Von Anna Reimann

Hamburger SPD-Kandidat Ilkhanipour: "Überzeugen Sie doch noch mal zwei Nachbarn, die SPD zu wählen!"
"Wir brauchen nicht Migranten, die nur deshalb in die Politik kommen, weil sie eben Migranten sind. Was nützt uns jemand im Bundestag, der nicht in der Partei verankert ist, nicht gut genug Deutsch kann? Wir brauchen Leute, die sich auch in anderen Themen vernetzen können", sagt auch Cem Özdemir.
In einem Café in der Hamburger Innenstadt sitzt Aydan Özoguz, sie hat türkische Eltern, auch sie wurde in Deutschland geboren. Wenn Ilkhanipour und ein weiterer Direktkandidat in Hamburg den Wahlkreis verlieren, steigen theoretisch ihre Chancen, in den Bundestag einzuziehen. Die Hamburger SPD hat die 42-Jährige auf Listenplatz zwei gesetzt. "Natürlich ist aber meine erste Priorität, dass die SPD in Hamburg alle sechs Wahlkreise gewinnt", sagt die ehemalige Bürgerschaftsabgeordnete. Dennoch - die wenigen Migranten, die die Parteien auf aussichtsreichen Listenplätzen positioniert haben - treten auch noch ungewollt zueinander in Konkurrenz. Das ist fast schon tragisch.
Özoguz arbeitet als Projektkoordinatorin für die Körber-Stiftung, sie betreut das Netzwerk von Mandatsträgern mit Migrationshintergrund - ihre Liste mit den Namen derer, die neu in den Bundestag einziehen könnten, ist kurz.
Woran liegt es? "Früher wurden Migranten von den Parteien in die Vitrine gestellt, um für Stimmen zu werben. Die junge Einwanderergeneration aber ist selbstbewusster und dadurch eine ernsthafte Konkurrenz. Die Parteien scheuen sich, sie aufzustellen, weil sie jetzt eine eigene Meinung haben und nicht mehr alles schlucken", sagt der Grünen-Kandidat Mutlu. Sein Parteikollege Özdemir hat noch eine andere Erklärung: "Es ist auch schwierig, geeignete Kandidaten zu finden - aus der ersten Generation sind viele eher über ihre Heimatländer politisiert, oder sie können nicht gut genug Deutsch", so Özdemir. Migranten der zweiten und dritten Generation hingegen wollten im Beruf Karriere machen. Aber die Parteien müssten auch gezielter fördern.
"Die Zeit türkischstämmiger Politiker ist noch nicht gekommen"
Gefördert worden, das sei sie von der SPD, sagt Aydan Özoguz. Auch deshalb, weil sie Migrantin und Frau sei. Sie wisse aber, dass das bei manchem Kollegen und mancher Kollegin durchaus anders aussieht. Daran, dass auch Menschen mit ausländischem Namen politisch interessiert und fähig sind - und das nicht nur in der Integrationspolitik - "daran müssen sich viele in diesem Land noch gewöhnen", so die Hamburgerin.
Noch hat sie fast nur positive Reaktionen aus der türkischen Community bekommen. "Das ist am Anfang wichtig, wenn man sich allein auf weiter Flur fühlt. In den Generationen nach mir gibt es dann auch unter den Migranten in der Politik mehr Konkurrenz", hofft sie.
Ilkhanipour und Özoguz sind beide in einer Partei, in der Migranten relativ gute Möglichkeiten haben. Davon, wie schwer es in der CDU ist, als türkischstämmiger Deutscher aufzusteigen, weiß Bülent Arslan ein Lied zu singen. Arslan hat in Nordrhein-Westfalen das Deutsch-Türkische Forum der Union gegründet - als Bundestagskandidat wurde er nie auf einem vorderen Listenplatz aufgestellt.
Wie Migranten die Sonntagsfrage beantworten
Die geringe Leidenschaft der Union spiegelt sich in deren Wählerschaft wieder: Im März dieses Jahres hat das Berliner Marktforschungsunternehmen "Data 4 U" erstmals türkischstämmigen Deutschen die Sonntagsfrage gestellt - das Ergebnis für die CDU fiel äußerst mager aus:
Einer aktuellen Befragung des Islam-Archivs in Soest zufolge würden gar nur vier Prozent der Muslime in Deutschland die CDU wählen.
Und es hat sich offenbar wenig geändert in seiner Partei: "Es gibt bei den Bundestagswahlen keinen aussichtsreichen Unionskandidaten, der aus einer Einwandererfamilie kommt", sagt Arslan. Dennoch - auch in der CDU würde das Thema in den Vorrunden zu den Nominierungen stärker diskutiert als früher. "Aber dann kämpft jeder wieder um seinen Platz. Die Zeit türkischstämmiger Politiker ist noch nicht gekommen."
Der wahre Durchbruch wäre allerdings, wenn überhaupt nicht mehr zwischen Migranten und Nichtmigranten unterschieden wird. Denn das Ziel, das müsse eine Gesellschaft sein, sagt Cem Özdemir, die auf Farben gar nicht mehr achtet.
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