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18.09.2009
 

Bundestagswahl-Blog

Countdown für Madame Mutlos

Foto: AP

Zum letzten Mal in dieser Legislaturperiode hat sich Angela Merkel der Bundespressekonferenz gestellt. Fazit von SPIEGEL-ONLINE-Redakteur Claus Christian Malzahn: Das Motto ihrer Regierung, "Mut und Menschlichkeit", hat die Kanzlerin bis heute nur zur Hälfte eingelöst.

Je näher die Wahl rückt, desto lauter wird geraunt. Wie ernst meint es Guido Westerwelle, wenn er eine Ampel-Koalition ausschließt? Will Angela Merkel heimlich doch lieber eine Große Koalition? Räumt die Linke vor der Wahl noch ein paar Fundi-Positionen ab, um sich der SPD anzunähern? Würde Trittin als Außenminister vielleicht doch in ein Jamaika-Bündnis gehen? Erholt sich die deutsche Sozialdemokratie?

All diese Fragen füllen seit Wochen die Spalten der Blätter und die Bildschirme der Online-Magazine, und wenn am kommenden Wochenende die FDP ihren außerordentlichen Bundesparteitag abhält, werden die Spekulationen weitergehen - ganz gleich, wie die Beschlüsse ausfallen. Doch wenn man ehrlich ist und die Kolleginnen und Kollegen der Hauptstadtpresse danach fragt, worauf sie wetten würden, kommt immer dieselbe Antwort: Die jetzige und kommende Kanzlerin heißt mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit Angela Merkel. Sie wird ein Bündnis mit der FDP eingehen - und wenn das nicht reicht, eine Große Koalition. Ampel oder Schwampel? Daran glaubt so gut wie niemand.

In den Umfragen hat die SPD nach dem TV-Duell vom vergangenen Sonntag zwar drei Punkte zugelegt. Eine Machtperspektive ergibt sich daraus aber nicht. Schwarz-Gelb führt immer noch deutlich, und während Gerhard Schröder vor vier Jahren kurz vor Toresschluss Tausende Menschen auf Wahlkampfveranstaltungen anzog, ist Steinmeier schon froh, wenn seine Auftritte vor halbleeren Plätzen stattfinden. Zu Westerwelles Kundgebungen strömen dagegen die Menschen. Solche Live-Auftritte wirken wie Relikte aus den zwanziger Jahren, als es kein Fernsehen gab und das Radio noch längst nicht in jedem Wohnzimmer stand. Dennoch setzen auch heute die Wahlkämpfer noch immer in erster Linie auf den Einsatz im öffentlichen Raum - weil man da am besten auf Tuchfühlung gehen und die Wechselstimmung testen kann. Das dröge Fazit dieses Wahlkampfs: Wechselstimmung gibt es nicht. Punkt.

Schwarz-gelbe Mehrheit scheint sicher

Was die für die Union und FDP schmeichelhaften Umfragen gar nicht abbilden, sind die Überhangmandate, die vermutlich zuhauf an die CDU und CSU gehen werden. "Ein Überhangmandat ist kein Mandat zweiter Klasse", sagte die Bundeskanzlerin an diesem Freitag vor der vollbesetzten Bundespressekonferenz in Berlin - soll heißen: Auch wenn eine schwarz-gelbe Mehrheit nur mit Hilfe dieser Zusatzsitze erlangt werden könnte, wird sie es tun.

Vor der geballten Berliner Meinungsträgerschaft hat Angela Merkel nachzuliefern versucht, was am Sonntag im TV-Duell zu kurz kam. Sie hat zur Freude der Fotografen mit ausladenden Handbewegungen erklärt, warum sie demnächst lieber mit der FDP regieren will. Erstens: Wir stecken im globalen Wettbewerb - wer am schnellsten aus der Krise rauskommt, hat gewonnen. Deshalb brauchen wir - zweitens - Wachstum, Wachstum, Wachstum, zum Beispiel durch Steuersenkungen und weniger Bürokratie. Und natürlich soll das Bündnis mit der FDP drittens eine "Koalition der Mitte" werden.

Das wollen fast alle, eine Koalition der Mitte bilden. Die soziale Mitte, die grüne Mitte, die liberale Mitte, selbst die Linke wird irgendwann noch die linke Mitte entdecken, ganz sicher. Wie unterscheidet man sich dann eigentlich noch? Gut, dass es Guido Westerwelle gibt. Wenn man den prügelt, erntet man bei den Grünen immer noch die größten Lacher. Guido, das asoziale Schreckgespenst, Hui Buh ist nichts dagegen. Bei der SPD gelten ähnliche polit-psychologische Mechanismen. Doch es geht hier nicht so sehr um Politik, sondern eher um kulturelle Distanz, es geht auch gar nicht so sehr darum, was Westerwelle heute ist - sondern was er einmal war: ein Jungliberaler, der schon Anzüge getragen hat, als die Aktivisten des heute im politischen Mainstream angekommenen rot-grünen Projekts noch mit Bundeswehrparka und langen Haaren herumliefen. Guido Westerwelle ist der Typ Sohnemann, den die 68er nie haben wollten. Sie mögen ihn einfach nicht.

Keine Angst vorm gelben Mann

Das Dumme ist nur: Bei aller persönlicher Distanz würden Sozialdemokraten und Grüne sofort in eine Ampel-Koalition mit Guido gehen, wenn der nur wollte. Das ist, vorsichtig formuliert, keine kohärente Argumentation. Außerdem haben die Deutschen gar keine Angst vor Guido Westerwelle. Sie hatten ja auch keine Angst vor Joschka Fischer, der in seinem Leben auch nicht jeden Sonntag in die Kirche gegangen ist. Und sie haben schon gar keine Angst vor dem "Baron aus Bayern" Guttenberg. Die alten Feindbildvorlagen funktionieren in der real existierenden Bundesrepublik nicht mehr. Sie funktionieren nur noch ein bisschen in den ideologischen Wärmestuben der Parteien.

Also: Schwarz-Gelb.

Denkt Merkel eigentlich schon über den Leitspruch ihrer Regierungserklärung nach? Für Adenauer galt als plakative Überschrift: "Keine Experimente". Bei Brandt war es "Mehr Demokratie wagen", Schröder plädierte 1998, schon nicht mehr ganz so griffig, für "Innovation und soziale Gerechtigkeit". Als Merkel 2005 die Macht übernahm, warb sie für "Mut und Menschlichkeit", das klang hübsch, wie der Titel eines Romans von Jane Austen. Nun wollen wir Merkel die Menschlichkeit nicht absprechen, ihre Beliebtheit hat auch damit zu tun, dass sie sympathisch wirkt. Kälte strahlt sie nicht aus - aber Mut? Wo ist der eigentlich in den vergangenen vier Jahren geblieben? Gab es überhaupt schon mal mutige Politiker in der Geschichte dieser Republik?

Doch, die gab es. Adenauers Westbindungspolitik war mutig, weil er damit einen Sperrriegel vor neue deutsche Sonderwege legte und die junge Republik davor bewahrte, sich in illusorische Wiedervereinigungsszenarien zu verstricken. Brandts Entspannungspolitik war mutig, weil er damit das Leben vieler Familien im geteilten Deutschland erleichterte. Auch Kohl war mutig: Erst versprach er seinen Anhängern eine geistig-moralische Wende, dann leitete er sie aber Gott sei Dank gar nicht ein. Stattdessen fuhr er im Urlaub nicht nur an den Wolfgangsee, sondern auch regelmäßig nach Sachsen in die DDR. Auch deshalb wusste er vor 20 Jahren, als die DDR auseinanderbrach, wo der Barthel den Most holt. Schröder war mutig, weil er sich vor den neuen Aufgaben der deutschen Außenpolitik auf dem Balkan und in Afghanistan nicht drückte. Hartz IV klang furchtbar, war aber auch mutig, weil wir sonst heute wahrscheinlich wesentlich mehr Arbeitslose hätten. Und zwar nicht nur in der Statistik, sondern auch im wirklichen Leben.

An dieser Stelle käme jetzt eigentlich Merkels Mut. Klar, wie sie erst den alten Kohl als Parteivorsitzenden attackiert und dann Wolfgang Schäuble in der Position beerbt hat, das hatte Schwung. Aber Mut, in ihrer Regierung?

Kommt bestimmt noch. Mut und Menschlichkeit, Teil II. Wir zählen die Tage.

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Vorweg: ich halte von den Demoskopen nichts! Aber "gestümpert" hat in erster Linie die SPD; denn es war sehr wohl eine Aufholjagd, allerdings eine vergebliche. mehr...

28.09.2009 von yogtze:

Kann mir aber nicht vorstellen, dass der von der Moderation kam, der hatte doch nur seine Aufgabe darin gesehen, SPD-Bashing zu provozieren. Um mal wieder auf den Thread zurückzukommen: das Ergebnis hat gezeigt, dass die [...] mehr...

28.09.2009 von Morotti:

Ich war mal in einem Forum, wo die Moderatoren eine "Fake Figur" erfunden haben, um die Diskussion anzuheizen. mehr...

28.09.2009 von blueyes1: Ha!

Das habe ich bei Knut Beck auch vermutet - und deswegen nach weiteren Ausserungen von ihm bei SPON gesucht.. Entweder ist er ein CSU- oder CDUler oder so einfach gestrickt, daß er das wirklich glaubt, was er in den ganzen [...] mehr...

28.09.2009 von Robert Rostock:

Wobei man neidlos anerkennen muss, dass Knut Becks Beiträge teilweise richtig gut gemacht waren. mehr...

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