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Hoyerswerda Wendekind Sarah verlässt die schrumpfende Stadt

2. Teil: "Die Sicherheit, die unsere Eltern hatten, kennen wir nicht"

Mangelwirtschaft, Eiserner Vorhang, Spitzeltum und Parteibonzen - die Schattenseiten des real existierenden Sozialismus sind Erzählungen für sie. Die ihr durchaus unter die Haut gehen können. "Einmal waren wir mit der Schulklasse im Berliner Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen. Wir haben dort mit einem ehemaligen Häftling gesprochen. Das war sehr beklemmend", berichtet die junge Frau aus Hoyerswerda.

Real existent sind für Sarah Stötzner die Probleme, die die Marktwirtschaft mit sich bringt. "Die Sicherheit, die meine Eltern zu DDR-Zeiten hatten, der garantierte Arbeitsplatz zum Beispiel, dass kennen wir jungen Leute in Hoyerswerda nicht mehr. Unser Leben ist viel unkalkulierbarer geworden. Freiheit scheint auch ihren Preis zu haben", meint die junge Frau.

Nach der Wende folgte das Ende der "Schwarzen Pumpe", damit der Aderlass von Hoyerswerda. 2008 zählt die Stadt nur noch 39.214 Einwohner, und, so lauten die Prognosen, die Zahl wird wohl bis 30.000 sinken.

"Unglaublich, dass meine Eltern damals froh waren, als sie die kleine Wohnung zugewiesen bekommen haben", meint Sarah Stötzner.

In Hoyerswerda gibt es heute zu viel Wohnraum, und den beseitigt die Abrissbirne. 7150 Wohnungen wurden von 1990 bis 2008 "rückgebaut", wie es die Stadtverwaltung ausdrückt. Dieses Jahr sollen weitere 830 dazukommen. Bis 2010 noch einmal rund 500. Hoyerswerda schrumpft und schrumpft.

Das schmerzt Sarah Stötzner. Sie führt durch die kleine Altstadt. Alles ist hier schön saniert, in einer Gasse schmiegen sich bunte, alte Handwerkerhäuser aneinander. Die junge Frau liebt diese Stadt, selbst die Plattenbauten. Und natürlich die Natur um Hoyerswerda. "Die Lausitzer Seenlandschaft, die vielen schön sanierten Dörfer, die Waldgebiete, ich glaube, die Region bietet Besuchern viel. Hoffentlich bringt der Tourismus Hoyerswerda ein Stück weiter", erklärt die junge Frau.

"Hoyerswerda veraltet immer mehr"

Natürlich sehnt sie sich auch nach der Ferne. Ein Jahr war sie als Austauschschülerin in Norwegen, legte deshalb ein Jahr später ihr Abitur ab. Ab September geht es als Freiwillige in die Dominikanische Republik für das "Weltwärts"-Programm des Bundesministeriums für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

Sarah Stötzner denkt als weltoffene Europäerin. Die vor allem in Westdeutschland immer noch kursierenden DDR-Witze findet sie einfach nur peinlich. "Und manchmal tut es weh, sie immer noch zu hören. Bei einem Seminar sagte mir jemand, du kommst ja aus Dunkeldeutschland, was immer das auch bedeutet", erzählt sie. Ost-West-Stereotypen haben ihre Eltern keine vermittelt. Sie sind heimatverbunden und weltoffen, als Lehrer sind sie gerade von einem dreijährigen Aufenthalt aus Istanbul zurückgekehrt.

Nach ihrem einjährigen Aufenthalt in der Karibik will Sarah Stötzner studieren und wenn möglich nach Hoyerswerda zurückkehren. Letzteres wird schwierig werden. Hoyerswerda bietet kaum Jobs, erst recht nicht für junge Akademiker. Die Stadt beziffert die Arbeitslosenquote auf 19,3 Prozent (Mai 2009). Noch schlimmer sieht es für die Jugend aus. Auf eine Ausbildungsstelle kommen rechnerisch fast zwei Bewerber.

"Das ist furchtbar, Hoyerswerda veraltet immer weiter. Wir Jungen haben hier kaum noch eine Chance", sagt Sarah Stötzner.

Karaoke und süße Cocktails gegen den Abschiedsschmerz

Mittlerweile ist es Abend geworden. Über den fast menschenleeren Marktplatz geht es zum "Ambiente". Ein kleiner Pub mit chilliger Wohnzimmeratmosphäre und rot bemalten Wänden.

Sarah Stötzner kommt, um Abschied von ihrer Freundin Susi zu feiern. Die fliegt in zwei Tagen nach Lettland. Freundin Candy zieht es wenig später nach Chile und Christina nach Kanada. Gegen Abschiedswehmut helfen süße Cocktails. Die Abiturientinnen singen Karaoke zu Jennifer-Lopez-Hits oder alte West-Schlager aus den Tagen, als die Mauer noch stand.

Hoyerswerda aufzugeben, es fällt ihnen allen schwer. Es ist ihre Heimat, auch wenn Plattenbauten-Siedlungen trostlos wirken, das Freizeitangebot überschaubar ist und viele in ihrem Freundeskreis schon Probleme mit erstarkenden Skinhead-Gruppen hatten. "Aber ich bin hier aufgewachsen. Hoyerswerda wird mir fehlen. Es gibt so viele schöne Seiten, und Menschen, die sich für ihre Region einsetzen. Trotz Rückbau gibt es eben auch viel Aufbau. Schade, dass die Stadt keine bessere Chance bekommt", meint Sarah Stötzner.

Wann Sarah, Susi, Candy und Christine wieder so zusammen feiern werden? Vielleicht bei einem Klassentreffen in der "alten Heimat", die neue Heimat wird dann vielleicht München sein, oder Stuttgart. Dort, wo die Arbeitslosenquote einen Bruchteil der von Hoyerswerda beträgt.

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