Von Philipp Wittrock
Berlin - Angela Merkel sitzt im struppigen Gras, in weißer Hose und blauem Blazer lehnt sie an einer alten Erle. Hinter ihr liegt ein kleines Ruderboot im dunkelgrünen Wasser des Bruchsees, über den Bäumen ziehen Schönwetterwolken am blauen Himmel von Brandenburg vorbei. Der Blick der Kanzlerin - irgendwo zwischen verschämter Wehmut und fröhlicher Verklärung.
Entspannt sieht das aus, nicht, als seien in wenigen Wochen Bundestagswahlen. Dass die Kanzlerin den Wahlkampf bislang im Stand-by-Modus führt, haben schon einige beklagt. Scheinbar in aller Seelenruhe lässt sie derzeit alle Attacken an sich abprallen, will sich auf keinen Schlagabtausch mit ihrem SPD-Herausforderer Frank-Walter Steinmeier einlassen. Langweilig finden denn auch die weitaus meisten Deutschen das Duell bislang, wie eine Umfrage gerade erst ergab.
Doch ganz untätig ist die CDU-Chefin nicht. Statt sich zu streiten, versucht die Kanzlerin im Moment nachzuholen, was sie in den vergangenen Jahren möglicherweise etwas vernachlässigt hat. "Sie arbeitet sozusagen an ihrer Menschwerdung", sagt einer aus dem CDU-Präsidium - in Interviews und seltenen Einblicken in ihr Privatleben und ihre Biografie.
Die erste Zigarette, der erste Kuss
Das Foto aus der Uckermark, erschienen am vergangenen Wochenende in der "Bild am Sonntag", gehört dazu. Es wirkt wie ein Gemälde, eine perfekte Inszenierung. "Reise nach Angeland" hat die Zeitung darüber geschrieben, ein Besuch in der Heimat der Bundeskanzlerin, die Regierungschefin hautnah und ganz privat, so, wie man die mächtigste Frau der Welt sonst nicht kennt. Mensch Merkel.
Hier am Bruchsee, ist da zu lesen, "mit seinen blickdichten Algengewächsen, den Haubentauchern und den angesiedelten Bibern", schwelgt Merkel in Kindheitserinnerungen. Hier war sie an Sommertagen mit den Freunden oder Eltern so oft baden. Angela Merkel ist zwar in Hamburg geboren, die meiste Zeit ihrer Kindheit verbrachte sie jedoch in Templin, wo ihr Vater Horst Kasner ein Pastoralkolleg leitete.
"Kasi" nannten ihre Schulkameraden die kleine Angela Dorothea, die nun in der "BamS" erzählt, wie sie als Mädchen Blaubeeren pflückte, "bis die Fingerkuppen tiefschwarz waren", wie sie mit deren Verkauf ihr Taschengeld aufbesserte. Sie erzählt von ihrer ersten Zigarette mit 14, vom ersten Kuss mit 16.
"Lebensfähige" Kanzlerin
Sicher, auch früher schon hat Merkel hier und da Privates preisgegeben, häppchenweise. Doch nun scheint es, als könne man in diesen Tagen über die sonst so distanziert wirkende Regierungschefin, die nur wenige enge Vertraute an sich heran lässt, mehr erfahren, als in den gesamten vergangenen Jahren ihrer Kanzlerschaft. Angela Merkel, die Mutter der Nation, legt plötzlich öffentlich Wert darauf, dass sie noch persönlich einkaufen geht, morgens das Frühstück macht und am Wochenende am Herd steht. Auch wenn das manchmal etwas hölzern klingt: Sie sei auch als Kanzlerin sehr wohl "lebensfähig und lebenstauglich", gibt sie im aktuellen "Focus" zu Protokoll.
Schon in der vergangenen Woche verriet die 55-Jährige in der Frauenzeitschrift "Myself", dass sie sich im Kanzleramt nachmittags oft "einen Teller Mohrrüben" kommen lasse, weil sie nicht so gerne Obst möge. In "Frau im Spiegel" spricht sie über Gottvertrauen, regelmäßige Tischgebete und Urlaubsträume. Wenn sie mehr Zeit hätte, würde sie gern öfter reisen, zu den Inkawegen in Peru zum Beispiel, mit der Transsibirischen Eisenbahn oder nach Grönland.
"Springt einfach!", rät sie Frauen in dieser Woche in der "Cosmopolitan" zu mehr Selbstbewusstsein. Dazu passend erinnert sie sich in der "BamS", wie sie als Neunjährige im alten Templiner Strandbad einst auf den Drei-Meter-Sprungturm kletterte - und erst nach einer Dreiviertelstunde den Hüpfer in die Tiefe wagte.
An diesem Donnerstag schwärmt sie im "Generalanzeiger" über Beethoven: "Bei ihm geht es mir ähnlich wie bei Wagner: Seine Musik kann ich mir immer wieder neu und anders erschließen." Aber Merkel mag es auch jenseits der Klassik: Ihre erste Schallplatte sei "Yellow Submarine" von den Beatles gewesen, gekauft in Moskau. Auch an einen Auftritt von Robbie Williams im Jahr 2003 erinnert sich die Kanzlerin noch gern: "Sein Konzert auf der Berliner Waldbühne war wunderschön."
Spott von Steinmeier
Pop statt Politik: Für Angela Merkel beginnt die heiße Wahlkampfphase erst im September - wenn überhaupt. Einen Einlull-Wahlkampf haben die genervten Sozialdemokraten der Kanzlerin bereits vorgeworfen, weil sie auf ihre Attacken gar nicht erst reagierte. Merkel verbreite sich lieber über "Kochrezepte", spottete SPD-Spitzenkandidat Steinmeier am Donnerstag auf einem Bildungskongress seiner Partei in Kiel.
Zu laut sollte der Außenminister allerdings nicht lästern. Denn auch er hat längst erkannt, dass er angesichts seines grauen Bürokratenimages Nachholbedarf beim Menschlichen hat. Nicht von ungefähr ist in der am Donnerstag erschienenen "Bunte" eine fünfseitige Steinmeier-Homestory zu finden.
Gemeinsam mit seiner Frau Elke hat sich der Vizekanzler beim Frühstück zwischen Springbrunnen, Sommerflieder und Wandelröschen im Garten in Berlin-Zehlendorf ablichten lassen. Im Gespräch verrät er da auch, dass er im Gegensatz zu seiner Gattin nichts von Kochrezepten hält. Er koche mit Erfahrung: "Wenn mir eine Zutat schmeckt, kann's davon gern ein bisschen mehr sein." Das gilt aus seiner Sicht wohl auch für den Wahlkampf.
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