Sind Grüne und Atomkraftgegner fortschrittsfeindlich und von Empfindsamkeit geblendet? Zum 50. Geburtstag lud das Deutsche Atomforum neulich den Historiker Arnulf Baring zum Festvortrag ein, der in seiner Rede diese These aufstellte.
Baring argumentiert, dass die gesellschaftliche Hegemonie der Atomkraftgegner mit einer grundsätzlich fortschrittfeindlichen Kehrtwende in den siebziger Jahren einhergegangen sei. Schließlich wünscht er sich, dass die heute jüngere Generation, die die Katastrophe von Tschernobyl nicht mehr selbst miterlebt hat, wieder "unvoreingenommen" positiv zur Atomenergie stehe. Die Kolumnistin Cora Stephan folgte diesem Ansatz in einem Beitrag für SPIEGEL ONLINE.
Die Freunde der Atomkraft projizieren ihre Sehnsüchte offensichtlich auf die trügerische Hoffnung, die Aufbruchstimmung der fünfziger Jahre kehre in gleicher Gestalt zurück.
Diese Grundsatzdebatte zum Jubiläum ist spannend. Pikanterweise wird sie von den aktuellen Störfällen in Krümmel völlig in den Schatten gestellt. Denn es geht tatsächlich um mehr als den Streit über eine Hochrisikotechnologie. Die Ölkrise 1973 hat ein tiefes Unbehagen an der Wachstumsideologie und unreflektiertem technologischem Fortschritt als Selbstzweck entfacht. Doch wird heute umgekehrt ein Schuh daraus.
Baring, Union und FDP übersehen, dass die Aufbruchstimmung der fünfziger Jahre in den Laboren und Werkstätten deutscher Ingenieure längst zurückgekehrt ist. Statt vermeintlichen Romantik-Anklängen könnten Baring und Stephan Greentech im Grünen Wahlprogramm finden - wenn sie wollten.
Die Realitäten haben sich in den letzten 50 Jahren verändert. Jüngst haben die Stromkonzerne E.on und Électricité de France der britischen Regierung gedroht: Sie würden nicht in neue Atomkraftwerke investieren, wenn London die erneuerbaren Energien fördere. Denn teure Atomkraftwerke rechnen sich nur, wenn sie rund um die Uhr ihren Strom absetzen können.
Die Herausforderung heute ist, den gewachsenen Bewusstseinswandel hin zu einer kritischen Haltung zur sozial und ökologisch blinden Wachstumsideologie mit den neuen Möglichkeiten für eine andere Wirtschaftsweise zu verbinden. Dabei ist die Energiefrage zentral. Doch anders als vor 30 Jahren haben wir die Möglichkeit, diese Brücke zu bauen, unter anderem mit Hightech - made in Germany. Darüber reden wir Grüne, wenn wir uns mit den Wirtschaftsverbänden oder den Chefs von E.on oder Vattenfall treffen - auch wenn Frau Stephan das nicht glauben mag - sachlich, freundlich und überzeugt.
Die Brände und Kurzschlüsse in Krümmel sind eine Tatsache
Aber man kann nun einmal nicht über Atomenergie reden, ohne etwas zur Technologie selbst zu sagen. Und die Brände und Kurzschlüsse in Krümmel sind eine Tatsache. Was als Errungenschaft moderner Technologie gepriesen wird, ist in Wirklichkeit ein Museumsstück aus dem 20. Jahrhundert. Die sieben ältesten Meiler, darunter Krümmel, gehören abgeschaltet.
Das will auch eine klare Mehrheit von 72 Prozent der Bevölkerung. Nach der Regelung des Atomausstiegs von 2001 können die Reststrommengen der alten Meiler ohne weiteres auf neuere Kraftwerke übertragen werden. Das erhöht die Sicherheit und mindert nicht die Menge an Atomstrom, den die Energiekonzerne nach der Atomausstiegs-Vereinbarung noch bis 2021 produzieren dürfen. Doch eine Laufzeitverlängerung brächte der Atomwirtschaft jeden Tag einen Gewinn von bis zu einer Millionen Euro pro Anlage und bis zu 200 Milliarden insgesamt. Das erklärt die Hartnäckigkeit der Konzerne trotz Unterschrift unter dem Atomausstieg. Innovationsdruck sieht anders aus.
Fortschritt und Innovation sind aus Prinzip nicht im Interesse der Profiteure des Status quo. Das galt für die Energiekonzerne auch in Sachen Atomenergie, als diese vor über einem halben Jahrhundert von großen Teilen der Politik als Fortschrittssignal gefeiert wurde, für die Konzerne aber eine zu große und unsichere Investition darstellte. Die herausragende Entwicklung der erneuerbaren Energien und der Umwelttechnologien in Deutschland sind auch erst durch ordnungspolitische Rahmensetzungen entstanden und nicht zuletzt untrennbar mit dem Atomausstieg von 2001 verbunden.
Unternehmensberater Roland Berger spricht von "first mover advantages": Die globale Entwicklung geht ohnehin in Richtung Greentech, wegen der steigenden Energiepreise und wegen des Klimawandels. Deutschland war in diesem Rennen bislang noch der Igel. Allein bei den umweltfreundlichen Energien halten wir Weltmarktanteile von über 30 Prozent. Trotz Wirtschaftskrise wachsen die Arbeitsplätze dort zweistellig. Warum sollten wir diese Rolle mit dem Hasen tauschen wollen?
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Sie müssen doch zugeben, dass Özdemir seine Aussage über Wärme zumindest sehr ungeschickt formuliert hat - nachdem ich das Forum durchgeblättert hatte, habe ich festgestellt, dass diese Sätze auch viele andere für unsinnig [...] mehr...
... der/die (?) mit elementarem Textverständnis Probleme hat. Aus dem Textzusammenhang geht deutlich hervor, das "keine nutzbare Wärme" gemeint ist. Sie hätten sich diese Bemerkung und den ganzen Erklärungssermon [...] mehr...
... mir ja eigentlich vorgenommen, auf Ihr schwarz-wirtschaftshöriges Hirngeschwurbel nicht mehr zu antworten, aber diese Aussage wirft bei mir doch eine Frage auf, die ich gerne beantwortet hätte. Sie halten es also für [...] mehr...
Herr Özdemir schreibt, dass AKWs keine Wärme produzieren. Das ist nur eine von vielen Un- oder Halbwahrheiten in seinem Kommentar. Natürlich produzieren die AKWs Wärme, und sogar viel davon. Ein Kernkraftwerk arbeitet aufgrund [...] mehr...
leider war das keine Begründung auf Ihre These. Nochmal zur Erinnerung: ---Zitat--- Dabei ist man doch heute schon so weit, auch ohne dieser Technologie die Menschheit mit günstigen Strom zu versorgen, aber man kann eben mit [...] mehr...
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