Von Franz Walter
Einiges davon war dann in den neunziger Jahren als toskanischer Hedonismus verpönt. Doch Lafontaine wandelte sich und führte als Parteivorsitzender die zuvor schlimm zerstrittene und extrem heterogene Partei geschlossen und diszipliniert in die finale Auseinandersetzung mit Kohl. Durch seine harte Bundesratspolitik zerschmetterte er die Steuerpolitik der damaligen schwarz-gelben Regierung und katapultierte die Sozialdemokraten bekanntlich ins Kabinett.
Jahre später galt er lange als gescheiterter Bundesfinanzminister aus den Anfangsmonaten der Schröder-Regierung. Doch inzwischen hat sich die Interpretation bis weit in die nicht-keynesianische Wirtschaftswissenschaft verändert. Lafontaines Regulierungs- und Koordinierungsprojekte der Finanzpolitik haben eine verblüffende Rehabilitierung erfahren. Und 2005 bewies er abermals Gespür für Gelegenheiten, als er im Frühjahr unter dem Druck der vorgezogenen Bundestagswahlen die damalige WASG und PDS zur Fusion nötigte, auf diese Weise eine bundesweit lebensfähige neue Linkspartei schuf - und im September des gleichen Jahres dadurch die Mehrheit von Merkel und Westerwelle vereitelte. Seitdem sind das klassische Parteiensystem und die überlieferten Koalitionsmechanismen transformiert.
Lafontaine - einer der wenigen Strategen in der deutschen Politik
Eine geringe Leistung ist das nicht. Lafontaine ist unzweifelhaft einer der meistgehassten Politiker der Republik; aber er hat ebenso zweifellos mehr bewirkt und auch politisch-thematisch in Bewegung gesetzt als das Gros seiner Gegner. Aber was will er wirklich? Ist es der große Feldzug zur Vernichtung der Sozialdemokraten, von denen er sich verraten und verlassen fühlt? Oder strebt er die neue Einheit der Linken an, gewissermaßen eine sozialistische Einheitspartei nun auf freiwilliger Basis?
Seine größten Partien spielte Lafontaine, als er den Hegemonisten Kohl erledigte, als er Schröder zur Strecke brachte. Bis spätestens 2013 will er Merkel, Westerwelle und die Rest-Schröder-Truppe vom Spielfeld jagen. Doch: Reicht ihm das, diesem begabten Politiker, der sofort unglücklich oder zumindest gelangweilt wirkt, wenn ihm gelingt, was er sich vorgenommen hat?
Sicher ist Lafontaine einer der wenigen Strategen der deutschen Politik. Er denkt vom Ende her, nicht aus der Situation heraus. 2013 dürfte für ihn ein entscheidendes Datum sein. Bis dahin muss die Republik peu à peu föderal neu aufgestellt werden. Schwarz-Gelb im Bund könnte da aus seiner Perspektive gar nicht schlecht für einen steten Machtwechsel in den Ländern sein, für Rot-Rot in Berlin, im Saarland, in Thüringen, in Brandenburg, später in Mecklenburg-Vorpommern - im Mai 2010, wer weiß, in NRW? Oder hofft Lafontaine doch auf die Große Koalition, denn das könnte die SPD der Aufsteiger-Mitte endgültig zerstören. Welche Linke will er, der bald 70-Jährige? Geht es ihm überhaupt um die Linke?
Man tappt weiter im Dunkeln.
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