Von Markus Deggerich und Simone Kaiser
Saarbrücken - Wäre derzeit am Saarbrücker Theater die Rolle des zerstreuten Professors zu besetzen, Hans Lafontaine wäre das Engagement sicher. Der 65-Jährige sitzt mit wildem Haar in seiner Kanzlei in Saarbrücken, die auch schon bessere Tage gesehen hat, und kramt aufgeregt nach einem Papier. "Einen Moment noch", bittet er um Geduld. "Hier ist es ja", ruft er triumphierend zwischen Papierstapeln und hält eine Kopie in die Höhe, "da haben wir den Spitzelbeweis."
Hans, Zwillingsbruder des Linken-Vorsitzenden Oskar Lafontaine, verfolgt seit Monaten eine Spur: Er ist überzeugt, dass der saarländische Bundestagsabgeordnete der Linken, Hans-Kurt Hill, als Zuträger für den Verfassungsschutz gearbeitet hat. Der Vorwurf verunsichert die Saar-Genossen, die sich im Wahlkampf befinden. Und ganz nebenbei tritt der bislang weithin unbekannte Erstgeborene damit erstmals aus dem langen Schatten seines Bruders.
Der reagiert entsprechend verärgert, schließlich kandidiert er im Saarland erneut für das Amt des Ministerpräsidenten. Da sorgen parteiinterne Scharmützel und Verdächtigungen durch Mitglieder der eigenen Familie nur für schlechte Presse. Spricht man den Bundesvorsitzenden auf seinen Bruder an, wird der sonst um keinen Kommentar verlegene Politmatador schmallippig: "Familiäre Fragen beantworte ich nicht."
Bis Hans Lafontaine und sein fünf Minuten später geborener Bruder Oskar neun Jahre alt waren, trugen die zweieiigen Zwillinge stets die gleiche Kleidung. In der Schule, so erzählt man es sich im Saarland, verteidigte der laute Oskar den zurückhaltenden Hans notfalls auch mit den Fäusten. Heute gibt es außer der Parteizugehörigkeit wenig Verbindendes: "Zwischen uns passt mehr als ein Blatt Papier", pflegt Hans Lafontaine zu sagen.
Schon äußerlich haben sich die beiden über die Jahre auseinander entwickelt. Der Rechtsanwalt aus Saarbrücken trägt gern karierte Holzfällerhemden mit hochgekrempelten Ärmeln. Bis er die richtigen Worte findet, vergeht manchmal ein wenig Zeit. Physiker Oskar hingegen bevorzugt gedeckte Anzüge und ist nie um einen sarkastischen Kommentar verlegen. Hans übte sein Leben lang mit eher leisen Tönen Gesellschaftskritik als Anwalt für Benachteiligte. Oskar machte mit lauten Tönen Karriere. Und vielleicht ist das ein Teil des Problems zwischen den beiden.
Der politische Hans und der lebenslustige Oskar
Denn der Erstgeborene Hans war zu Beginn noch der politisch Aktivere der beiden Brüder. Er trat schon in die SPD ein und gründete mit Freunden einen Ortsverband als sich der lebenslustige jüngere Oskar noch überhaupt nicht für Politik interessierte. Während dieser dann in der Heimat die politische Karriereleiter hinaufstürmte, vom Oberbürgermeister zum Ministerpräsidenten und SPD-Chef, arbeitete Hans Lafontaine als Anwalt in Bayern. Er wurde Juso-Chef in Augsburg, engagierte sich in den linken Kulturzentren der Stadt.
Aber seine eigene politische Karriere verlief bald im Sande. Mitte der achtziger Jahre kehrte er ins Saarland zurück und kandidierte erfolglos für das Bürgermeisteramt im kleinen Wadgassen. Danach wurde er ein eher passiver Genosse, dem die SPD schon lange nicht mehr links genug war. Aus Rücksicht auf den Status seines Bruders verzichtete er aber auf einen Austritt.
Erst als Oskar der Sozialdemokratie den Rücken kehrte, gab auch Hans sein Parteibuch zurück und trat zur Saar-PDS über. Die war damals ein kleines Häuflein Linksdenkender unter der Führung von eben jenem Hans-Kurt Hill, den Hans nun in Verdacht hat, ein V-Mann zu sein. Schon als er zwischen 2006 und 2007 für das Wahlkreisbüro des Bundestagsabgeordneten Hill arbeitete, habe er sich "von Anfang an beobachtet gefühlt", sagt Hans heute.
Die Linke im Saarland wurde bis Ende 2007 tatsächlich vom Landesverfassungsschutz beobachtet. Hans Lafontaine prozessierte auf Herausgabe seiner Akte, "mir war klar, dass es da etwas geben muss". Schließlich erhielt er Einsicht in die zum Teil geschwärzten Blätter, mit handschriftlichen Anmerkungen, die ihm verdächtig bekannt vorkamen. Seine Recherchen ließen für ihn nur den einen Schluss zu: "Es war Hill." Um mehr in der Hand zu haben, beauftragte er eine französische Grafologin, die nach Vergleichen von Schriftproben zu dem Ergebnis kam, "dass die handschriftlichen Anmerkungen vom gleichen Verfasser gemacht wurden", wie eindeutig Hill zuzuordnende Briefe. Triumphierend informierte Hans Lafontaine den kleinen Bruder und den Fraktionsvorsitzenden Gregor Gysi in Berlin.
Die alarmierte Parteispitze gab in aller Stille ein weiteres Gutachten in Auftrag, das jedoch die Übereinstimmungen der Handschriften nicht bestätigte. Dass auch der Verfassungsschutz und Hill selbst jede Zusammenarbeit dementieren, deutet Hans Lafontaine verschwörerisch als Bestätigung um: "Klar, dass die leugnen: weil ich ins Schwarze getroffen habe." Er sei "ja eher der Zurückhaltende von uns beiden", sagt Hans Lafontaine immer noch über sich und seinen Bruder. Aber vielleicht ist das jetzt vorbei. Hans, so scheint es, hat zum Verdruss des Zwillings spät das Lafontaine-Gen entdeckt: Aufmerksamkeit durch Provokation.
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