Von Lisa Erdmann
Es sind zwölf Standorte in elf Bundesländern, an denen Sozialarbeiter, Jobvermittler und Pädagogen seit Monaten die Köpfe zusammenstecken. Das Ziel: Die ausgewählten Organisationen sollen im Laufe eines Jahres Ideen entwickeln, wie es für Alleinerziehende einfacher wird, eine Arbeit aufzunehmen. Es geht um Kinderbetreuung, Qualifizierungsmaßnahmen und Coaching der Betroffenen.
Aber es geht auch darum, Arbeitgebern in Beratungsgesprächen die Scheu davor zu nehmen, Alleinerziehende einzustellen. "Arbeitgeber haben ganz klassische Vorurteile", berichtet Nina von Ohlen, Diplom-Pädagogin beim Träger des Projektes "In Via Hamburg". "Die denken, 'So ne Mutti mit Kind, die fällt ja dauernd aus'. Wir wollen ihnen den Ansatz vermitteln: 'Wie kann ich eine Alleinerziehende besonders gewinnbringend einsetzen?'"
Das Potential unter den Alleinerziehenden für den Arbeitsmarkt ist groß. Es sind rund 1,6 Millionen - darunter 90 Prozent Frauen. Sie betreuen 2,18 Millionen Kinder. Seit den siebziger Jahren hat sich die Zahl der Alleinerziehenden-Haushalte verdoppelt, mit weiter steigender Tendenz.
Das Problem: Familien mit nur einem Elternteil sind überdurchschnittlich häufig von einem Armutsrisiko betroffen. Das gilt nach Angaben des Bundesfamilienministeriums besonders für Alleinerziehende mit mehreren Kindern oder mit kleinen Kindern unter drei Jahren. Insgesamt sind demnach 800.000 Kinder von Alleinerziehenden von Armut bedroht. 41 Prozent der betroffenen Familien leben von Arbeitslosengeld I oder II. Selbst von den Berufstätigen unter ihnen sind 24 Prozent auf zusätzliches Geld vom Arbeitsamt angewiesen, weil ihr Lohn zu niedrig ist.
Dabei sind die Einzelkämpfer im Schnitt nicht schlechter ausgebildet als die Familien mit zwei Elternteilen. Lediglich in der Gruppe der Mütter ohne Berufsausbildung liegen die Alleinerziehenden mit 25 Prozent etwas vor den Gemeinsamerziehenden mit 21 Prozent. So lobte denn die damalige Familienministerin Ursula von der Leyen die Alleinerziehenden beim Start des Projekts als überdurchschnittlich motiviert. "Weil sie den Alltag mit Kindern alleine meistern müssen, haben sie aber häufig Schwierigkeiten, eine passende Arbeit zu finden."
"Jahre in der Arbeitslosigkeit dämpfen das Selbstbewusstsein"
"Vereinbarkeit für Alleinerziehende" soll nun Netzwerke schaffen. Jeder der zwölf Standorte wird mit 40.000 Euro gefördert - keine Riesensumme. Das Vorhaben läuft im Alltagsbetrieb quasi nebenbei. Was unter anderem auch zu Kritik vom Bundesverband alleinerziehender Mütter und Väter geführt hat. Peggi Liebisch, Geschäftsführerin des Verbandes, sprach im Sommer von "Schaumschlägerei kurz vor den Wahlen". "Das Projekt zielt nicht darauf ab, Alleinerziehende wirklich aus der Arbeitslosigkeit und aus Hartz IV herauszuholen." Stattdessen würden lokale Organisationen unterstützt, "die die Ministerin kennt, die uns bisher aber auch nicht geholfen haben".
Bei "In Via", einem Verein für Mädchen- und Frauensozialarbeit im Verband der Caritas, stehen vor allem die jungen alleinerziehenden Mütter im Mittelpunkt. "Wir wollen alle relevanten Ansprechpartner an einen Tisch bekommen", sagt Nina von Ohlen, von "In Via Hamburg". Sie will Arbeitsagentur, Kitas, Lehrer, Arbeitgeber, Hebammen mit einbeziehen. Ihr schwebt unter anderem vor, dass es bis zum Frühjahr, wenn die Zeit für das Unterfangen abgelaufen ist, eine zentrale Anlaufstelle für die Betroffenen gibt. "Es gibt bereits viele einzelne Leistungen für Alleinerziehende, aber zu wenig Schnittpunkte", moniert sie.
Die Mütter und Väter müssen derzeit häufig einen regelrechten Ämtermarathon hinlegen, bevor sie eine Arbeit annehmen können. Oft sind das mindestens die Arbeitsagentur, das Jugendamt, Kitas, das Sozialamt. Ein einzelner Ansprechpartner, bei dem alle Stränge zusammenlaufen, senke vor allem für junge Frauen und für Alleinerziehende mit Migrationshintergrund die Hemmschwelle. "Sprachprobleme oder mehrere Jahre in der Arbeitslosigkeit dämpfen häufig das Selbstbewusstsein", berichtet von Ohlen aus ihrer Erfahrung. "Deshalb muss die Rückkehr in den Arbeitsmarkt so einfach wie möglich gestaltet werden." Drei Jahre Erziehungszeit seien vor allem für die schwierig, die keine Ausbildung haben. "Die brauchen sofort Unterstützung, damit sie dem Arbeitsmarkt nicht verloren gehen - am besten schon in der Schwangerschaft."
"Die Bürokratie treibt einen an die Grenzen"
Es sind jedoch auch organisatorische Probleme, die Alleinerziehenden das Arbeiten schwer machen. Kitas oder Horte, die vor 8 Uhr oder nach 16 Uhr geöffnet haben, sind nicht sehr weit verbreitet. Für viele Berufe sind solche Zeiten ein Killerargument. "Es gibt im Betreuungsbereich zu wenige Ressourcen, die bestehenden Strukturen zu verändern", sagt von Ohlen. "Häufig genug treibt einen aber auch einfach die Bürokratie an die Grenzen." So bemängelt sie festgelegte Rahmenbedingungen bei Qualifizierungsmaßnahmen, die für Alleinerziehende nicht zu schaffen sind. So gebe es etwa viel zu wenige solcher Ausbildungen, die in Teilzeit angeboten werden.
Trotzdem glauben sie und ihre Mitstreiter an den anderen elf Standorten an den Erfolg des Projekts. "Wir haben die Möglichkeit, die Zielgruppe positiv zu besetzen", glaubt von Ohlen. Alleinerziehende hätten ein ausgeprägtes Organisationstalent. "Da schlummert ein riesiges Potential."
Auf anderen Social Networks posten:
Sorry, aber ich mag diesen verbalen Müll von s.g. "Dipl.-Soz.-Päd.Innen" nicht mehr lesen. Diese und ihre Kolleginnen haben genug Unrat über dieses Land gebracht. mehr...
Mir scheint, die Genossin Ministerin hat den Bezug zur Realität verloren und verwechselt Ursache mit Wirkung. Die Powerfrauen entscheiden sich doch gerade für eine Karriere als „Heldin des Alltags“, weil sie eben keinen Bock auf [...] mehr...
Erfolgreiche Modelle aus dem AUSLAND? Nicht in Deutschland! Da muß unbedingt was eigenes her. Vor allem müssen erstmal tausende von Politik- und Sozialwissenschaftlern die hier geltenden Bedingungen und evtl. anfallenden [...] mehr...
Ich finde schon den Begriff "Alleinerziehende/r" in den meisten Fällen nicht gerechtfertigt. Das klingt, als seien der-/diejenige und sein/ihr Kind vom Ex-Partner komplett allein gelassen. Auch wenn mein Kind seinen [...] mehr...
Rasend schnell unsere Politik. Mir wird schwindlig. Wovor sollten wir noch Angst haben, wenn wir solche Blitzmerker haben? Ein Tipp an die herrschende Kaste: Manchmal hilft ein Blick zu den Nachbarn. Nur ein klitzekleiner. Tut [...] mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Deutschland | RSS |
| alles zum Thema Arbeitsmarkt | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH