SPIEGEL ONLINE: Vor 25 Jahren wären Sie mit Ihrer Forderung nach Mythen für den Zusammenhalt des Landes des Völkischen verdächtigt worden.
Münkler: Es war ja auch sinnvoll, nach einer Zeit wie dem Dritten Reich mit seiner totalen Mythenhypertrophie die Nation für eine Zeitlang in Quarantäne zu schicken. Natürlich bergen Mythen auch Gefahren, denn sie geben den Ahnen ungeheure Macht über die Gegenwärtigen. Sie vereinfachen, blenden aus und emotionalisieren. Diese Kräfte können auch in die falsche Richtung gelenkt werden, nicht nur von Diktatoren. Das hat man beim ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush gut beobachten können. Der konnte sein Land nur deshalb so gut für den Kampf gegen den Terror mobilisieren, weil er an das Freiheitsgefühl der Amerikaner appellierte.
SPIEGEL ONLINE: Wann hat denn diese Sehnsucht nach Mythen bei Ihnen eingesetzt?
Münkler: Von Sehnsucht würde ich nicht sprechen, eher von Diagnose. Ich habe mich mit der Thematik ab den späten 1980er Jahren beschäftigt, auch eher zufällig. Ich sollte zu den Ideen eines Dramaturgen einen Text schreiben. Daraus ist ein kleines Büchlein geworden, "Siegfrieden. Politik mit einem deutschen Mythos".
SPIEGEL ONLINE: Damals war das noch ein quasi historisches Thema für Sie?
Münkler: Im Vorfeld der Agenda 2010 ist mir klar geworden, wie dringend ein solches Reformprojekt auf motivierende Erzählungen angewiesen war, um in der Bevölkerung, vor allem aber in der Anhängerschaft der SPD Unterstützung zu finden. Es ist unheimlich schwer, Menschen für eine Serie von Streichungen und Kürzungen zu begeistern. Also kam es darauf an, damit Perspektiven und Hoffnungen zu verbinden, plus einer Geschichte, wo so etwas geklappt hat. Das habe ich damals auch mit dem Chef des Kanzleramts Frank-Walter Steinmeier diskutiert. Wir sind leider zu keinem vernünftigen Ergebnis gekommen.
SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie denn einen Vorschlag?
Münkler: Wir haben gemeinsam verschiedene Überlegungen durchgespielt. Den ehemaligen SPD-Wirtschaftsminister Karl Schiller kennt heute kein junger Mensch mehr. Und Ludwig Erhard hat zwar vor dem Wirtschaftswunder den Deutschen mit einer Währungsreform auch extrem viel zugemutet - aber mit einem CDU-Mann können Sie ja kaum ein SPD- Vorhaben bewerben. Also beschloss die Regierung Schröder, aus der Not eine Tugend zu machen und dem Ganzen einen technokratischen Namen zu geben.
SPIEGEL ONLINE: 2010 hörte sich an wie eine Aktennummer.
Münkler: Man hat darauf gesetzt, dass diese Technisierung dem Ganzen den Nimbus des Machbaren verleiht. Das hat das Projekt aber nur mit einer Fülle von Problemen belastet, die dann letzten Endes zur Abspaltung eines Teils der Sozialdemokratie geführt hat. Es fehlten die Emotionen, das Gefühl, die Begeisterung. Die Menschen müssen wissen, wofür sie sparen, zurückstecken, den Gürtel enger schnallen. Es muss eine Idee geben, eine Vision, die einem auch nicht verloren geht, wenn eine Krise viele Jahre dauert. Den Aufstieg von Obama, muss ich gestehen, habe ich mit einem gewissem Neid verfolgt.
SPIEGEL ONLINE: Aber ist der Rückgriff auf Nationalmythen wirklich der richtige Weg in einer Zeit, in der es vermehrt globaler Zusammenarbeit bedarf? Die Besinnung auf das national Verbindende kann auch dazu führen, dass man sich als Volk abgrenzt.
Münkler: Grenzen zu ziehen, ist eine Kunst. Diese Fähigkeit wird in der Politik viel zu wenig gewürdigt. Ich glaube, sie ist notwendig im Sinne dieser schönen Beobachtung des Politikwissenschaftlers Karl Deutsch, dass "ein Auto umso schneller fahren kann, je besser seine Bremsen sind." Man kann umso intensiver kooperieren, je klarer man weiß, wie weit man gehen will. Entgrenzung dagegen kann schnell bedeuten, dass keiner mehr weiß, wer er ist, was er will und woher er kommt. Das ist gefährlich für jede Zusammenarbeit.
SPIEGEL ONLINE: Die Aufklärung wollte erreichen, dass Menschen ihrer Vernunft folgen und nicht irgendwelchen Mythen. Sind Sie ein Anti-Aufklärer?
Münkler: Nein. Die Aufklärung, von der Sie sprechen, ist selbst ein Mythos. Vielleicht ist sie sogar der stärkste Mythos, den wir in Europa in den vergangenen 200 Jahren hatten.
SPIEGEL ONLINE: Herr Münkler, wir danken Ihnen für das Gespräch.
Das Interview führten Jan Fleischhauer und Caroline Schmidt
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