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10.08.2009
 

Terror-Prozess

Sauerland-Anführer schildert Fluchtpläne der Zelle

Aus Düsseldorf berichtet Yassin Musharbash

Die Bomben wollten sie per Handy zünden, ein Einkaufsbummel zum Tatzeitpunkt sollte als Alibi dienen: Bei seinem umfangreichen Geständnis im Düsseldorfer Terror-Prozess hat der Hauptangeklagte der Sauerland-Zelle Details der Anschlagsplanung geschildert. Nur mit Reue tat sich Fritz Gelowicz schwer.

Wäre alles so gekommen, wie Fritz Gelowicz und seine Mitverschwörer es sich vorgestellt hatten, wären sie nicht entdeckt und beim Sprengstoff-Testkochen im Sauerland festgenommen worden und würden sie nun nicht als Angeklagte vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf aussagen - was wäre dann geschehen?

Womöglich Folgendes: Eine Reihe von Sprengsätzen hätte Deutschland erschüttert, wahrscheinlich Anfang Oktober 2007, passend zur Bundestagsabstimmung über das Afghanistan-Mandat. Zu den Zielen hätten vermutlich von US-Soldaten frequentierte Diskotheken gehört, eventuell hätte es aber auch - als "Warnung an die deutsche Bevölkerung" - Sprengsätze in Parkhäusern verschiedener Flughäfen gegeben.

Die Ermittler hätten umgehend nach den Attentätern gesucht, und womöglich hätten sie auch Spuren gefunden, die zu Fritz Gelowciz, Adem Yilmaz, Daniel Schneider und Attila Selek geführt hätten. Bloß dass die drei Letztgenannten dann schon längst im Ausland gewesen wären. Die Bomben hätten sie per Handyanruf gezündet - und Fritz Gelowicz wäre sicher gegangen, zum Zeitpunkt der Explosionen zum Beispiel beim Einkaufen zu sein, um sich ein Alibi zu verschaffen.

So war es, zumindest zeitweise, geplant.

Diese und andere neue Erkenntnisse über die Aktivitäten der Sauerland-Zelle verdankt die Öffentlichkeit Fritz Gelowicz, dem Hauptangeklagten und Rädelsführer der Gruppe. Denn im Hochsicherheitstrakt des Oberlandesgerichts Düsseldorf hat die Zeit der Geständnisse, des Auspackens, der Rekonstruktion des vermutlich verheerendsten Terroraktes begonnen, der je in Deutschland geplant wurde.

Alle vier Angeklagten sind geständig und haben in den vergangenen Wochen gegenüber Beamten des Bundeskriminalamtes bereits über 1100 Seiten Aussagen gemacht. An diesem Montag wurden die Geständnisse nun offiziell in das Hauptverfahren eingeführt - und Fritz Gelowicz stand als erster Rede und Antwort.

Insgesamt vier Stunden lang und nur von Pausen unterbrochen erzählte er detailliert, was zwischen dem Januar 2005 - als auf einer Pilgerfahrt nach Mekka sein Entschluss reifte, in den Krieg zu ziehen - und September 2007 geschah, als er festgenommen wurde.

"Der Anführer, das war ich"

Etliche Details sind bereits bekannt: Es ist im Wesentlichen die Geschichte von vier jungen, radikalisierten Muslimen, die in den bewaffneten Dschihad ziehen wollten. Irak, Tschetschenien, Afghanistan - wohin, das war für sie zweitrangig. Dass sie schließlich, nach einem strategisch geplanten Studienaufenthalt in Damaskus, eine Möglichkeit fanden, im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet eine Terrorausbildung bei der "Islamischen Dschihad-Union" (IJU) zu absolvieren, war mehr oder weniger Zufall.

Sie hätten auch in Tschetschenien landen und sterben können; so aber gelangten sie an eine Terrorgruppe mit Ambitionen. Diese Ambitionen bestanden darin, dass die deutschen Rekruten gedrängt wurden, in Europa einen Terroranschlag durchzuführen, statt am Hindukusch zu kämpfen.

Es wäre vorstellbar gewesen, dass die deutschen Dschihad-Adepten dieses Ansinnen ablehnen. Das taten sie aber nicht, wie Gelowicz nun vor Gericht noch einmal ausführlich schilderte. Zwar setzten sie durch, dass sie wenigstens einmal über die Grenze nach Afghanistan durften, wo sie dann etwa US-Militärbasen ausspähten. Aber danach kehrten sie, wie von der IJU gewünscht, nach Deutschland zurück und begannen unmittelbar mit der Planung von Anschlägen.

Gelowicz gestand an diesem Montag, er sei für diesen Auftrag zum Anführer bestimmt worden: "Der Anführer, der Emir, das war ich." Ihr Auftrag habe vorgesehen, US-Soldaten zu töten, und zwar "nicht zwei oder drei, sondern viele". Außerdem geplant: "Ein Zeichen für die deutsche Bevölkerung, als allerletzte Warnung, ihre Truppen aus Afghanistan und Usbekistan abzuziehen." Nur Kinder, betont Gelowicz, hätten sie auf keinen Fall treffen wollen.

Ohne Stocken, ohne Ähs, ohne sichtbare Regungen ließ Gelowicz die Tatvorbereitungen noch einmal Revue passieren: Wie er mit falschen Papieren, frisiertem Aussehen, Bargeld und allerlei konspirativen Methoden Wasserstoffperoxid für die Sprengstoffproduktion besorgte, eine Lagerstätte, eine Ferienwohnung zum Bombenbau.

Seine Ausführungen bieten ein etwas präziseres Bild davon, wie "lose" die Terrorzelle über Strecken funktionierte. So habe Attila Selek noch im IJU-Lager Skepsis geäußert, was den Anschlagsplan anging. Gelowicz bezichtigt sich selbst, seinen Kompagnon überredet und "hineingezogen" zu haben. Nach dieser Einflussnahme "hat er dann zugestimmt, uns zu helfen in Deutschland." Den Treueeid auf die IJU und die Operation in Deutschland verweigerte Selek jedoch als Einziger. Später kontaktierte er Gelowicz und sagte diesem, er wolle aussteigen. Kein Problem, will Gelowicz geantwortet haben - stimmte seinen Mitverschwörer dann aber doch wieder um und setzte ihn als Verbindungsmann für die Zünderbeschaffung in der Türkei ein.

Frage nach Reue gezielt ausgewichen

Auch Daniel Schneider sei nicht immer fester Bestandteil der Gruppe gewesen, behauptete Gelowciz. Schneider sei nicht wirklich eingeplant gewesen, die IJU habe ihm, Gelowicz, eine E-Mail geschickt, dass Schneider nicht wiederkomme. Dann aber kam er doch - und machte mit. Trotzdem rechnet Gelowicz nur sich selbst und Adem Yilmaz zur eigentlichen Zelle, so suggerierte er es in seiner Aussage.

Ein brisantes Thema, das den Senat sicher noch öfter beschäftigen wird, streifte Gelowicz an diesem Montag bloß: Die Rolle beziehungsweise das mögliche Mitwissen des türkischen Geheimdienstes. So habe der Türke Mevlüt K., der bei der Zünderbeschaffung half, dem Selek die Namen der anderen Zellenmitglieder genannt: Er kenne sie, weil er aus seinen Geheimdienstquellen wisse, dass die deutschen Behörden nach diesen Personen suchten. Selek sei daraufhin schockiert gewesen und habe Gelowicz alarmiert.

Der wiederum hatte auch schon gemerkt, dass er observiert wurde - ebenso wie Yilmaz und später Schneider. Weil sie die Beschattung aber als so amateurhaft empfanden, löste sie Gelowicz zufolge einen unvorhersehbaren Effekt aus: Die Mitglieder der Zelle fühlten sich nach dem zeitweisen Abbruch der Observation besonders sicher - weil sie überzeugt waren, sie würden es merken, wenn die Beschattung erneut begänne.

Es war spät am Montagnachmittag, als Gelowicz mit seinen Ausführungen an ein vorläufiges Ende kam. Der Vorsitzende Richter Otmar Breidling beließ es für diesmal bei nur wenigen Nachfragen, am Dienstag will er ins Detail gehen. Die Fragen, die er stellte, hatten teils eine klare Stoßrichtung: Der Richter wollte wissen, ob Gelowicz bereue.

Die Antwort einzuschätzen machte Gelowciz den Prozessbeteiligten wiederum nahezu unmöglich. Auf der einen Seite sagte er, er würde es "nicht noch einmal tun", und dass er seine Zukunft "anders gestalten wolle". Auf der anderen Seite wich er der Frage nach Reue gezielt aus: Reue, das sei etwas, das er nur mit sich und Gott auszumachen habe. Dass die Anschläge nicht geklappt hätten, sei Gottes Wille - den er akzeptiere.

Sauerland-Terrorprozess

Die Gruppe

Vor dem Oberlandesgericht in Düsseldorf mussten sich vier Mitglieder der terroristischen Sauerland-Gruppe verantworten. Es handelt sich um den zum Islam konvertierten Deutschen Fritz Gelowicz, den Neunkirchener Daniel Schneider, den Deutsch-Türken Attila Selek und den türkischen Staatsbürger Adem Yilmaz. Gelowicz und Schneider erhielten eine Haftstrafe von jeweils zwölf Jahren, der türkische Staatsbürger Yilmaz wurde zu elf Jahren Haft verurteilt. Als Helfer des Trios muss der Deutsch-Türke Selek fünf Jahre hinter Gitter.

Die Angeklagten hatten vor Gericht zugegeben, im Auftrag der Islamischen Dschihad Union (IJU) in Deutschland Anschläge geplant zu haben. Die IJU unterhält auch Kontakte zum Terrornetzwerk al-Qaida.

Der Plan

Die Festnahme

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