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14.09.2009
 

Bundeswehr-Oberst Klein

Schockstopp einer Musterlaufbahn

Von Jürgen Dahlkamp und Matthias Gebauer

Afghanistan: Klein und der Befehl zum Bomben
Fotos
DPA

Oberst Georg Klein galt als ruhiger und besonnener Chef im afghanischen Bundeswehr-Camp - doch seit dem verheerenden Luftangriff steht er weltweit in der Kritik. Selbst enge Freunde können sich nicht erklären, warum der Kommandeur den Befehl zum Bomben gab.

Er hätte der richtige Mann für eine wichtige Mission sein können: Oberst Georg Klein, 48, wollte in seinem Soldatenleben immer Verantwortung tragen - für seine Männer, für den Auftrag. Nun trägt er Verantwortung, allerdings für ein Fiasko. In den Augen der Amerikaner und auch für viele deutsche Kritiker des Afghanistan-Einsatzes ist der Kommandeur des Bundeswehr-Camps in Kunduz der Schuldige für einen verantwortungslosen Einsatz, für den Tod von zahllosen Zivilisten.

Wer Georg Klein kennt, der weiß: Der Oberst trägt schwer an diesem Vorwurf. Reden tut er nicht, der Soldat mit der randlosen Brille und dem meist lächelnden Gesicht. Die Untersuchungen laufen noch. Er habe sich seine Entscheidungen "niemals leicht gemacht", sagte er lediglich in einem "BamS"-Interview.

Wie noch nie zuvor, auch nicht bei den schlimmsten Fehltritten der Amerikaner in Afghanistan, ist ein einzelner Offizier aus der anonymen Menge der Zehntausenden Soldaten im ganzen Land herausgezerrt worden. Klein ist der Mann, der den Befehl gab, er drückte auf den Knopf, sein Bild war nicht nur in deutschen Zeitungen zu sehen, auch die "New York Times" druckte sein Konterfei, ein mehr als zweifelhafter Ruhm.

Doch Klein dürfte nicht nur mit sich hadern, weil die Bombardierung der beiden Tanklaster im Kunduz-Fluss vielleicht das Ende seiner Karriere bedeutet. So einen Sekundentod seiner Musterlaufbahn würde Klein wohl als bitter empfinden, sagen Männer, die ihn kennen. Was ihn wirklich umtreiben wird, sei die Frage der Schuld. Denn Schuld, das ist für Klein noch eine moralische Kategorie, nicht einfach nur ein Fehlerfaktor in der Karriereplanung.

Einer seiner besten Freunde hat nach dem Angriff mit dem Oberst telefoniert, er erlebte einen sehr ernsten Georg Klein, und er sagt: "Georg hat diese Entscheidung getroffen, er steht absolut dazu, mit aller Konsequenz." Denn so sei "der Georg" eben: Wenn man sich auf eines verlassen könne, dann dass er jetzt nicht versuchen werde, herumzulamentieren, Ausflüchte zu suchen, die Verantwortung auf andere zu schieben. "Aber wenn sich wirklich herausstellen sollte, dass etwas nicht so gelaufen ist, wie es hätte laufen sollen, dann wird ihm das sehr schlimm sein." Und dafür spricht viel: Klein hat in der Nacht in seinem Befehlsstand in Kunduz zumindest sehr freihändig agiert, er hat die neuen, strengen Regeln für einen Luftschlag teilweise missachtet, er wird sich auch im endgültigen offiziellen Untersuchungsbericht Vorwürfe anhören müssen.

"Schnelle Entscheidungen, klare Ansprache, fachlich top"

Klein kommt aus Bendorf am Rhein, aus einer Familie mit sechs Kindern, einem Vater bei der Wasserschutzpolizei und einem Bruder, der schon vor ihm Berufssoldat geworden war. 1980 machte er sein Abitur am Gymnasium Bendorf; bereits im Jahr vorher hatte er sich beim Bund verpflichtet, Offizierslaufbahn, zwölf Jahre. Er studierte Wirtschaftswissenschaften an der Bundeswehrhochschule in Hamburg, übernahm eine Panzerkompanie in Hessen, und während viele "Zwölfender" nicht beim Bund bleiben, eigentlich nur das gut bezahlte Studium mitnehmen wollen, hatte Klein mit dem Beruf auch eine Berufung gefunden.

Den Zugang zu seinem Untergebenen hat er bei der Karriere nie verloren, sagen viele bei der Bundeswehr. "Das ist ein Mensch, durch und durch", sagt ein Hauptfeldwebel, der mal unter ihm im rheinland-pfälzischen Westerburg, beim 154. Panzerbataillon, als Spieß gedient hat. Damals erlebte die Truppe, dass Klein nicht stur Aufträge abarbeiten ließ, sondern sich Gedanken machte, welchen Zweck ein Befehl hat, und ob der Zweck die Mittel rechtfertigt. Einmal ließ er eine 36-Stunden-Übung abbrechen, weil das Wetter zu schlecht geworden war; alt gediente Feldwebel murrten, früher habe man so etwas noch durchgezogen. Doch als Weichling galt Klein trotzdem nicht: "Schnelle Entscheidungen, klare Ansprache, fachlich top", erinnert sich ein Unteroffizier.

Bald danach saß Klein in Brüssel, in der ständigen Vertretung der Bundesrepublik bei der Nato. Wenn die anderen um acht kamen, hockte Klein schon eineinhalb Stunden am Arbeitsplatz, wenn die anderen um sieben gingen, blieb Klein noch ein oder zwei Stunden. Diesmal also ein Schreibtisch-Job, bei dem es darum ging, die deutsche Beteiligung an Nato-Projekten zu planen - und deshalb vor allem darum, Vorlagen zu verfassen, möglichst wasserdichte, und mit Gespür für Diplomatie.

"Der hat Vorlagen lieber drei- als nur zweimal beackert, mit fast wissenschaftlicher Akribie", sagt ein früherer Kollege über Klein. Ein ganz besonnener Offizier sei der gewesen, fast schon untypisch für einen Mann aus der Panzertruppe, die als kantig, handfest, roh gilt. Klein liegt dieses Rohe ohnehin nicht: Er geht in Museen und gerne in die Oper, sogar ins Ballett, er liebt klassische Musik, in seinem kargen Büro im Lager in Kunduz hat er seit Amtsantritt einen schwarzen iPod Mini mit einem Lautsprecher auf dem Schreibtisch. Bei grünem Tee, den Klein in Afghanistan lieben gelernt hat, empfängt er gern Besucher. Sofort fragt er, ob sie die Musik stört. Klein liest deutsche Klassiker, er gilt als belesen, vor allem in Geschichte. "Georg kann nicht nur Fragen richtig stellen, er kann auch die richtigen Fragen stellen", sagt sein Freund, der mit ihm schon an der Hamburger Bundeswehrhochschule zusammen studiert hat.

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