericht abzugeben, warum das Kernkraftwerk Krümmel am vergangenen Sonntag schon wieder abgeschaltet werden musste.

Hatakka verspricht "schonungslose Aufklärung". Die ist auch dringend notwendig. Denn Vattenfall hatte den Reaktor nahe Hamburg gerade erst wieder angefahren, nach rund zwei Jahren Pause. Und die Ursache für die erneute Schnellabschaltung scheint die gleiche zu sein wie im Sommer 2007. Damals war ein Transformator, Kennung AT 01, nach einem Kurzschluss in Flammen aufgegangen. Diesmal verabschiedete sich der zweite, seinerzeit angeblich nicht in Mitleidenschaft gezogene Trafo AT 02. Nur das Feuer blieb aus.

Es ist eine Katastrophe für das Image des Konzerns, das wissen die beiden Herren auf dem Podium. Hatakka sieht müde aus, spricht von einem "herben Rückschlag für alle Anstrengungen, die wir in den vergangenen zwei Jahren bezüglich unserer Sicherheitskultur unternommen haben". Vertrauen sei verlorengegangen, "das müssen wir uns neu verdienen."

Doch die Demut hat Grenzen. Das könnte schließlich als Schwäche ausgelegt werden, als Eingeständnis dafür, dass Vattenfall nicht in der Lage sei, einen Atommeiler zu beherrschen. Also heißt es, standhaft zu bleiben, Verständnis für die Sorgen der Menschen zu äußern, zugleich aber darauf zu beharren, dass diese Sorgen unbegründet seien. "Krümmel ist sicher", betont Hatakka.

Die Panne habe nur ein betriebliches System betroffen, sagt auch Atommanager Züfle, alle Sicherheitssysteme hätten funktioniert. Ein "Risikopotential" für die Bevölkerung habe es nie gegeben.

Die "schonungslose Aufklärung" soll nun ein eigens eingesetzter Sonderbevollmächtigter vorantreiben, "transparent, umfassend, zeitnah", wie es am Donnerstag immer wieder heißt. Sein Name: Stefan Dohler, bei Vattenfall Europe für das Netzgeschäft zuständig. Er hat eine ganze Reihe offener Fragen zu klären.

  • Warum kam es am Sonntag zum Kurzschluss im Trafo? Vattenfall vermutet, dass die Ursache die gleiche ist wie im Sommer 2007, als der baugleiche, zweite Trafo abbrannte. Hatakka spricht erstaunlicherweise trotzdem von einem "Einzelfall". Was genau passierte, ist weiter unklar.
  • Wenn die Ursache die gleiche ist: Wie konnten Gutachter den nun betroffenen Trafo als "gebrauchsfähig" freigeben? Warum wurden die bereits in den siebziger Jahren gelieferten Trafos nach der Panne vor zwei Jahren nicht ausgetauscht - wie es nun geschehen soll? Warum wurde der beim Feuer zerstörte Trafo nur durch ein ebenfalls gebrauchtes, schon seit Anfang der achtziger Jahre im Kraftwerk Brunsbüttel eingelagertes Aggregat ersetzt?
  • Wie konnte es passieren, dass der geplante Einbau eines zusätzlichen Überwachungsgerätes versäumt wurde? Vattenfall hat den dafür verantwortlichen Kraftwerksleiter bereits von seinen Aufgaben entbunden. Ob das Messgerät den Kurzschluss verhindert oder davor gewarnt hätte, ist allerdings unklar.
  • Wie kommt es zu den Schäden an einem oder mehreren der rund 80.000 Brennstäbe im Reaktor? Züfle betonte, dass ein solcher Schaden nicht bekanntgewesen sei, als das Kraftwerk wieder ans Netz ging. Mit dem Kurzschluss vom Wochenende hat die Beeinträchtigung aber wahrscheinlich nichts zu tun. Ab Freitag will Vattenfall nun alle Brennstäbe prüfen.
  • Wieso kam es nach der Abschaltung zu Problemen mit der Kühlung des Kraftwerks, wie Vattenfall einräumt?
  • Muss die Kommunikation zwischen dem Kraftwerksbetreiber und der Atomaufsicht verbessert werden? Das zuständige schleswig-holsteinische Sozialministerium hatte am Sonntag von der Polizei vom Zwischenfall erfahren - und nicht von Vattenfall. Die für die Unterrichtung zuständige Betriebsbereitschaft war erst 40 Minuten nach der Schnellabschaltung vor Ort.

Bis Vattenfall Antworten auf alle Fragen gefunden hat, werden mehrere Monate vergehen. "Jetzt stehen alle Prozesse, technisch und organisatorisch, auf dem Prüfstand", betont Hatakka. Daher sei es auch noch viel zu früh, über eine Wiederanfahrt des Reaktors zu sprechen.

Einer hat sich Hatakkas Worte am Donnerstag ganz genau angehört: Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) befindet sich zur gleichen Zeit zwar mehr als tausend Kilometer östlich von Berlin. Dafür ist er aber ganz nah dran an jenem Ort, der zur Chiffre für die Gefahren geworden ist, die von der Kernkraft ausgehen können: Tschernobyl.

Gabriels für den Nachmittag angesetzter Besuch des ukrainischen Katastrophenmeilers ist symbolträchtig - lange geplant zwar, aber als Kulisse so kurz nach der Krümmel-Panne ganz nach dem Geschmack für den seit Tagen gegen die Gefahren der Atomkraft wetternden Sozialdemokraten.

Gabriel, das verdeutlicht nicht nur sein Ukraine-Besuch, hat sein Thema für den Wahlkampf gefunden. Der Internet-Auftritt seines Ministeriums gleicht längst einer reinen Anti-Atom-Plattform. Ganz oben wird der Besucher vom berühmten gelb-roten Emblem mit der Aufschrift "Atomkraft? Nein Danke" begrüßt. Daneben finden sich die Ergebnisse einer Umfrage, wonach eine Mehrheit der Deutschen den Atomausstieg noch beschleunigen will.

Zudem lässt Gabriel seit dem neuen Krümmel-Vorfall keine Gelegenheit ungenutzt, die Unionsparteien als verantwortungslose Atomfreunde zu attackieren. Auch am Morgen, noch in der ukrainischen Hauptstadt Kiew, verteilt der Minister Seitenhiebe gegen den Koalitionspartner. Die jüngste Panne im Kraftwerk Krümmel zeige, wie notwendig ein schrittweiser Ausstieg aus der Atomkraft sei. "Die CDU redet bei Krümmel von einem Einzelfall", so Gabriel. Doch von hundertprozentiger Sicherheit bei der Atomtechnik könne keine Rede sein.

Inzwischen hat auch Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier Gefallen an Gabriels Anti-Atom-Offensive gefunden. Hart geht Steinmeier am Donnerstag mit jenen Unionspolitikern ins Gericht, die in den vergangenen Tagen davor warnten, das Beispiel Krümmel zu hoch zu hängen. Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) zum Beispiel.

Wer wie Oettinger Krümmel als Kraftwerk mit Zukunft bezeichne, scheide als ernstzunehmender Politiker aus, sagte Steinmeier der Nachrichtenagentur dpa. Oettinger wolle mit seinem Vorschlag für unbegrenzte Laufzeiten von Atommeilern Deutschland in die "energiepolitische Steinzeit" zurückwerfen. Steinmeier wirft der Union vor, mit einer "Pro-Atom-Politik" einen Konflikt in der Gesellschaft wieder aufleben zu lassen, den die SPD beendet habe. "Wir stehen zum Atomkonsens, die CDU/CSU kündigt ihn auf."

Atomkraftwerke in Deutschland

Zahlen

Getty Images
In Deutschland sind formal derzeit noch 17 Atomkraftwerke in Betrieb. Tatsächlich am Netz sind aber deutlich weniger: Brunsbüttel ist nach mehreren schweren Pannen seit weit mehr als einem Jahr abgeschaltet. Krümmel wurde nach einem Brand im Juni 2007 erst im Juni 2009 wieder hochgefahren. Der älteste Meiler, Biblis A, ist seit Ende Februar nicht mehr am Netz und wird derzeit gewartet. Der benachbarte Block Biblis B ist seit Januar 2009 wegen Revisionsarbeiten abgeschaltet. Das AKW Stade ging Ende 2003 außer Betrieb und wurde 2005 stillgelegt. Obrigheim ging Mitte 2005 außer Betrieb.

Geografische Verteilung

Das Kraftwerk Krümmel, so Steinmeier, müsse endgültig geschlossen werden. "Die wiederholten Pannen in Krümmel haben das Vertrauen vieler Menschen in die Atomenergie weiter erschüttert", sagt der Außenminister. Die Schließung sei deshalb ein Gebot der Vernunft für die Menschen in der Region, aber auch für das Ansehen des Unternehmens in Deutschland.

Von solchen Image-Tipps will man bei Vattenfall nichts wissen. Zweifel an der Atom-Kompetenz des Konzerns sind nach Meinung der Verantwortlichen völlig unangebracht. Ein endgültiges Aus für Krümmel stehe nicht zur Debatte, betont Europachef Hatakka. "Dafür gibt es keinen Grund."

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10.11.2009 von physik:

Ich habe nirgends ausgeschlossen, dass es auch noch andere Bereiche gibt, die diesen fixen Begriff verwenden. Ihre billigen Rechtfertigungsversuche wirken in meinen Augen allerdings recht erheiternd... vor allem dass [...] mehr...

10.11.2009 von _gimli_:

http://www.n-tv.de/panorama/93-000-statt-4-000-Tote-article179005.html Wem glaubt man? Die Zahl von 47 ist natürlich Unfug, bezieht sie sich doch nur auf die faktisch sofort Verstorbenen. mehr...

10.11.2009 von _gimli_:

Was konkret bezeichnen Sie als Unsinn? Seltsame Message. Verstehe ich nicht. mehr...

10.11.2009 von bürostuhlpilot:

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