Aus Sigmaringen berichtet Lu Yen Roloff
"Bundeswehr raus aus Afghanistan". Das Wahlplakat der Linken hängt direkt am Bahnhof von Sigmaringen, nur 150 Meter von der Cocktailbar Alfons X entfernt. Ein Appell an Bundeswehrsoldaten, die dort an Sonntagabenden auf dem Rückweg zur Kaserne noch einen Absacker trinken.
Sigmaringen, das kleine Hohenzollernstädtchen mit seinen 17.000 Einwohnern, ist Standort des Stabs der 10. Panzerdivision. In dieser Bundeswehr-Einheit sind jene Soldaten beschäftigt, die bei den Auslandseinsätzen in Afghanistan und im Kosovo Minen entschärfen, Einheimische auf der Suche nach Waffen kontrollieren und den zivilen Aufbau militärisch absichern. Insgesamt sind in Sigmaringen 5000 Soldaten stationiert. Die "Bundis", wie man sie freundschaftlich in Sigmaringen nennt, gehören zum alltäglichen Bild: Man trifft sie beim Arzt im Wartezimmer, beim Metzger, mit ihren Kindern beim Turnen. Die Bundeswehr gilt als bestens integriert - und sie ist einer der größten Arbeitgeber in der Stadt.
2010 werden die nächsten Einheiten der 10. Panzerdivision an den Hindukusch gehen, gerade bereiten sie sich auf den Einsatz vor. Gute Voraussetzungen für ein Gespräch mit den Sigmaringern über Afghanistan - hätte man denken können. Doch bei der Pressestelle der Division gibt man sich zugeknöpft: Keine Auskunft in Wahlkampfzeiten, Anweisung aus Berlin. Das ist selbst am Wahlfahrt09-Stand auf dem Leopoldplatz zu merken. Zu Füßen des benachbarten Reiterdenkmals sitzt ein kräftiger junger Mann, dessen Arme mit chinesischen Schriftzeichen tätowiert sind. Wo man die "Bundis" in der Stadt treffen kann? Der 21-Jährige, selbst als Berufssoldat für vier Jahre verpflichtet, gibt sich zurückhaltend: "Es ist schon rumgegangen, dass Sie hier sind. Wir dürfen nichts sagen, nichts zur Bundeswehr, nichts zur Politik. Befehl vom Generalmajor." Tatsächlich verbietet das "Soldatengesetz" allen Soldaten politische Äußerungen über ihre Arbeit. Sie müssen politische Neutralität wahren - selbst, wenn sie sich in zivil bewegen.
"Von denen will keiner Krieg spielen"
Also recherchiert die Wahlfahrt09 am Nachmittag auf dem Flohmarkt. Die Bundis sind Väter, Freunde, Tennispartner und Arbeitgeber von zivilen Sigmaringern, fast jeder Passant hat also Erfahrungen mit Soldaten gesammelt. Ein junger Mann ist mit Soldaten befreundet, die in Afghanistan waren: "Die haben gesagt, dass es dort sehr langweilig ist, und dass sie es nur wegen des zusätzlichen Geldes machen. Von denen will keiner Krieg spielen."
Zwar finden sich unter den Flohmarktbesuchern auch einige Sigmaringer, die nicht wissen, was die Deutschen "dort unten" verloren hätten. Doch einzig ein Heil-Eurythmielehrer hat einen Gegenvorschlag: Er würde humanitäre Einsätze lieber in der Hand von Nichtregierungsorganisationen wie "Ärzte ohne Grenzen" sehen.
Am Wahlfahrt09-Stand kommen wir mit Wolfgang Kopp ins Gespräch. Er war früher Brigadegeneral der 10. Panzerdivision, befehligte in dieser Funktion bis zu 10.000 Soldaten. "Afghanistan ist weit weg", sagt er. "Das breite Interesse der Bevölkerung für Sicherheitspolitik ist nicht da, es interessieren andere Themen, die die Leute mehr drücken." Das gelte selbst für Sigmaringen mit seinen vielen Soldaten. Kopp ist heute Landesvorsitzender der Gesellschaft für Wehr- und Sicherheitspolitik, die eine Diskussion über das deutsche Militär anstoßen will.
Mehrheit gegen militärische Einsätze
Ein schwieriges Kapitel, da laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts dimap im Juli 2009 nur noch ein Drittel der deutschen Bevölkerung militärische Einsätze befürwortet. So verzichten die großen Parteien bewusst darauf, das Thema Afghanistan im Wahlkampf ausführlich zu behandeln. "Wenn ich mit Politikern rede, sagen die, mit Sicherheitspolitik können sie keine Wahl gewinnen, höchstens wenn sie gegen Militäreinsätze sind", sagt Kopp. Viele Politiker seien darüber hinaus genau so uninformiert wie die Bürger, würden "blind von der Farbe reden" und auf die eigene Partei und die Wähler schielen. Im Ergebnis würden Ziele und Mittel von Militäreinsätzen in der Öffentlichkeit weder breit noch ergebnisoffen diskutiert, kritisiert der Brigadegeneral a.D.
In Sigmaringen scheinen sich die Bundeswehr und die Zivilbevölkerung soweit vermischt zu haben, dass eine öffentliche Kritik nicht stattfindet. Gilt diese Harmonie auch auf der privaten Ebene?
Um endlich einen aktiven Soldaten zu treffen, fährt ein Team der Wahlfahrt09 abends auf eine Beachparty am Krauchenwieser See südlich von Sigmaringen. Feuchte Kälte zieht vom Wasser hinauf, um ein Feuer stehen Partygäste herum, Musik wummert. Während sich andere Gäste auf der Tanzfläche näher kommen, steht Soldat Stefan Bruck* bislang alleine mit seinen Kameraden da. "Mit den Frauen ist es schwierig", gibt er zu. "Sobald man sagt, dass man Soldat ist, spürt man, wie viele auf Distanz gehen." Bruck ist einer der Angehörigen der 10. Panzerdivision, war bereits zweimal in Afghanistan. Neulich in der Discothek "M-Park" sei eine Frau auf ihn zugekommen. Als sie erfuhr, dass er als Soldat in Afghanistan war, habe sie ihn beschimpft. Männer hätten ihn in der Disco bespuckt. "Die haben ein gutes Gespür dafür, wie wir aussehen", sagt Stefan. Er meint sich und die anderen Soldaten.
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