Aus Sigmaringen berichtet Lu Yen Roloff
Wie viele andere Soldaten ärgert es auch Bruck, dass er in Afghanistan für Deutschland seinen Kopf hinhält, und ihm dafür in der Heimat nicht gedankt wird. Schließlich war er für jeweils vier Monate in Afghanistan stationiert, litt an Lagerkoller, als er mit völlig Fremden in Wohncontainern zusammengewürfelt wurde: "Eine Art 'Big Brother', nur dass alle Grün tragen." Über den Sinn des Einsatzes ist er sich nicht sicher. Einerseits sei die Gefährdung durch den Terrorismus tatsächlich da. Andererseits beobachte er, dass gewisse Einsätze den deutschen Eigeninteressen dienten. An dieser Stelle verstummt Bruck. Eigeninteressen an den afghanischen Energieressourcen? Der Soldat zuckt die Schultern und schaut vielsagend. Das Soldatengesetz verbietet ihm jede weitere Aussage.
Am nächsten Tag. Wenn der Sigmaringer Linke Rainer Kaltofen vom Afghanistan-Einsatz spricht, fallen die Worte "amerikanischer Terror", "imperialistische Interessen" und der Vorwurf, dass der deutsche Militäreinsatz vom Interesse an den Ölreserven des Landes bestimmt sei. Die Linke bezeichnet den Afghanistan-Einsatz als "Krieg" und damit als verfassungswidrig, da die Bundeswehr durch das Grundgesetz nur zur Verteidigung Deutschlands berechtigt sei. Erst neulich, sagt der 64-jährige Futterhändler, habe ein Soldat irrtümlich eine Mutter und ihr Kind erschossen. Dass nach diesem "Mord" nicht Tausende auf die Barrikaden stiegen, sei ein "bezeichnendes Bild der Demokratie in der Bundesrepublik".
Die Linke kann nicht punkten
Doch trotz dieser Kritik hat es selbst die Linke in Sigmaringen nicht geschafft, vor Ort mit der Afghanistan-Kritik Wähler zu werben, muss Kaltofen zugeben: "Die Linke ist hier in Hohenzollern nicht so personalstark, dass wir zu allem und überall Veranstaltungen machen können."
Die 10. Panzerdivision ist seit sieben Jahren im Einsatz in Afghanistan. Seit 2002 wurden zusätzlich zum normalen Rüstungsetat 2,96 Milliarden Euro für den Isaf-Einsatz ausgegeben. Die Sicherheitslage in Afghanistan hat sich in den vergangenen Jahren sogar drastisch verschlechtert, und die politischen Strategien des zivilmilitärischen Wiederaufbaus betreffen Hunderte Soldaten im Landkreis Sigmaringen. Trotzdem ist Afghanistan in Sigmaringen kein Thema.
Brigadegeneral a.D. Wolfgang Kopp will das ändern. Er plant mit seiner Gesellschaft für Wehr- und Sicherheitspolitik im Herbst Veranstaltungen zum Thema, hat dafür bereits eine Entwicklungshelferin aus Afghanistan eingeladen. Ihre Erfahrungen mit den Zuständen vor Ort sollen die Diskussion über Sinn und Unsinn des Einsatzes anregen.
Doch dann ist die Wahl bereits entschieden.
*Name geändert
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Deutschland | RSS |
| alles zum Thema Wahlfahrt 2009 | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH