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Streit um Erinnerungskultur SED-Opferverband protestiert gegen Show-Grenzsoldaten

Theaterblut am Potsdamer Platz: Opfer der SED-Diktatur haben in Berlin Erschießungen von DDR-Flüchtlingen nachgespielt. Um für ein Verbot von SED-Symbolen zu demonstrieren und gegen Studenten zu protestieren, die sich für Touristen als Grenzsoldaten verkleiden.

Berlin - Schüsse. Menschen fallen zu Boden - aber das Blut ist nicht echt. Rund vierzig Mitglieder der Vereinigung "Opfer des Stalinismus" erinnern vor den Mauerresten am Potsdamer Platz an die Verbrechen der SED-Diktatur. Aber es bleibt nicht beim Erinnern, sie protestieren auch: gegen eine Gruppe verkleideter Studenten, die ein paar Meter weiter steht - und die aus ihrer Sicht die SED-Opfer verhöhnt.

Erinnerung an die Mauertote: 136 Flüchtlinge wurden erschossen.Zur Großansicht
DDP

Erinnerung an die Mauertote: 136 Flüchtlinge wurden erschossen.

Die Studenten tragen russische Uniformen. Manchmal spielen sie auch Grenzsoldaten und stellen neben einer wehenden DDR-Fahne Visa zur Ausreise in den Westen aus. Dabei informieren sie die Touristen über die deutsche Geschichte. Ein paar Kinder lachen, weil die Soldaten so ernst gucken, aber so lustig aussehen.

In diese friedliche Szenerie platzen am Donnerstag die Schüsse der Demonstranten. Menschen liegen scheinbar blutend am Boden. Dann verliest ein Sprecher die Namen der 136 Menschen, die während des SED-Regimes an der Mauer erschossen wurden. Und die Studenten in ihren Uniformen ernten plötzlich böse Blicke von Touristen und Passanten.

"Es ist für uns unerträglich, dass die da verkleidet stehen und lustig Visa verteilen", sagt Mario Röllig, Landesvorsitzender der Vereinigung "Opfer des Stalinismus". "Die SED war eine schreckliche Diktatur, deshalb müssen SED-Symbole verboten werden - Nazi-Symbole wie Hakenkreuze sind schließlich auch nicht erlaubt", sagt er.

Röllig hatte zu DDR-Zeiten versucht zu fliehen. Erfolglos. Er musste ins Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen. Licht an. Licht aus. Licht an. Licht aus. "So war das jede Nacht - sie haben uns gequält", erinnert er sich. "Was die Studenten da drüben veranstalten ist wirklich eine Verhöhnung der Opfer".

Die packen mittlerweile ihre Sachen. "Das ist uns zu blöd", sagt Stefan. Sein Kollege Philipp fügt hinzu: "Wir werden hier nur angepöbelt." Ihre Nachnamen wollen sie nicht nennen, weil sie Angst haben, als "die Bösen" dazustehen. "Dabei wollen wir die Touristen hier einfach nur über die deutsche Geschichte informieren", sagt Stefan, der Politik studiert. Er wolle die Verbrechen der SED-Diktatur nicht verharmlosen, sondern zu einer "Erinnerungskultur jenseits der Verbitterung" beitragen, sagt er.

"Ich glaube, dass vor allem Kinder sich viel mehr für etwas interessieren, wenn ihnen ein verkleideter Grenzsoldat konkret was zeigt - zum Beispiel ein Visum mit einem Stempel - und ihm dann die Hintergründe erklärt. Das ist doch besser als jede Info-Stellwand oder als Schulbücher", findet er.

Viele Eltern würden sich bei ihnen bedanken, vor allem ausländische Eltern - denn die Studenten sprechen unter anderem Türkisch und Polnisch. "Auch ein Vorteil, denn die meisten Infos sind neben Deutsch nur auf Englisch", sagt Stefan.

Sein Kollege Philipp nickt. Er komme aus einer Familie, der die SED-Diktatur große Probleme bereitet habe. Auch er wolle nichts beschönigen. Er verstehe nur nicht, warum Deutschland "so verbittert mit seiner Geschichte umgehe". SED-Symbole solle man nicht verbieten - sondern sich mit ihnen auseinandersetzen.

Die Demonstranten wollen sich nicht mit Hammer, Zirkel und Ährenkranz auseinandersetzen. Für sie sind das Symbole einer Zeit, in der sie gelitten haben. Unter Todesangst. Unter dem Verlust von geliebten Menschen.

Die Liste der Flüchtlinge, die an der Mauer erschossen wurden, ist fast verlesen. Noch ein letztes Mal schallt ein Name eines Mauertoten über den Potsdamer Platz. Dann ist es still.

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