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26.08.2009
 

Wahlfahrt

Großherzige Hausbesetzer in Halle

Von Ulrike Linzer

Engagierte Bürger in Halle: Schönheitskur für die "Diva in Grau"
Fotos
Sylvie Gagelmann

In Halle erwarten die Bewohner nicht mehr viel von der Politik. Häuser verfallen, vergeblich sucht man öffentliche Parks oder Spielplätze. Doch Anwohner und Studenten übernehmen jetzt selbst Verantwortung - und zaubern einen Gemeinschaftsgarten in die Tristesse.

Wie eine Geisterstadt wirkt der Hallenser Stadtteil Glaucha am Sonntagnachmittag. Tauben gurren hinter zugemauerten Türen und Fenstern. Auf der Straße liegt Müll, in vielen Hausfluren verrotten alte Möbel, aus den Briefkästen quellen Werbebroschüren. Passanten gibt es nicht. Nur eine Frau steht auf der Straße in der Sonne und raucht.

Susanne M. ist 1995 von München nach Halle gezogen. Sie will ihren Nachnamen nicht nennen, wegen der Nachbarn. Die 45-Jährige lebt hier seit zehn Jahren, "ein sehr gemischtes Viertel". Familien und Studenten wohnten hier, aber auch Prostituierte und Zuhälterpack - in Gründerzeitgebäuden, Hochhäusern und Plattenbauten. Der Stadtteil Glaucha gilt als Problemfall, 30 Prozent der Häuser stehen leer, viele müssen saniert werden. Wegen der günstigen Mieten ziehen, wenn überhaupt, sozial schwächere Haushalte hierher.

Susanne M. führt durch das Treppenhaus, zeigt auf Risse in den Mauern, die mit jedem Stockwerk größer werden. An der Tür zum Innenhof hat jemand Schilder angebracht: "Achtung Lebensgefahr". Seit zehn Jahren steht das Nachbarhaus leer, es wurde nichts mehr daran gemacht. Geröll von nebenan liegt im Hof.

"Das ist doch kein Zustand", sagt Susanne M., "aber die Stadt macht ja hier nichts, die ist doch selber pleite." Früher nannte der Volksmund Halle die "Diva in Grau", vor allem die chemische Industrie hatte sich hier angesiedelt. Doch seit der Wende sind 70.000 Menschen weggezogen.

Obwohl schon große Teile der Hochhaussiedlungen aus den siebziger Jahren abgerissen wurden, stehen immer noch 20 Prozent der Häuser leer. In Glaucha sind sogar 30 Prozent verwaist. Hier gibt es kaum noch Geschäfte, keine öffentlichen Orte, an denen sich die Bewohner des Viertels treffen könnten. Vergeblich sucht man nach Parks, Spielplätzen oder einfach nur Bänken. Es fehlt ein Ort zur Kommunikation.

Weg mit dem Geröll, her mit dem Garten

Niemand habe wirklich Interesse, sagt Susanne M., "oder Visionen, wie es weitergehen kann." Sie gibt der Linken ihre Stimme: "Ich bin Protestwählerin." Wie sie fühlen sich viele in Halle von der Politik allein gelassen.

Aus demselben Grund steht Martin Krause zusammen mit etwa 25 Helfern in einer Baulücke. Menschen verschiedener Nationalitäten schaufeln Erde, pflanzen und räumen Geröll beiseite. Kinder tragen Gießkannen voll Wasser zu den künstlich angelegten Teichen. Nur die Hunde liegen faul in der Sonne. Am Abend ist es so weit: Halles erster Stadt- und Bürgergarten wird eröffnet.

Der Garten ist das neueste Projekt des Vereins "Postkult". Mit seiner Initiative will Krause etwas dafür tun, dass Menschen aus dem Viertel sich treffen, miteinander sprechen und etwas Neues entstehen lassen.

Flamenco und Kinderschminken gegen den Verfall

"Wenn man das Gefühl einer Nachbarschaft herstellen will, dann braucht man Orte, wo sich Leute miteinander verbinden und auch etwas zusammen tun", sagt Krause. Sonst funktioniere nichts mehr in einer Gemeinschaft. Sein Verein entstand 2007, als der Student und mit einigen Kommilitonen in einem alten Postamt ein interkulturelles Festival organisierte. Seitdem engagieren sie sich für die Wiederbelebung von leer stehenden Gebäuden durch kreative und soziale Nutzung. Und seit Januar diesen Jahres sogar dafür, ein ganzes Quartier neu zu beleben.

"Glaucha ist ja ein Innenstadtviertel, aber es wirkt wie abgehängt, hier passiert seit langem nichts mehr", sagt Martin Krause - und will dies ändern. "Postkult" hat zwei Treffpunkte geschaffen, an denen diskutiert und getrunken wird, Filme und Ausstellungen gezeigt werden. Im Juni organisierten sie erstmals die "Fête de la Musique" mit Flamencoklängen und Kinderschminken.

An dem Gemeinschaftsgarten haben Vereinsmitglieder, Anwohner und Jugendliche aus ganz Europa im Rahmen eines internationalen Workcamps gewerkelt. In zwei Wochen ist aus einer Baulücke der "Garten für Glaucha" geworden. Er soll Bewohnern offen stehen und für Kindergärten und Schulen ein Ort für Umweltbildung sein, erklärt Martin Krause.

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