Von Franz Walter
Nur in einer bundesdeutschen Lebenswelt skandierte man nicht den gegenwärtig dominanten Entlastungsrefrain vom "Man kann ja doch nichts machen". Während die sogenannten Leitgruppen derzeit alles andere als eine Vorbildrolle einnehmen, ragt in dieser Frage ausgerechnet das sogenannte "traditionsverwurzelte Milieu" durch exemplarisches umweltschonendes Alltagsverhalten heraus. In aller Regel genießen die "Traditionsverwurzelten" kein großes Renommee bei den Lebensweltforschern. Denn besonders modern und marktfähig geriert sich diese Gruppe nicht.
Der Sozialisationsort der Traditionsverwurzelten lag überwiegend in den fünfziger und sechziger Jahren. Viele sind heute Rentner, hängen weiterhin alten, vermeintlich überkommenen Einstellungen an, legen Wert auf Sparsamkeit, Fleiß, Disziplin, Häuslichkeit, Familie, aber auch ehrenamtlich gestützte Vereinsgeselligkeit. Hier lagern noch letzte Reste der alten sozialdemokratischen Gewerkschafts- und Solidaritätskultur, auch der sozialkatholischen Subsidiaritätsprinzipien christdemokratischer Façon. Es ist das klassische "Kleine-Leute-Milieu", weit entfernt von den Mentalitäten der sogenannten modernen Unterschichten, Mittelklassen oder Elitesektoren der bundesrepublikanischen Gesellschaft. Die Partei der Grünen etwa würde unter den Traditionsverwurzelten die Fünf-Prozent-Hürde nicht schaffen.
Der Begriff "Nachhaltigkeit" kommt in der Rhetorik der Traditionsverwurzelten nicht vor. Doch sie leben in der täglichen Praxis nachhaltiger als andere sonst. Mit Wasser geht man behutsam um. Der Komposthaufen im Garten ist selbstverständlich. Das Obst und Gemüse wird nicht gespritzt. Das Haus ist oft gedämmt, die Heizung sparsam eingestellt. Die Flugreise - auf die weder ergraute Postmaterielle noch neuliberale Performer verzichten wollen - ist ihnen gut entbehrlich. Man nimmt die Bahn oder fährt ein ressourcensparendes Auto, benutzt häufig jedoch das Fahrrad. Alte Möbel werden zu Regalen neu geschnitten und weiter gebraucht. Lockere Wegwerfneigungen sind verpönt, wie aber auch Parolen à la "Geiz ist geil".
Traditionsverwurzelte sind gewiss sparsam, aber nicht geizig auf Kosten anderer. In Fragen der Umwelt ist man firm, denn man hat mit den Kindern oder Enkeln die "Sendung mit der Maus" geschaut, in denen solche Probleme kompetent und mit großer Ernsthaftigkeit dargestellt worden sind.
Die Familie steht überhaupt im Fokus der Traditionsverwurzelten. Man versucht, dort Werte weiter zu vermitteln. Einzig in diesem Milieu ist die Philosophie präsent, dass man in einem großen Kosmos gewissermaßen seinen Platz und seine Aufgabe zugewiesen bekommen hat und die daraus resultierenden Pflichten schlicht selbstverständlich erfüllen muss. Und man delegiert die Verantwortung nicht fort, auch nicht im Bereich der Umwelt, beim Schutz der Natur. "Viel Kleines gibt ja auch was Großes" - heißt es wieder und wieder zur Begründung dafür, dass bei ihnen das Wasser beim Zähneputzen nicht läuft. Die Elitegruppen pflegen dergleichen Naivitäten süffisant zu belächeln.
In der Sozialforschung firmiert das "traditionsverwurzelte Milieu" als erodierendes oder gar absterbendes gesellschaftliches Segment. In der Tat: Diese Gruppe ist in den letzten 30 Jahren quantitativ kräftig zurückgegangen. Sie war (und ist noch) Hort der beiden Volksparteien. Wenn die Quellen der Traditionsverwurzelung versiegen, wird es nicht leicht für die Sozial- und Christdemokraten. Aber es wird auch nicht einfach für die politische Ökologie der Republik.
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